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30.7.2008 | Von:
Gero Neugebauer

Die Unterschicht und die Parteien

Die Ergebnisse einer Analyse der politischen Strukturen und Einstellungen im unteren Drittel der deutschen Gesellschaft sollten die Parteien veranlassen, integrative Politik gegen soziale Ausgrenzung zu setzen.

Einleitung

Auf die Meldungen über den "3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung" reagierten Parteienvertreter zwar auf unterschiedliche Weise, aber sie schienen sich in einem Punkt einig zu sein, nämlich nicht über die konkreten sozialen Situationen zu sprechen, die sich hinter den Zahlen verbargen. Das ähnelte der Situation im Herbst 2006, als der SPD-Vorsitzende Kurt Beck von "Unterschichten" sprach und damit eine zeitweilig heftige Diskussion darüber auslöste, ob es in Deutschland überhaupt eine Unterschicht gebe. Die meisten Beteiligten führten diese Diskussion unter falschem Vorzeichen. Typisch dafür war die Aussage des SPD-Politikers Franz Müntefering, der öffentlich bekannte, in Deutschland keine Unterschicht zu kennen. Er musste sich die Aufforderung gefallen lassen, er solle doch mal einen Lebensmittel-Discounter oder eine Fußgängerzone aufsuchen.[1] Als deutlich wurde, dass der Anlass der Diskussion kein Sozialreport, sondern die Bezeichnung eines bestimmten Typs eines politischen Milieus war, versandete diese rasch.




Dabei bot die repräsentativ angelegte Untersuchung der deutschen Wählerschaft[2] ausreichendes Material, um die unterschiedlichen Dimensionen des Verhältnisses zwischen Parteien und Gesellschaft sowie die Akzeptanz der Politik in den unteren Schichten zu erkennen. Denn ein erstes Ergebnis war, dass die Bevölkerung vor dem Hintergrund einer allgemeinen Verunsicherung erhebliche Erwartungen an die Politik, das heißt an Staat und Parteien hatte; ein zweites, dass ein nicht unerheblicher Teil der Wahlberechtigten sich mehr oder weniger von der Politik abgewendet, das Vertrauen in sie und die Parteien verloren und, sofern sie nicht bereits Nichtwähler geworden waren, sich zunehmend Parteien des linken oder rechten Flügels des deutschen Parteiensystems zugewandt hatte.

Die Ermittlung der politischen Milieus erfolgte nicht wie die der sozialen Milieus auf der Grundlage soziostruktureller Faktoren und lebensweltlicher Kriterien, sondern auf Basis politischer und anderer Einstellungen in drei Wertekonflikten.[3] Neun Milieus wurden ermittelt und definiert (vgl. Grafik der PDF-Version)[4].


Erst nachdem die neun politischen Milieus identifiziert waren, wurden sie auf sozialstrukturelle Merkmale, politische Orientierungen und anderes hin untersucht und beschrieben.[5]

Fußnoten

1.
So der Soziologe Sighard Neckel, zit. nach Frankfurter Rundschau vom 20.10. 2006.
2.
Vgl. Gero Neugebauer, Politische Milieus in Deutschland. Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2007.
3.
a) Libertarismus versus Autoritarismus, b) Soziale Gerechtigkeit versus Marktfreiheit, c) Religiosität versus Säkularität. Vgl. G. Neugebauer (ebd.), S. 68.
4.
TNS Infratest Sozialforschung Juni 2006, in: G. Neugebauer (ebd.), S. 69. Die Angaben in Klammern bezeichnen den jeweiligen Anteil an der deutschen Wählerschaft.
5.
Diese Beschreibungen sind: demographische Schwerpunkte, berufliche Situation und berufliche Orientierung, finanzielle Situation und materielle Orientierung, Lebensbewältigung, Einstellung zu Staat und Gesellschaft Politik und Parteien sowie Wahlverhalten.