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30.7.2008 | Von:
Peter Bescherer
Silke Röbenack
Karen Schierhorn

Nach Hartz IV: Erwerbsorientierung von Arbeitslosen

Phänomenologie der Nicht-Arbeit

Angesichts der Tatsache, dass sich die Mehrzahl der von uns befragten Leistungsbezieher den Grundkategorien Um-jeden-Preis-Arbeiter und Als-ob-Arbeiter zuordnen lassen und nach einer regulären, Existenz sichernden und sozial anerkannten Erwerbsarbeit streben, ließe sich erwarten, dass zumindest die Nicht-Arbeiter Einstellungen aufweisen, die gemeinhin der "Unterschicht" zugeschrieben werden. In der Tat repräsentieren diese Befragten Orientierungen an einem Leben jenseits regulärer Erwerbstätigkeit. Dabei handelt es sich um heterogene, wahrscheinlich temporäre Formen von (Selbst-)Ausschluss und Isolation. Mit regulärer Erwerbsarbeit verbundene Dispositionen wurden entweder nie angeeignet oder im Zuge jahrelanger erfolgloser Arbeitssuche nach und nach aufgegeben. An ihre Stelle sind andere Normen, Tätigkeitsformen und Lebensentwürfe getreten. Bei genauerem Hinsehen lassen sich unter den Nicht-Arbeitern zwei charakteristische Ausprägungen herausarbeiten. Wir bezeichnen die entsprechenden Gruppen als Konventionelle und Verweigerer.

Spezifisch für die Konventionellen ist, dass sie Erwerbsarbeit als gesellschaftliche Norm zwar akzeptieren, sich selbst jedoch unter die akzeptierten Ausnahmen rechnen. Den Anschluss an die gesellschaftliche Normalität suchen sie über sozial anerkannte, konventionelle Rollen und Lebensentwürfe, die als komplementär zur Erwerbsarbeit gelten können. Dass Erwerbsarbeit für die Betreffenden kein individuelles Handlungsziel darstellt, hängt mit unterschiedlichen Faktoren wie frustrierenden Erfahrungen mit andauernder Arbeitslosigkeit oder generell fehlender Arbeitserfahrung zusammen.

Eine charakteristische Verarbeitungsform, die wir häufig bei Frauen finden, die aus der Sozialhilfe kommen, ist der Versuch, durch Ausübung der Mutterrolle einen symbolischen Anschluss an die gesellschaftliche Normalität herzustellen. Sie sind durchaus bereit, nebenbei zu jobben, wenn die Erwerbsarbeit mit ihrem Familienarrangement vereinbar ist. Im Vordergrund stehen jedoch der temporäre Zuverdienst in finanziell kritischen Zeiten oder das Bedürfnis nach sozialen Kontakten außerhalb der Familie. Für alle Ausprägungen konventioneller Nicht-Arbeit gilt, dass Erwerbsarbeit nicht den Kern des eigenen Identitätskonzeptes bildet. Vielmehr steht das Wohl der Familie bzw. der Kinder im Zentrum. Folglich spielt das Thema Erwerbsarbeit in den Interviews eine untergeordnete Rolle; Wünsche hinsichtlich beruflicher Tätigkeit werden etwa nur auf Nachfrage hin geäußert und bleiben biographisch abstrakt. Typisch sind hingegen Selbstevaluationen nach dem Motto "Ja, und jetzt bin ich schon ganz lange Hausfrau und Mutter". Niedrige oder fehlende Schul- bzw. Berufsbildungsabschlüsse geben den Hintergrund ab für die eher implizite "Wahl" der Hausfrauen- und Mutterrolle. Ein solcher Lebensentwurf, der der traditionellen Rollenteilung zwischen den Geschlechtern entspricht, ist nicht per se problematisch. Er wird es erst, wenn Ehe- oder Lebenspartner dieses Arrangement kündigen oder der traditionellen Ernährerrolle nicht ausreichend nachkommen (können). Zwar war es schon im Rahmen des Bundessozialhilfegesetzes (BSHG, § 18 Abs. 1,3) möglich, Sozialhilfebezieherinnen und -bezieher anzuhalten, durch eigene Arbeit die Hilfebedürftigkeit zu verringern; durchgesetzt wurde es hingegen kaum. Der erzwungene "familiäre Rollentausch" tritt tatsächlich erst mit Einführung des Arbeitslosengeldes II ein.[6] Die befragten Leistungsbezieherinnen sehen sich mehr oder weniger unvermittelt mit der "Nicht-(mehr-)Anerkennung" und Nicht-Duldung ihres ursprünglichen Lebensentwurfs konfrontiert. In ihrem bisherigen Leben eingerichtet, können sie die neuen Anforderungen kaum in konkretes Handeln umsetzen. Sie fühlen sich überfordert und viele von ihnen versuchen an ihrem gewohnten Status als Hausfrau und Mutter festzuhalten: "... es ist eben so, ich bin da so reingewachsen".

Der andere Teil der konventionellen Nicht-Arbeiter versucht durch Verrentung, etwa aus Krankheitsgründen, den anerkannten Ausstieg aus dem Hilfesystem zu vollziehen. Die Betreffenden arbeiteten lange in unsteten, prekären Beschäftigungsverhältnissen. Nach einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit von mehr als zwei Jahren Dauer sehen sie aufgrund ihres Alters (meist über 45 Jahre) oder einer Erkrankung für sich nur noch geringe Chancen auf eine reguläre Beschäftigung mit ausreichendem Einkommen. Selbstbeschränkung, fortgesetzte Enttäuschung sowie das Gefühl von Überflüssigkeit und Entwertung ihrer Arbeits- und Lebenserfahrung mündeten schließlich in ein "Sich-Fügen" in das "unvermeidliche" Leben ohne Erwerbsarbeit. Die Akzeptanz des Nicht-Arbeits-Status fällt im Regelfall leichter, wenn die vorherrschenden Erwerbsmotive eher instrumentell begründet waren. Es ist zu vermuten, dass es bei den betreffenden Konventionellen schon während der Erwerbstätigkeit Aktivitätsbereiche wie etwa Familie, Hobby oder Wohnumfeld gab, die ein funktionales Äquivalent zur Berufstätigkeit bildeten. Mit dem Eintritt der Arbeitslosigkeit beginnen sie die normative und faktische Orientierung auf Erwerbsarbeit zu verdrängen. Im Gegensatz zu anderen Befragten erzählen die Betreffenden aus eigenem Antrieb so gut wie nichts über frühere Arbeitstätigkeiten; wenn doch, wird deutlich, dass sie persönlich mit dem biographischen "Thema" Erwerbsarbeit weitgehend abgeschlossen haben: "Nicht, dass ich sage, ich habe keine Lust zum Arbeiten, bloß dass ich keine kriege, und da gestalte ich mir mein Leben wie ich's für richtig halte. Und das war's." Was aber aus der Sicht des Einzelnen identitätsstabilisierend erscheint, ist unter dem Aktivierungsparadigma des Sozialgesetzbuches (SGB) II gesellschaftlich unerwünscht und sanktionsfähig.

Insgesamt gilt für die konventionellen Nicht-Arbeiter, dass sie im Unterschied zu den Um-jeden-Preis- und den Als-ob-Arbeitern Alternativen zur Erwerbsarbeit in ihr Lebenskonzept integrieren können. Zugleich streben sie jedoch nach einem gesellschaftlich anerkannten Ausstieg aus der Arbeitslosigkeit und dem damit verknüpften Aktivierungssystem. Der Anschluss an soziale "Normalität" strukturiert die - durchaus eigensinnigen - Bemühungen. Familienarbeit und Verrentung gelten als anschlussfähig und mehrheitlich akzeptiert.

Anders sieht das bei jenen aus, die auch keinen symbolischen Anschluss an die Erwerbs-Gesellschaft (mehr) suchen. Diese Verweigerer praktizieren bewusste Nicht-Arbeit als gesellschaftlichen Gegenentwurf. Während sich die Konventionellen in gewisser Weise als legitime Ausnahmen einer prinzipiell auch von ihnen anerkannten Verpflichtung zur Erwerbsarbeit begreifen, stellen die Verweigerer diese Norm in ihrer universellen Geltung in Frage. Ausgrenzung wird von ihnen nicht rationalisierend bewältigt, sondern schlägt in gezielte Selbstausgrenzung um. Teilweise mit ausführlicher politischer Begründung wird die Tolerierung von Alternativen zur Erwerbsarbeit gefordert und der Status der Arbeitslosigkeit als "unkonventionell", "unabhängig" oder "widerständig" aufgewertet. Lebensweltliche Bezugsordnungen sind politische oder subkulturelle Szenen, aber auch ethnische Netzwerke. Solche sozialen Beziehungsstrukturen sind ein notwendiger und wirksamer Ersatz für soziale Integration in und durch Erwerbsarbeit. Sie gewähren im Regelfall Wertschätzung, bieten Orientierung und Stabilität und kompensieren auf unterschiedliche Weise auch ökonomischen Mangel. Im Gegensatz zu den anderen Nicht-Arbeitern verfügen die Verweigerer damit häufig über einen relativ weiten sozialen Handlungskontext, der ein Überleben am Rande der Gesellschaft ermöglicht. Wie sich das langfristig auf die Erwerbsorientierung der Betroffenen auswirkt, ist auf Grundlage einer Ein-Punkt-Untersuchung nicht zu entscheiden.

Fußnoten

6.
Vgl. Matthias Knuth, "Hartz IV" - die unbegriffene Reform, in: Sozialer Fortschritt, 55 (2006), S. 160 - 168, hier S. 164.