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30.7.2008 | Von:
Helga Pelizäus-Hoffmeister

Unsicherheiten im Lebensverlauf um 1900 und um 2000

Unsicherheiten im Lebensverlauf werden heute viel tief greifender wahrgenommen als in früheren Zeiten. Geringere eigene Kontrollmöglichkeiten bei gleichzeitig gestiegener individueller Verantwortung für die eigene Lebensplanung könnten die Ursache sein.

Einleitung

Die Menschen moderner Gesellschaften fühlen sich heute zunehmenden biographischen Unsicherheiten ausgesetzt: Ihr Lebensverlauf erscheint ihnen immer weniger vorhersehbar, einschätzbar und planbar. So lautet die aktuelle Diagnose zahlreicher Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. In der öffentlichen Diskussion stößt diese Auffassung auf große Zustimmung. Vor allem der zunehmend unsicherer, flexibilisierter und deregulierter werdende Arbeitsmarkt trägt dazu bei, dass die Menschen nicht nur ihre berufliche Perspektive, sondern ihren gesamten Lebensverlauf als offen und tendenziell fragil erleben. Biographische Sicherheit - die Erwartungen und Gewissheiten, die wir hinsichtlich unserer Zukunft und unseres eigenen Lebensverlaufs entwickeln - scheint dadurch in hohem Maße gefährdet.






Aber ist Verunsicherung nicht ein Problem, das die Menschen moderner Gesellschaften seit jeher beschäftigt? Hat nicht der stete Wandel - zentrales Kennzeichen der Moderne - fortwährend neue Ungewissheiten produziert? Schilderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse und Probleme um die Jahrhundertwende 1900 offenbaren verblüffende Parallelen zur heutigen Diagnose. Auch für die damalige Zeit lassen sich - beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt, bedingt durch die Industrialisierung - gravierende Unsicherheiten und Veränderungen belegen, die sich einschneidend auf die Lebensverläufe der Menschen auswirkten.[1] Und lese ich in den Lebensbeschreibungen von vor einhundert Jahren lebenden Menschen, dann scheint mir, dass Unsicherheit auch schon damals Angst und Schrecken verbreitete. "Chaos", ist das Wort, mit dem zum Beispiel Wassily Kandinsky die unsichere Atmosphäre seiner Zeit beschrieb, ein Chaos, das "den Menschen zum Verzweifeln führt".[2]

Doch auch wenn Unsicherheit ein allgegenwärtiges Phänomen der Moderne zu sein scheint, so wird heute dennoch meist von einer Zunahme tief greifender gesellschaftlicher Ungewissheiten ausgegangen. Jürgen Habermas beispielsweise hat eine "neue Unübersichtlichkeit"[3] diagnostiziert, Zygmunt Bauman gar vom "Ende der Eindeutigkeit"[4] gesprochen, und Ulrich Beck[5] einen gravierenden Unsicherheitsschub zum zentralen Problem der Gegenwart erklärt. Umgekehrt wird in der Wissenschaft zugleich eine Zunahme an Sicherheit diagnostiziert, die sich zum Beispiel in der immer höheren Lebenserwartung der Menschen ausdrücke.[6]

In dieser kontroversen Debatte blieb bislang unbeantwortet, ob es tatsächlich einen "objektiven" Anstieg biographischer Unsicherheiten gibt und ob sich die Menschen heute in ihrer Lebensgestaltung stärker verunsichert fühlen als in früheren Zeiten. Um einer Antwort auf die letzte Frage näher zu kommen, habe ich aus historisch vergleichender Perspektive die Lebensbeschreibungen zweier Gruppen von Künstlerinnen und Künstlern analysiert, die um die Jahrhundertwenden 1900 und 2000 lebten bzw. leben.[7] Aus dieser Studie können zwar keine allgemeingültigen Schlussfolgerungen gezogen werden. Dennoch bieten die dort sichtbaren Wandlungstendenzen wichtige Anhaltspunkte dafür, was sich in der Wahrnehmung der Menschen in den vergangenen einhundert Jahren verändert hat. Zudem sind die Beschreibungen von Angehörigen dieser spezifischen Berufsgruppe besonders gut geeignet, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie man sich Veränderungen in der Lebensgestaltung unter den Bedingungen eines unsicheren und flexiblen Arbeitsmarktes vorstellen kann. Denn in dieser Hinsicht sind Künstlerinnen und Künstler geradezu Pioniere.

Fußnoten

1.
Vgl. Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866 - 1918, München 1990.
2.
Wassily Kandinsky, Essays über Kunst und Künstler, Stuttgart 1955, S. 88.
3.
Vgl. Jürgen Habermas, Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt/M. 1985.
4.
Vgl. Zygmunt Bauman, Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Hamburg 1992.
5.
Vgl. Ulrich Beck, Die Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.
6.
Vgl. Arthur Imhof, Von der unsicheren zur sicheren Lebenszeit. Fünf historisch-demographische Studien, Darmstadt 1988.
7.
Vgl. Helga Pelizäus-Hoffmeister, Biographische Sicherheit im Wandel? Eine historisch vergleichende Analyse von Künstlerbiographien, Wiesbaden 2006.