APUZ Dossier Bild

30.7.2008 | Von:
Nicole Burzan

Die Absteiger: Angst und Verunsicherung in der Mitte der Gesellschaft

Auch in er Mitte der Gesellschaft gibt es inzwischen prekäre Lebensverhältnisse. Es wird untersucht, was diese "Mitte" kennzeichnet, bevor sich der Blick auf Abstiegsprozesse und den Zusammenhang mit subjektiven Verunsicherungen richtetet.

Einleitung

Die steigende Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit wie in der wissenschaftlichen Fachdiskussion für prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse - zuletzt etwa anlässlich des Entwurfs des 3. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung im Mai 2008 - hat den Blick auch auf die Mitte der Gesellschaft geschärft und verändert. Den Hintergrund dafür bilden, um nur einige Stichworte zu nennen, Prozesse wie eine über lange Zeit steigende Arbeitslosigkeit, die Deregulierung von Erwerbsarbeit, beispielsweise im Hinblick auf Arbeitsplatzsicherheit und Arbeitszeiten, oder die Krise des Sozialstaats. Immer mehr Menschen geraten in Lebensverhältnisse, die prekär oder mit einem sozialen Abstieg verbunden sind, womit es zugleich zu einer Erosion der Vorstellungen von Normalität und Sicherheit in mittleren sozialen Lagen kommt.




Nicht nur diejenigen, die bereits selbst Abstiegserfahrungen erleiden mussten oder ohne aussichtsreiche Zukunftsperspektiven von Armut betroffen sind, können als Problemgruppe identifiziert werden, sondern auch diejenigen, die zwar nicht luxuriös leben, aber immerhin noch etwas zu verlieren haben. Durch Prozesse wie den der so genannten "Subjektivierung von Arbeit" geraten die Erwerbstätigen zunehmend unter Druck, sich unter schwierigen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt bestmöglich vermarkten zu müssen. Die gewachsene Verantwortung geht jedoch nicht mit einer entscheidenden Rückgewinnung von Sicherheit einher, mit der "richtigen" Strategie den eigenen Status aufrechterhalten zu können. Nachdem Menschen in mittleren sozialen Lagen in den vergangenen Jahrzehnten von der wirtschaftlichen und wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung profitiert haben, machen sie sich nun zunehmend Sorgen etwa darüber, ob sie ihren Lebensstandard werden halten können, ob sie arbeitslos werden und dann auch ihre Altersversorgung in Gefahr gerät oder ob sie ihren Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen können. Solche Ängste vor dem Statusverlust sind keinesfalls ohne reale Folgen, im Gegenteil: Subjektive Perspektiven stehen in komplexen Wechselwirkungen unter anderem mit tatsächlichen Mobilitätsprozessen.

Der Beitrag untersucht zunächst, was die "Mitte" der Gesellschaft kennzeichnet, bevor der Fokus ausdrücklich auf unterschiedliche Abstiegsprozesse sowie den Zusammenhang mit subjektiven Verunsicherungen und Abstiegsängsten gerichtet wird. Ein Ausblick beschäftigt sich mit Folgerungen, welche die Ungleichheitstheorie aus diesen Phänomenen ziehen könnte.