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30.7.2008 | Von:
Peter Bescherer
Silke Röbenack
Karen Schierhorn

Nach Hartz IV: Erwerbsorientierung von Arbeitslosen

Die apathische "Unterschicht" gibt es nicht. Gemeinsam ist den verschiedenen Gruppen nur die Orientierung auf reguläre Erwerbsarbeit. Die aktivierende Arbeitsmarktpolitik stellt durch Homogenisierung der Leistungsbezieher spannungsgeladene soziale Nachbarschaften her.

Einleitung

Nach Jahren der Stagnation versprechen sinkende Arbeitslosigkeit und Rekordzahlen von über 40 Millionen Erwerbstätigen Entspannung am Arbeitsmarkt. Dennoch bezweifeln selbst optimistische Beobachter, dass die Arbeitslosigkeit mittelfristig deutlich unter die Drei-Millionen-Grenze fallen wird.



Insbesondere bei den gegenwärtig mehr als eineinhalb Millionen Langzeitarbeitslosen ist ein positiver Integrationseffekt nur sehr begrenzt spürbar. Und wer den Sprung aus der Arbeitslosigkeit schafft, gerät immer häufiger in unsichere, niedrig entlohnte Beschäftigung.[1] Die Gruppe der so genannten "Aufstocker" - Menschen, die trotz Erwerbstätigkeit auf Arbeitslosengeld-II-Leistungen angewiesen sind - bildet hier nur die Spitze des Eisbergs.[2]





Schon diese wenigen Daten illustrieren, dass konjunkturelle Belebung und Fachkräftemangel auf Teilarbeitsmärkten kein Indiz für ein Zurück zur Vollzeitbeschäftigung der Nachkriegsära sind. Vielmehr bedeutet der Ausstieg aus der Arbeitslosigkeit auch in Deutschland häufig Einmündung in eine expandierende "Zone der Verwundbarkeit", in der unsichere Arbeits- und Lebensverhältnisse an der "Schwelle der Respektabilität" zu einem Dauerzustand geworden sind.[3]





Unterhalb dieser Schwelle hat sich offenbar eine Schicht von "Überzähligen" herausgebildet, denen eine (Re-)Integration in reguläre, mehr als Existenz sichernde Beschäftigung kaum noch gelingt. Die Ursachen dieser Entwicklung verorten einflussreiche Zeitdiagnosen vor allem in der Mentalität einer passiven wohlfahrtsabhängigen "Unterschicht". In diesen Gruppen sei Erwerbslosigkeit "milieukonstituierend" geworden und schotte "zunehmend auch kulturell gegen Aufstiegschancen und Aufstiegswillen ab".[4] Die Absage an staatliche Versorgung wird als naheliegende Problemlösung ausgegeben. Diesem Geist entsprechen die so genannten Hartz-Gesetze. Zumindest implizit orientieren sich die Arbeitsmarktreformen am Negativbild des "passiven Arbeitslosen", der durch geeignete Kombinationen von Fördermaßnahmen und strengen Zumutbarkeitsregeln zu reaktivieren sei. Arbeitslosigkeit gilt demnach nicht primär als Strukturproblem, sondern als selbst verantwortetes Resultat persönlicher Einstellungen und Entscheidungen. Im Umkehrschluss werden Arbeitslose gewissermaßen zum Unternehmer ihrer eigenen Beschäftigungsfähigkeit erklärt.

Fußnoten

1.
Vgl. Gerhard Bosch/Claudia Weinkopf (Hrsg.), Arbeiten für wenig Geld. Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland, Frankfurt/M.-New York 2007.
2.
Anfang 2007 waren ca. 1,3 Millionen Leistungsbezieher zugleich abhängig beschäftigt, "die Hälfte sogar sozialversicherungspflichtig und häufig in Vollzeitarbeit", Jürgen Kühl, Wandel der Funktionen von Arbeitsmarktpolitik, in: Judith Aust u.a. (Hrsg.), Über Hartz hinaus. Stimmt die Richtung in der Arbeitsmarktpolitik? Düsseldorf 2008, S. 49. Die Zahl der Aufstocker ist inzwischen leicht rückläufig.
3.
Robert Castel, Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz 2000, S. 360f.
4.
Paul Nolte, Riskante Moderne. Die Deutschen und der neue Kapitalismus, München 2006, S. 96 u. 98.