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30.7.2008 | Von:
Berthold Vogel

Prekarität und Prekariat - Signalwörter neuer sozialer Ungleichheiten

Der Sozialtypus des Grenzgängers

Was wissen wir über die Erfahrungen derjenigen, die sich als prekäre Grenzgänger auf den Arbeitmärkten bewegen? Zunächst zeigt sich, dass diese Grenzgänger längst nicht mehr nur aus der angelernten Arbeiterschaft stammen oder aus den Wirtschaftsbranchen, in denen einfache Dienstleistungen angeboten und niedrige Löhne für einfache Tätigkeiten gezahlt werden, in denen Schwarzarbeit und Gelegenheitsjobs zur Normalität gehören, oder in denen rechtliche Standards weniger Geltungskraft als anderenorts besitzen. In diesen Branchen und Segmenten der Arbeitswelt war die Prekarität ja schon immer zu Hause. Zu denken ist hier insbesondere an Hilfsarbeiter in Industrie und Handwerk, aber auch an die zahlreichen schlecht bezahlten und rechtlich oft vogelfreien Frauenjobs im Reinigungs- und Gaststättengewerbe, im Supermarkt oder bei den Pflegediensten. Seit einiger Zeit beginnt sich allerdings das soziale Profil der Grenzgänger zu verändern. In den rechtlich deregulierten und materiell knappen Zonen des Arbeitsmarktes finden sich immer häufiger auch qualifizierte Facharbeiter und Fachangestellte. Die Fragilität und Unsicherheit von Beschäftigung hält Einzug in die stabilen Kernbereiche der Arbeitsgesellschaft - Branchen, die man einst mit besten Karrierechancen und sozialer Sicherheit gleichsetzte: die Autoindustrie, den Maschinenbau, Banken und Versicherungen oder auch die öffentlichen Dienste. Längst ist auch die arbeitnehmerische Mitte der qualifizierten Arbeitnehmer und der in ihren Berufen und Betrieben einst fest verwurzelten Beschäftigten betroffen. Prekarität ist keineswegs überall, aber sie gewinnt für einen Gutteil der auf Sicherheit und Vorwärtskommen orientierten Arbeitnehmerschaft an bedrohlicher Normalität.

Diese Veränderungen der Arbeitslandschaften haben sehr unterschiedliche sozialstrukturelle und biographische Konsequenzen. Die Lebensläufe der prekären Grenzgänger folgen zwar keinem einheitlichen Muster, aber es finden sich doch einige typische Formen und Verläufe.

Exemplarisch können drei Typen genannt werden. Sie stehen für die Verfestigung der Randlagen der Arbeitswelt, für die Dynamik sozialen Abstiegs und beruflicher Entwertung und für neue Strategien des Überlebens und der Selbstbehauptung.

  • Da sind erstens die Jobnomaden, die sich als Grenzgänger im Unterholz der Erwerbsarbeit und in den Randlagen des Arbeitsmarktes gut auskennen. Das bedeutet nicht, dass es ihnen gut geht. Sie haben zwar bestimmte Fertigkeiten entwickelt, die ihnen ihre Rolle als Grenzgänger erleichtern, aber sie sehen sich ständig unter Druck und befinden sich in dauerhaft angespannter finanzieller Lage. Die Jobnomaden wissen sich im Umgang mit den Ämtern zu helfen, aber sie müssen oft auch staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Sie erhalten über ihre sozialen Kontakte Hinweise auf Jobmöglichkeiten, aber dieses Springen von Job zu Job verfestigt auch ihre Randlage. Viele Kämpfernaturen finden sich hier, die dem öffentlichen Ressentiment wohlfahrtsstaatlich genährter Passivität keineswegs entsprechen. Sie sind sozial sehr beweglich und zeigen eine hohe Kompetenz, mit den Anforderungen komplizierter Arbeitsmärkte fertig zu werden. Wir treffen unter den Jobnomaden auf sehr unterschiedliche soziale und berufliche Milieus. Das Spektrum umspannt Hilfsarbeiter und Akademiker. Arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitisch sind sie freilich oft ein schwieriger Fall. Sie entziehen sich gerne den amtlichen Beschäftigungsangeboten und lassen sich ungern therapeutisch und pädagogisch "bearbeiten"; oft hat man den Eindruck, dass sie am besten alleine zu Recht kommen, obgleich sie oft darüber klagen, auf sich alleine gestellt zu sein.

  • Zweitens haben wir es in den prekären Grenzregionen mit Arbeitsmarktdriftern zu tun, die nach einer Biographie sozialen und beruflichen Abstiegs mehr und mehr von der Vielfalt der Wege und von der Uneindeutigkeit der Wegmarken verwirrt sind. Es fällt ihnen schwer, für sich einen Weg in der veränderten Erwerbslandschaft zu finden, der Stabilität in ihre berufliche und soziale Abstiegsgeschichte bringt. Die neuen und vielfältigen Arbeitswelten und Statusformen der Beschäftigung bieten ihnen keine biographischen Anhaltspunkte, an denen sie sich positiv orientieren könnten. Die Arbeitsmarktdrifter haben etwas verloren - ihre betriebliche Position und berufliche Stellung sowie ihr über die Erwerbsarbeit definiertes Selbstwertgefühl. Sie haben zudem ihre materielle Sicherheit eingebüßt, die es ihnen erlaubt, auch als Konsumenten mit anderen mithalten zu können. Statuszerfall und Abstiegserfahrung prägen ihre Erfahrung, obwohl sie noch längst nicht vom Arbeitsmarkt abgehängt sind. Den Abstand zwischen ihrer aktuellen Lage und ihrer Vorstellung von einer gelungenen beruflichen Laufbahn empfinden sie als soziale Beschämung. Sie können nicht nur den Ansprüchen der anderen, sondern auch ihren eigenen Maßstäben nicht gerecht werden. Sie sind die Gruppe, die am meisten beschäftigungspolitischer Unterstützung bedürfen, und sie benötigen Wegmarken, die ihnen neue Stabilität geben.

  • Eine dritte Gruppe unter den Grenzgängern sind schließlich die Pfadfinder der neuen Unübersichtlichkeit, die die verschlungenen Pfade für sich zu nutzen wissen und die auf überraschenden Wegen zum Ziel kommen. Zu den Pfadfindern zählt die viel diskutierte "Generation Praktikum", aber zu ihr zählen auch Leiharbeitskräfte, die gezielt Leihbetriebe ansteuern, um von dort den Einstieg in begehrte Branchen zu finden, oder "kreative Kombinierer", die staatliche Unterstützungsleistungen nutzen, um bestimmte berufliche Ziele zu erreichen. Arbeitsmarktpolitik wirkt bei ihnen allerdings oft auf andere Weise, als sich das Arbeitsmarktpolitiker vorstellen. Viele dieser Pfadfinder durch die neuen Risiko- und Gelegenheitsstrukturen der Arbeitswelt offenbaren zugleich eine veränderte Form der Subjektivität: Rücksichtslosigkeit und Durchsetzungsfähigkeit. Hier entwickelt sich ein Sozialcharakter des Arbeitsmarktindividualismus und des unbedingten Konkurrenzdenkens; ein Sozialcharakter, der beschäftigungspolitisch durchaus gefördert wird. Auf diese Weise werden auch die Veränderungen erwerbsarbeitsbezogener Mentalitäten sichtbar, die sich bewusst von Strategien der Kollektivierung, der Vereinheitlichung und der Standardisierung abwenden.

    An den Erfahrungen dieser prekären Grenzgänger, der Jobnomaden, der Arbeitsmarktdrifter und der Pfadfinder, zeigen sich die Schwierigkeiten der Abgrenzung eines klar erkennbaren "Innen" und "Außen" der Arbeitswelt. Die Erwerbsverläufe und die Orientierungen dieser Grenzgänger zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie sich nicht ohne weiteres auf einen Nenner der Teilhabe oder des Ausschlusses am Arbeitsmarkt bringen lassen. Charakteristisch ist für sie alle eher die anhaltende biographische Spannung, die eine besondere Form sozialer und beruflicher Belastung markiert. Zugleich geben uns die unterschiedlichen Typen der Grenzgänger Hinweise auf die wachsenden Unterschiede zwischen Erwerbsbiographien und Lebensverläufen. Die aktuelle Entwicklung der Arbeitswelt, die mit den Begriffen der Prekarität und der Prekarier umrissen wird, drängt nicht zur Vereinheitlichung oder zur Formierung klarer Spaltungslinien, sondern zur Vervielfältigung von Arbeitswirklichkeiten und Biographien sowie zu einer gewissen Unübersichtlichkeit von Statusformen und Erwerbspositionen.