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Nach Hartz IV: Erwerbsorientierung von Arbeitslosen


30.7.2008
Die apathische "Unterschicht" gibt es nicht. Gemeinsam ist den verschiedenen Gruppen nur die Orientierung auf reguläre Erwerbsarbeit. Die aktivierende Arbeitsmarktpolitik stellt durch Homogenisierung der Leistungsbezieher spannungsgeladene soziale Nachbarschaften her.

Einleitung



Nach Jahren der Stagnation versprechen sinkende Arbeitslosigkeit und Rekordzahlen von über 40 Millionen Erwerbstätigen Entspannung am Arbeitsmarkt. Dennoch bezweifeln selbst optimistische Beobachter, dass die Arbeitslosigkeit mittelfristig deutlich unter die Drei-Millionen-Grenze fallen wird.



Insbesondere bei den gegenwärtig mehr als eineinhalb Millionen Langzeitarbeitslosen ist ein positiver Integrationseffekt nur sehr begrenzt spürbar. Und wer den Sprung aus der Arbeitslosigkeit schafft, gerät immer häufiger in unsichere, niedrig entlohnte Beschäftigung.[1] Die Gruppe der so genannten "Aufstocker" - Menschen, die trotz Erwerbstätigkeit auf Arbeitslosengeld-II-Leistungen angewiesen sind - bildet hier nur die Spitze des Eisbergs.[2]





Schon diese wenigen Daten illustrieren, dass konjunkturelle Belebung und Fachkräftemangel auf Teilarbeitsmärkten kein Indiz für ein Zurück zur Vollzeitbeschäftigung der Nachkriegsära sind. Vielmehr bedeutet der Ausstieg aus der Arbeitslosigkeit auch in Deutschland häufig Einmündung in eine expandierende "Zone der Verwundbarkeit", in der unsichere Arbeits- und Lebensverhältnisse an der "Schwelle der Respektabilität" zu einem Dauerzustand geworden sind.[3]





Unterhalb dieser Schwelle hat sich offenbar eine Schicht von "Überzähligen" herausgebildet, denen eine (Re-)Integration in reguläre, mehr als Existenz sichernde Beschäftigung kaum noch gelingt. Die Ursachen dieser Entwicklung verorten einflussreiche Zeitdiagnosen vor allem in der Mentalität einer passiven wohlfahrtsabhängigen "Unterschicht". In diesen Gruppen sei Erwerbslosigkeit "milieukonstituierend" geworden und schotte "zunehmend auch kulturell gegen Aufstiegschancen und Aufstiegswillen ab".[4] Die Absage an staatliche Versorgung wird als naheliegende Problemlösung ausgegeben. Diesem Geist entsprechen die so genannten Hartz-Gesetze. Zumindest implizit orientieren sich die Arbeitsmarktreformen am Negativbild des "passiven Arbeitslosen", der durch geeignete Kombinationen von Fördermaßnahmen und strengen Zumutbarkeitsregeln zu reaktivieren sei. Arbeitslosigkeit gilt demnach nicht primär als Strukturproblem, sondern als selbst verantwortetes Resultat persönlicher Einstellungen und Entscheidungen. Im Umkehrschluss werden Arbeitslose gewissermaßen zum Unternehmer ihrer eigenen Beschäftigungsfähigkeit erklärt.

Die Erwerbsorientierungen eigensinniger "Kunden" - eine Typologie



Über die realen Auswirkungen dieser Reformmaßnahmen auf die Orientierungen und Handlungsstrategien von Betroffenen ist bislang wenig bekannt. Wir sind dieser Frage im Rahmen eines qualitativ angelegten Forschungsprojekts in vier ausgewählten Regionen nachgegangen. Obwohl unsere Ergebnisse nicht im strengen statistischen Sinne repräsentativ sind, erlauben sie doch einen tiefen Einblick in die "Zone der Entkoppelung" (Robert Castel), in der sich diejenigen befinden, die ihr Leben zunehmend jenseits regulärer Erwerbsarbeit fristen müssen.[5]

Unsere Studie basierte auf Expertengesprächen (n=62) sowie einer Befragung von Leistungsempfängern des ALG II (Arbeitslose, ABM-Beschäftigte, Leistungsaufstocker, geförderte Selbstständige, Ein-Euro- und Minijobber, n=99). Ergänzend kam eine Befragung von Nichtanspruchsberechtigten (n=89) hinzu. Ein qualitatives Verfahren schien uns angemessen, um vertrauensvolle Gesprächssituationen zu schaffen und so genauere Vorstellungen von den "Kunden" der Arbeitsverwaltung zu erhalten. Das neue Arbeitsmarktregime - so unsere forschungsleitende These - setzt bei den Adressaten der Reform ein quasi-unternehmerisches, kalkulierendes Denken voraus, welches sich anzueignen Leistungsbezieher des ALG II in der Regel kaum in der Lage sind. Daher vermuteten wir die Verfestigung einer bereits im Gange befindlichen "zonalen" Spaltung der Arbeitsgesellschaft, im Extremfall gar die Herausbildung von Orientierungen, die auf ein Leben jenseits regulärer Erwerbsarbeit zielen. Diese Überlegung mag auf den ersten Blick an die Unterschichten-Diagnose erinnern; wie wir zeigen wollen, laufen unsere Befunde jedoch auf eine vollkommen andere Problemsicht hinaus.

In der Auswertung des empirischen Materials haben wir sieben typische Erwerbsorientierungen bei Langzeitarbeitslosen und prekär Beschäftigten rekonstruieren können. Hauptkriterien, an denen sich die Typologie orientiert, sind die normative Erwerbsorientierung, das heißt die Bedeutung, welche die Befragten einer regulären Arbeit subjektiv verleihen, sowie die faktische Tätigkeitsausrichtung, das heißt die Rolle, die Erwerbsarbeit oder Tätigkeitsformen, die an die Stelle einer bezahlten Beschäftigung treten, tatsächlich spielt (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version).

Es ist hier nicht möglich, die Typologie vollständig zu erläutern. Wir beschränken uns daher zunächst auf eine kontrastierende Beschreibung von Grundkategorien (Um-jeden-Preis-Arbeiter; Als-ob-Arbeiter), um dann einen genaueren Blick auf die Gruppe der Nicht-Arbeiter zu werfen.

Die Um-jeden-Preis-Arbeiter setzen alles daran, Arbeitslosigkeit zu überwinden und nutzen nahezu jede sich bietende Chance, um wieder in das Erwerbssystem hinein zu gelangen. Typisch sind mitunter geradezu arbeitsbesessene "Aufstocker" und Selbstständige, die mit großer Energie danach streben, Arbeitslosigkeit zu überwinden oder zu vermeiden. Einer dieser Selbstständigen, ein frisch gebackener Besitzer einer kleinen Eisdiele, hat einen Elternkredit aufgenommen, um dem Schicksal des "Hartzis" zu entgehen. Als Chef von mehreren Mini-Jobbern verfügt er selbst über ein monatliches Nettoeinkommen von etwa 300 Euro. Noch besitzt er ein Haus und ein Auto, er muss jedoch gelegentlich Einrichtungsgegenstände veräußern, um über die Runden zu kommen. Bezeichnend für ihn wie auch für vergleichbare Fälle ist, dass Arbeitslosigkeit subjektiv nicht existiert. "Wenn das Projekt scheitert, plane ich eben das nächste", lautet die Devise.

Zu dieser Gruppe zählen aber auch junge Arbeitslose, die den Übergang in das Erwerbssystem aus unterschiedlichen Gründen bislang nicht bewältigt haben. Die Erfahrung nur kurz andauernder Arbeitslosigkeit, eine gute Ausbildung und/oder positive Berufserfahrung sowie eine grundsätzlich stabile Selbstwahrnehmung bilden die Basis ihres Engagements. Auch wenn Arbeitslosigkeit die Um-jeden-Preis-Arbeiter in den Selbstdeutungen eher zufällig ereilt hat und nicht auf individuelle Defizite zurückgeführt wird, sind sie davon überzeugt, dass sie sich persönlich und mit allen Mitteln für deren Überwindung einsetzen müssen. Allerdings gehen sie dabei deutlich unterschiedliche Wege. Während die Solo-Selbstständigen ihr Engagement explizit auf eine Maximierung von Unabhängigkeit ausrichten und Alternativen jenseits abhängiger Beschäftigung ins Auge fassen, orientieren sich andere Leistungsbezieher ausschließlich an konventioneller Lohnarbeit. Charakteristisch für alle Um-jeden-Preis-Arbeiter ist, dass sie die Angebote der Arbeitsverwaltung im Sinne eines Anspruchs interpretieren, dessen Realisierung sie mehr oder minder selbstbewusst einfordern. Im Vergleich zu anderen Arbeitslosen ist nicht nur die Intensität der Bewerbungsaktivitäten deutlich höher und der räumliche Aktivitätsradius größer, auch die real verfolgten Strategien weisen eine größere Bandbreite auf.

Die Befragten der Kategorie Als-ob-Arbeiter - häufig über Arbeitsgelegenheiten "aktivierte" Arbeitslose - halten ebenfalls normativ an regulärer Erwerbsarbeit fest. Sie akzeptieren jedoch aufgrund längerer Erwerbslosigkeit und zahlreicher Frustrationen Tätigkeits- und Lebensalternativen. Prägnant tritt dies bei Befragten hervor, die ihren Ein-Euro-Job oder auch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) so ausüben, als handele es sich um eine dauerhafte Beschäftigung. Eindrucksvoll repräsentiert werden die Als-ob-Arbeiter von einer Frau, die jeden Morgen zur gleichen Zeit ihr Haus verlässt und alles tut, um den Anschein zu erwecken, als ginge sie noch ihrer ehemaligen Berufstätigkeit nach. Der Ein-Euro-Job ist für sie eine willkommene Gelegenheit, die Normalitätsfassade aufrecht zu erhalten. Offenbar ahnt niemand in der unmittelbaren Nachbarschaft, dass die Betreffende seit langer Zeit arbeitslos ist. Für alle Als-ob-Arbeiter gilt, dass das Streben nach einer regulären Erwerbsarbeit in der normativen Dimension zwar ungebrochen ist, diese Orientierung sich jedoch im realen Leben immer weniger durchhalten lässt. Eine wachsende Kluft zwischen normativen Orientierungen und Erwerbschancen charakterisiert die Verarbeitungsformen und Handlungsstrategien dieser Befragten. Insgesamt umfasst auch die Grundkategorie der Als-ob-Arbeiter unterschiedliche Typen von Erwerbsorientierungen. Während etwa für Minijobber die Außendarstellung als Berufstätige und die Vermeidung von Aktivierungsanforderungen Priorität hat, stellen ehrenamtlich Engagierte, die ihre Tätigkeit wie eine Vollzeitbeschäftigung organisieren und ausüben, auf soziale Kontakte und Wertschätzung ab. Das gelingt allerdings immer nur annäherungsweise. Denn auch die "Selbsttätigen", die sich mitunter im bürgerschaftlichen Engagement geradezu aufopfern, lassen keinen Zweifel daran, dass Ehrenämter und Eigenaktivitäten eine bezahlte, reguläre Erwerbsarbeit nicht zu ersetzen vermögen.

Phänomenologie der Nicht-Arbeit



Angesichts der Tatsache, dass sich die Mehrzahl der von uns befragten Leistungsbezieher den Grundkategorien Um-jeden-Preis-Arbeiter und Als-ob-Arbeiter zuordnen lassen und nach einer regulären, Existenz sichernden und sozial anerkannten Erwerbsarbeit streben, ließe sich erwarten, dass zumindest die Nicht-Arbeiter Einstellungen aufweisen, die gemeinhin der "Unterschicht" zugeschrieben werden. In der Tat repräsentieren diese Befragten Orientierungen an einem Leben jenseits regulärer Erwerbstätigkeit. Dabei handelt es sich um heterogene, wahrscheinlich temporäre Formen von (Selbst-)Ausschluss und Isolation. Mit regulärer Erwerbsarbeit verbundene Dispositionen wurden entweder nie angeeignet oder im Zuge jahrelanger erfolgloser Arbeitssuche nach und nach aufgegeben. An ihre Stelle sind andere Normen, Tätigkeitsformen und Lebensentwürfe getreten. Bei genauerem Hinsehen lassen sich unter den Nicht-Arbeitern zwei charakteristische Ausprägungen herausarbeiten. Wir bezeichnen die entsprechenden Gruppen als Konventionelle und Verweigerer.

Spezifisch für die Konventionellen ist, dass sie Erwerbsarbeit als gesellschaftliche Norm zwar akzeptieren, sich selbst jedoch unter die akzeptierten Ausnahmen rechnen. Den Anschluss an die gesellschaftliche Normalität suchen sie über sozial anerkannte, konventionelle Rollen und Lebensentwürfe, die als komplementär zur Erwerbsarbeit gelten können. Dass Erwerbsarbeit für die Betreffenden kein individuelles Handlungsziel darstellt, hängt mit unterschiedlichen Faktoren wie frustrierenden Erfahrungen mit andauernder Arbeitslosigkeit oder generell fehlender Arbeitserfahrung zusammen.

Eine charakteristische Verarbeitungsform, die wir häufig bei Frauen finden, die aus der Sozialhilfe kommen, ist der Versuch, durch Ausübung der Mutterrolle einen symbolischen Anschluss an die gesellschaftliche Normalität herzustellen. Sie sind durchaus bereit, nebenbei zu jobben, wenn die Erwerbsarbeit mit ihrem Familienarrangement vereinbar ist. Im Vordergrund stehen jedoch der temporäre Zuverdienst in finanziell kritischen Zeiten oder das Bedürfnis nach sozialen Kontakten außerhalb der Familie. Für alle Ausprägungen konventioneller Nicht-Arbeit gilt, dass Erwerbsarbeit nicht den Kern des eigenen Identitätskonzeptes bildet. Vielmehr steht das Wohl der Familie bzw. der Kinder im Zentrum. Folglich spielt das Thema Erwerbsarbeit in den Interviews eine untergeordnete Rolle; Wünsche hinsichtlich beruflicher Tätigkeit werden etwa nur auf Nachfrage hin geäußert und bleiben biographisch abstrakt. Typisch sind hingegen Selbstevaluationen nach dem Motto "Ja, und jetzt bin ich schon ganz lange Hausfrau und Mutter". Niedrige oder fehlende Schul- bzw. Berufsbildungsabschlüsse geben den Hintergrund ab für die eher implizite "Wahl" der Hausfrauen- und Mutterrolle. Ein solcher Lebensentwurf, der der traditionellen Rollenteilung zwischen den Geschlechtern entspricht, ist nicht per se problematisch. Er wird es erst, wenn Ehe- oder Lebenspartner dieses Arrangement kündigen oder der traditionellen Ernährerrolle nicht ausreichend nachkommen (können). Zwar war es schon im Rahmen des Bundessozialhilfegesetzes (BSHG, § 18 Abs. 1,3) möglich, Sozialhilfebezieherinnen und -bezieher anzuhalten, durch eigene Arbeit die Hilfebedürftigkeit zu verringern; durchgesetzt wurde es hingegen kaum. Der erzwungene "familiäre Rollentausch" tritt tatsächlich erst mit Einführung des Arbeitslosengeldes II ein.[6] Die befragten Leistungsbezieherinnen sehen sich mehr oder weniger unvermittelt mit der "Nicht-(mehr-)Anerkennung" und Nicht-Duldung ihres ursprünglichen Lebensentwurfs konfrontiert. In ihrem bisherigen Leben eingerichtet, können sie die neuen Anforderungen kaum in konkretes Handeln umsetzen. Sie fühlen sich überfordert und viele von ihnen versuchen an ihrem gewohnten Status als Hausfrau und Mutter festzuhalten: "... es ist eben so, ich bin da so reingewachsen".

Der andere Teil der konventionellen Nicht-Arbeiter versucht durch Verrentung, etwa aus Krankheitsgründen, den anerkannten Ausstieg aus dem Hilfesystem zu vollziehen. Die Betreffenden arbeiteten lange in unsteten, prekären Beschäftigungsverhältnissen. Nach einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit von mehr als zwei Jahren Dauer sehen sie aufgrund ihres Alters (meist über 45 Jahre) oder einer Erkrankung für sich nur noch geringe Chancen auf eine reguläre Beschäftigung mit ausreichendem Einkommen. Selbstbeschränkung, fortgesetzte Enttäuschung sowie das Gefühl von Überflüssigkeit und Entwertung ihrer Arbeits- und Lebenserfahrung mündeten schließlich in ein "Sich-Fügen" in das "unvermeidliche" Leben ohne Erwerbsarbeit. Die Akzeptanz des Nicht-Arbeits-Status fällt im Regelfall leichter, wenn die vorherrschenden Erwerbsmotive eher instrumentell begründet waren. Es ist zu vermuten, dass es bei den betreffenden Konventionellen schon während der Erwerbstätigkeit Aktivitätsbereiche wie etwa Familie, Hobby oder Wohnumfeld gab, die ein funktionales Äquivalent zur Berufstätigkeit bildeten. Mit dem Eintritt der Arbeitslosigkeit beginnen sie die normative und faktische Orientierung auf Erwerbsarbeit zu verdrängen. Im Gegensatz zu anderen Befragten erzählen die Betreffenden aus eigenem Antrieb so gut wie nichts über frühere Arbeitstätigkeiten; wenn doch, wird deutlich, dass sie persönlich mit dem biographischen "Thema" Erwerbsarbeit weitgehend abgeschlossen haben: "Nicht, dass ich sage, ich habe keine Lust zum Arbeiten, bloß dass ich keine kriege, und da gestalte ich mir mein Leben wie ich's für richtig halte. Und das war's." Was aber aus der Sicht des Einzelnen identitätsstabilisierend erscheint, ist unter dem Aktivierungsparadigma des Sozialgesetzbuches (SGB) II gesellschaftlich unerwünscht und sanktionsfähig.

Insgesamt gilt für die konventionellen Nicht-Arbeiter, dass sie im Unterschied zu den Um-jeden-Preis- und den Als-ob-Arbeitern Alternativen zur Erwerbsarbeit in ihr Lebenskonzept integrieren können. Zugleich streben sie jedoch nach einem gesellschaftlich anerkannten Ausstieg aus der Arbeitslosigkeit und dem damit verknüpften Aktivierungssystem. Der Anschluss an soziale "Normalität" strukturiert die - durchaus eigensinnigen - Bemühungen. Familienarbeit und Verrentung gelten als anschlussfähig und mehrheitlich akzeptiert.

Anders sieht das bei jenen aus, die auch keinen symbolischen Anschluss an die Erwerbs-Gesellschaft (mehr) suchen. Diese Verweigerer praktizieren bewusste Nicht-Arbeit als gesellschaftlichen Gegenentwurf. Während sich die Konventionellen in gewisser Weise als legitime Ausnahmen einer prinzipiell auch von ihnen anerkannten Verpflichtung zur Erwerbsarbeit begreifen, stellen die Verweigerer diese Norm in ihrer universellen Geltung in Frage. Ausgrenzung wird von ihnen nicht rationalisierend bewältigt, sondern schlägt in gezielte Selbstausgrenzung um. Teilweise mit ausführlicher politischer Begründung wird die Tolerierung von Alternativen zur Erwerbsarbeit gefordert und der Status der Arbeitslosigkeit als "unkonventionell", "unabhängig" oder "widerständig" aufgewertet. Lebensweltliche Bezugsordnungen sind politische oder subkulturelle Szenen, aber auch ethnische Netzwerke. Solche sozialen Beziehungsstrukturen sind ein notwendiger und wirksamer Ersatz für soziale Integration in und durch Erwerbsarbeit. Sie gewähren im Regelfall Wertschätzung, bieten Orientierung und Stabilität und kompensieren auf unterschiedliche Weise auch ökonomischen Mangel. Im Gegensatz zu den anderen Nicht-Arbeitern verfügen die Verweigerer damit häufig über einen relativ weiten sozialen Handlungskontext, der ein Überleben am Rande der Gesellschaft ermöglicht. Wie sich das langfristig auf die Erwerbsorientierung der Betroffenen auswirkt, ist auf Grundlage einer Ein-Punkt-Untersuchung nicht zu entscheiden.

Intendierte und nicht intendierte Reformwirkungen



Die skizzierten Erwerbsorientierungen stehen nicht in einem kausal-mechanischen Zusammenhang zur aktivierenden Arbeitsmarktpolitik. Dennoch haben strenge Zumutbarkeitsregeln subjektive Folgen. Festhalten lässt sich zunächst, dass selbst die Verweigerer unter den Leistungsbeziehern nicht einfach passiv sind. Das engagierte Ausüben einer anerkannten Alternativrolle, Pflege von Nachbarschaftskontakten oder Aktivitäten in Szenemilieus sind Formen eigensinniger Aktivitäten, auf die wir gerade in der Gruppe der Nicht-Arbeiter stoßen. Allerdings sind diese Aktivitäten überaus fragil und nicht alle Befragten sind gleichermaßen engagiert. So umfasst die Gruppe eben auch jene demoralisierten Sozialhilfebezieher, denen jegliche Zeitstruktur und mit ihr die Planungsfähigkeit für das eigene Leben abhanden gekommen ist. Kinderreiche ALG-II-Empfänger mit einem Transfereinkommen, welches das erwartbare Arbeitsentgelt überschreitet, sind bei den bewussten Nicht-Arbeitern ebenfalls präsent. Und doch ist auch dies noch kein Beleg für das Klischee vom "faulen Arbeitslosen". Es handelt sich dabei wohl eher um einen Fall von Institutionenversagen als von Sozialmissbrauch, den es bei Minderheiten sicherlich auch gibt. Ein solches Versagen mittels strenger Zumutbarkeitsregeln oder einer weiteren Reduzierung der Transferleistungen ("Senkung des Reservationslohns") beheben zu wollen, gleicht der berühmten Quadratur des Kreises. Die eigensinnigen Aktivitäten der Befragten konterkarieren derartige Kalküle. Faktisch haben die meisten Befragten Überlebenstechniken entwickelt, mit deren Hilfe sie durchaus in der Lage sind, Leistungskürzungen und finanzielle Sanktionen zu unterlaufen. Informelle Arbeit, Nachbarschafts- und Szenekontakte werden auf vielfältige Weise genutzt, um Sanktionen die Spitze zu nehmen.

Als entscheidende Schlussfolgerung lässt sich festhalten, dass die Anwendung strenger Zumutbarkeitsregeln, gemessen an den damit verfolgten arbeitsmarktpolitischen Intentionen, weitgehend wirkungslos bleibt. Die Gruppen der Um-jeden-Preis-Arbeiter sind ohnehin bereit, nahezu alle Formen der Erwerbstätigkeit zu akzeptieren, um einem Leben unterhalb der "Schwelle der Respektabilität" zu entgehen. Maßnahmen der Arbeitsverwaltung werden häufig als überflüssig, sinnlos oder gar als Drangsalierung erlebt, weil die aktiv angestrebte Erwerbsarbeit gerade nicht zur Verfügung gestellt werden kann. Auch in den Gruppen der zweiten Kategorie verpufft der aktivierende Anspruch strenger Zumutbarkeitskriterien: die Als-ob-Arbeitenden würden liebend gerne einer regulären Beschäftigung nachgehen. Ein-Euro-Jobs sind für sie keine Bestrafung, sondern eine Möglichkeit, die Fassade der Normalität für kurze Zeit aufrecht zu erhalten. Mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit wird es für sie jedoch immer schwieriger, die Kluft zwischen Norm und Realität zu überbrücken. Die Handlungsstrategien der Nicht-Arbeiter schließlich sind mit harten Sanktionen ohnehin kaum zu beeinflussen.

Da sich Abstiegsprozesse in der sozialen Nachbarschaft derjenigen vollziehen, die sich noch immer in geschützten Beschäftigungssegmenten befinden, stellt sich ein anderer Effekt der Arbeitsmarktreformen ein. Als Symbol des "jederzeit möglichen Abstiegs ohne soziale, berufs- und einkommensbezogene Auffanglinie"[7] sorgt Hartz IV dafür, dass - wie uns befragte Experten versicherten - gerade beschäftigte Arbeiter und Angestellte alles versuchen, um einem solchen Schicksal zu entgehen. Insofern erreicht der disziplinierende Effekt strenger Zumutbarkeit eher die Noch-Beschäftigten als die Arbeitslosen.

Auch deshalb erweist sich die Vorstellung einer kulturell weitgehend homogenen Unterschicht, die sich von der "gesunden" Mehrheit separiert, als bloße Fiktion. Schon in früheren Zeiten waren die gesellschaftlichen Rand- bzw. Unterschichten sozial und kulturell äußerst heterogen zusammengesetzt.[8] Daran werden weder fast food noch "Unterschichtenfernsehen" etwas ändern. Auch die kulturpessimistische Deutung einer breiten Abkehr der Unterschichten von den Werten der Mehrheitsgesellschaft bestätigt sich so nicht. Überraschend ist eher, mit welcher Ausdauer und Intensität selbst langjährige Arbeitslose am Ziel einer regulären, Existenz sichernden Erwerbsarbeit festhalten. In diesem Punkt läuft die aktivierende Arbeitsmarktpolitik mit ihren strengen Zumutbarkeitsregeln gewissermaßen offene Türen ein. In anderer Hinsicht wirkt sie jedoch geradezu fatal. Unbeabsichtigt und vielfach ungemerkt bringt sie Arbeitslose, die sich in ihren Erwerbsorientierungen eindeutig von allen Spielarten eines "Unterschichtenhabitus" abheben, in die Nachbarschaft zu sozial Deklassierten.

Der neue institutionelle Rahmen stellt offenbar über den Leistungsbezug eine Verfahrenshomogenität her, die sozial und auch kulturell gerade nicht existiert. Durch diese "nivellierende Logik", die höchst unterschiedliche soziale Gruppen mit äußerst heterogenen Erwerbsbiographien zu einem Leben an der "Schwelle der Respektabilität" verurteilt, werden unweigerlich soziale Spannungen erzeugt, die offenkundig bereits zu Legitimationsverlusten nicht nur der Arbeitsmarktakteure und -institutionen, sondern des gesamten politischen Systems geführt haben. Insofern bewirkt eine Politik der "fundamentalen Selbstständigkeit", wie sie sich in der Abkehr vom Status erhaltenden Wohlfahrtsstaat äußert, möglicherweise das Gegenteil einer an bürgerlichen Tugenden und Idealen orientierten Aktivierung. Indem sie die beschriebene Verfahrenshomogenität diskursiv nachvollzieht, trifft auch auf die deutsche "Unterschichtendebatte" zu, was das "Pseudo-Konzept" der "underclass" allgemein kennzeichnet: Wo immer es angewendet wird, dient es dazu, den "Opfern selbst die Schuld" für das "angebliche Aufkommen einer neuen Gruppe ungezügelter und desintegrierter Armer" zu geben.[9] Mit den empirisch ermittelbaren Erwerbsorientierungen unserer Befragten haben solche Zerrbilder indes wenig gemein.

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Fußnoten

1.
Vgl. Gerhard Bosch/Claudia Weinkopf (Hrsg.), Arbeiten für wenig Geld. Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland, Frankfurt/M.-New York 2007.
2.
Anfang 2007 waren ca. 1,3 Millionen Leistungsbezieher zugleich abhängig beschäftigt, "die Hälfte sogar sozialversicherungspflichtig und häufig in Vollzeitarbeit", Jürgen Kühl, Wandel der Funktionen von Arbeitsmarktpolitik, in: Judith Aust u.a. (Hrsg.), Über Hartz hinaus. Stimmt die Richtung in der Arbeitsmarktpolitik? Düsseldorf 2008, S. 49. Die Zahl der Aufstocker ist inzwischen leicht rückläufig.
3.
Robert Castel, Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz 2000, S. 360f.
4.
Paul Nolte, Riskante Moderne. Die Deutschen und der neue Kapitalismus, München 2006, S. 96 u. 98.
5.
Die Ausführungen basieren auf ersten Ergebnissen des von Klaus Dörre geleiteten Forschungsprojektes "Eigensinnige Kunden. Der Einfluss strenger Zumutbarkeit auf die Erwerbsorientierungen Arbeitsloser und prekär Beschäftigter" im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 580 "Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch. Diskontinuität, Tradition und Strukturbildung" am Institut für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die soziodemographische Zusammensetzung der Interviewten gestaltet sich wie folgt: 67 % Frauen, 33 % Männer; mit 35,4 % überwiegend in der Altersgruppe von 35 bis 44 Jahre (gefolgt von 29,3 % in der Altersgruppe von 45 bis 54 Jahre); gut ein Drittel (35,4 %) mit Real- und ein Drittel (31,3 %) mit Hauptschulabschluss (Abiturienten sind mit 20,2 % stärker repräsentiert als Schulabbrecher mit 12,1 %).
6.
Vgl. Matthias Knuth, "Hartz IV" - die unbegriffene Reform, in: Sozialer Fortschritt, 55 (2006), S. 160 - 168, hier S. 164.
7.
Frauke Hamann/Frank Nullmeier, Die Konkurrenzgesellschaft. Zum Wandel von Sozialstruktur und Politik in Deutschland, in: Vorgänge, 45 (2006) 176, S. 5 - 12, hier S. 11f.
8.
Vgl. z.B. Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Bilanz zur Vereinigung, Wiesbaden 20064, S. 261ff.
9.
Loïc Wacquant, Das Janusgesicht des Ghettos und andere Essays, Gütersloh u.a. 2006, S. 198.