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30.7.2008 | Von:
Peter Bescherer
Silke Röbenack
Karen Schierhorn

Nach Hartz IV: Erwerbsorientierung von Arbeitslosen

Die Erwerbsorientierungen eigensinniger "Kunden" - eine Typologie

Über die realen Auswirkungen dieser Reformmaßnahmen auf die Orientierungen und Handlungsstrategien von Betroffenen ist bislang wenig bekannt. Wir sind dieser Frage im Rahmen eines qualitativ angelegten Forschungsprojekts in vier ausgewählten Regionen nachgegangen. Obwohl unsere Ergebnisse nicht im strengen statistischen Sinne repräsentativ sind, erlauben sie doch einen tiefen Einblick in die "Zone der Entkoppelung" (Robert Castel), in der sich diejenigen befinden, die ihr Leben zunehmend jenseits regulärer Erwerbsarbeit fristen müssen.[5]

Unsere Studie basierte auf Expertengesprächen (n=62) sowie einer Befragung von Leistungsempfängern des ALG II (Arbeitslose, ABM-Beschäftigte, Leistungsaufstocker, geförderte Selbstständige, Ein-Euro- und Minijobber, n=99). Ergänzend kam eine Befragung von Nichtanspruchsberechtigten (n=89) hinzu. Ein qualitatives Verfahren schien uns angemessen, um vertrauensvolle Gesprächssituationen zu schaffen und so genauere Vorstellungen von den "Kunden" der Arbeitsverwaltung zu erhalten. Das neue Arbeitsmarktregime - so unsere forschungsleitende These - setzt bei den Adressaten der Reform ein quasi-unternehmerisches, kalkulierendes Denken voraus, welches sich anzueignen Leistungsbezieher des ALG II in der Regel kaum in der Lage sind. Daher vermuteten wir die Verfestigung einer bereits im Gange befindlichen "zonalen" Spaltung der Arbeitsgesellschaft, im Extremfall gar die Herausbildung von Orientierungen, die auf ein Leben jenseits regulärer Erwerbsarbeit zielen. Diese Überlegung mag auf den ersten Blick an die Unterschichten-Diagnose erinnern; wie wir zeigen wollen, laufen unsere Befunde jedoch auf eine vollkommen andere Problemsicht hinaus.

In der Auswertung des empirischen Materials haben wir sieben typische Erwerbsorientierungen bei Langzeitarbeitslosen und prekär Beschäftigten rekonstruieren können. Hauptkriterien, an denen sich die Typologie orientiert, sind die normative Erwerbsorientierung, das heißt die Bedeutung, welche die Befragten einer regulären Arbeit subjektiv verleihen, sowie die faktische Tätigkeitsausrichtung, das heißt die Rolle, die Erwerbsarbeit oder Tätigkeitsformen, die an die Stelle einer bezahlten Beschäftigung treten, tatsächlich spielt (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version).

Es ist hier nicht möglich, die Typologie vollständig zu erläutern. Wir beschränken uns daher zunächst auf eine kontrastierende Beschreibung von Grundkategorien (Um-jeden-Preis-Arbeiter; Als-ob-Arbeiter), um dann einen genaueren Blick auf die Gruppe der Nicht-Arbeiter zu werfen.

Die Um-jeden-Preis-Arbeiter setzen alles daran, Arbeitslosigkeit zu überwinden und nutzen nahezu jede sich bietende Chance, um wieder in das Erwerbssystem hinein zu gelangen. Typisch sind mitunter geradezu arbeitsbesessene "Aufstocker" und Selbstständige, die mit großer Energie danach streben, Arbeitslosigkeit zu überwinden oder zu vermeiden. Einer dieser Selbstständigen, ein frisch gebackener Besitzer einer kleinen Eisdiele, hat einen Elternkredit aufgenommen, um dem Schicksal des "Hartzis" zu entgehen. Als Chef von mehreren Mini-Jobbern verfügt er selbst über ein monatliches Nettoeinkommen von etwa 300 Euro. Noch besitzt er ein Haus und ein Auto, er muss jedoch gelegentlich Einrichtungsgegenstände veräußern, um über die Runden zu kommen. Bezeichnend für ihn wie auch für vergleichbare Fälle ist, dass Arbeitslosigkeit subjektiv nicht existiert. "Wenn das Projekt scheitert, plane ich eben das nächste", lautet die Devise.

Zu dieser Gruppe zählen aber auch junge Arbeitslose, die den Übergang in das Erwerbssystem aus unterschiedlichen Gründen bislang nicht bewältigt haben. Die Erfahrung nur kurz andauernder Arbeitslosigkeit, eine gute Ausbildung und/oder positive Berufserfahrung sowie eine grundsätzlich stabile Selbstwahrnehmung bilden die Basis ihres Engagements. Auch wenn Arbeitslosigkeit die Um-jeden-Preis-Arbeiter in den Selbstdeutungen eher zufällig ereilt hat und nicht auf individuelle Defizite zurückgeführt wird, sind sie davon überzeugt, dass sie sich persönlich und mit allen Mitteln für deren Überwindung einsetzen müssen. Allerdings gehen sie dabei deutlich unterschiedliche Wege. Während die Solo-Selbstständigen ihr Engagement explizit auf eine Maximierung von Unabhängigkeit ausrichten und Alternativen jenseits abhängiger Beschäftigung ins Auge fassen, orientieren sich andere Leistungsbezieher ausschließlich an konventioneller Lohnarbeit. Charakteristisch für alle Um-jeden-Preis-Arbeiter ist, dass sie die Angebote der Arbeitsverwaltung im Sinne eines Anspruchs interpretieren, dessen Realisierung sie mehr oder minder selbstbewusst einfordern. Im Vergleich zu anderen Arbeitslosen ist nicht nur die Intensität der Bewerbungsaktivitäten deutlich höher und der räumliche Aktivitätsradius größer, auch die real verfolgten Strategien weisen eine größere Bandbreite auf.

Die Befragten der Kategorie Als-ob-Arbeiter - häufig über Arbeitsgelegenheiten "aktivierte" Arbeitslose - halten ebenfalls normativ an regulärer Erwerbsarbeit fest. Sie akzeptieren jedoch aufgrund längerer Erwerbslosigkeit und zahlreicher Frustrationen Tätigkeits- und Lebensalternativen. Prägnant tritt dies bei Befragten hervor, die ihren Ein-Euro-Job oder auch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) so ausüben, als handele es sich um eine dauerhafte Beschäftigung. Eindrucksvoll repräsentiert werden die Als-ob-Arbeiter von einer Frau, die jeden Morgen zur gleichen Zeit ihr Haus verlässt und alles tut, um den Anschein zu erwecken, als ginge sie noch ihrer ehemaligen Berufstätigkeit nach. Der Ein-Euro-Job ist für sie eine willkommene Gelegenheit, die Normalitätsfassade aufrecht zu erhalten. Offenbar ahnt niemand in der unmittelbaren Nachbarschaft, dass die Betreffende seit langer Zeit arbeitslos ist. Für alle Als-ob-Arbeiter gilt, dass das Streben nach einer regulären Erwerbsarbeit in der normativen Dimension zwar ungebrochen ist, diese Orientierung sich jedoch im realen Leben immer weniger durchhalten lässt. Eine wachsende Kluft zwischen normativen Orientierungen und Erwerbschancen charakterisiert die Verarbeitungsformen und Handlungsstrategien dieser Befragten. Insgesamt umfasst auch die Grundkategorie der Als-ob-Arbeiter unterschiedliche Typen von Erwerbsorientierungen. Während etwa für Minijobber die Außendarstellung als Berufstätige und die Vermeidung von Aktivierungsanforderungen Priorität hat, stellen ehrenamtlich Engagierte, die ihre Tätigkeit wie eine Vollzeitbeschäftigung organisieren und ausüben, auf soziale Kontakte und Wertschätzung ab. Das gelingt allerdings immer nur annäherungsweise. Denn auch die "Selbsttätigen", die sich mitunter im bürgerschaftlichen Engagement geradezu aufopfern, lassen keinen Zweifel daran, dass Ehrenämter und Eigenaktivitäten eine bezahlte, reguläre Erwerbsarbeit nicht zu ersetzen vermögen.

Fußnoten

5.
Die Ausführungen basieren auf ersten Ergebnissen des von Klaus Dörre geleiteten Forschungsprojektes "Eigensinnige Kunden. Der Einfluss strenger Zumutbarkeit auf die Erwerbsorientierungen Arbeitsloser und prekär Beschäftigter" im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 580 "Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch. Diskontinuität, Tradition und Strukturbildung" am Institut für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die soziodemographische Zusammensetzung der Interviewten gestaltet sich wie folgt: 67 % Frauen, 33 % Männer; mit 35,4 % überwiegend in der Altersgruppe von 35 bis 44 Jahre (gefolgt von 29,3 % in der Altersgruppe von 45 bis 54 Jahre); gut ein Drittel (35,4 %) mit Real- und ein Drittel (31,3 %) mit Hauptschulabschluss (Abiturienten sind mit 20,2 % stärker repräsentiert als Schulabbrecher mit 12,1 %).