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24.7.2008 | Von:
Holm Sundhaussen

Der Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen

Das Ende Jugoslawiens und die postjugoslawischen Kriege

Am stärksten betroffen von einer drohenden Aufteilung Jugoslawiens war die serbische Bevölkerung. Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1981 lebten im engeren Serbien nur knapp 60 Prozent (4,8 Millionen) aller in Jugoslawien beheimateten Serben. Weitere 16,2 Prozent lebten in Bosnien-Herzegowina, 13,6 Prozent in der Wojwodina, 6,5 Prozent in Kroatien und 2,6 Prozent in Kosovo. Der Rest verteilte sich auf die übrigen Republiken. Nationalbewusste Serben leiteten aus dieser Konstellation zwei politische Alternativen ab: entweder Erhalt eines - entsprechend den serbischen Forderungen - umgestalteten Jugoslawiens oder Gründung eines Staates, der alle Gebiete umfassen sollte, in dem Serben lebten ("Großserbien"). Nicht ganz so dramatisch gestaltete sich die Situation der Kroaten. Von ihren 4,1 Millionen lebten 75 Prozent innerhalb der eigenen Republik, während 17,2 Prozent in Bosnien-Herzegowina und 2,7 Prozent in der Wojwodina zuhause waren. Dementsprechend strebten auch kroatische Nationalisten eine Neuordnung der Grenzen, insbesondere zu Lasten Bosnien-Herzegowinas, an. Die bosnischen Muslime ("Bosniaken") fürchteten dagegen zu Recht, dass ein Zusammenbruch Jugoslawiens auch die Integrität Bosnien-Herzegowinas (wo die Muslime gemäß den Ergebnissen von 1981 39,5 Prozent der Bevölkerung stellten, gefolgt von den bosnischen Serben mit 32,0 Prozent und den bosnischen Kroaten mit 18,4 Prozent) gefährden würde. Gleich den Bosniaken waren auch die slawischen Mazedonier mit Blick auf den großen albanischen Bevölkerungsanteil in ihrer Republik am Erhalt Jugoslawiens interessiert - ähnlich wie die Politiker des ethnisch heterogenen Montenegro. Nur die Slowenen lebten fast ausnahmslos in ihrer Republik, in der sie über 90 Prozent der Bevölkerung repräsentierten.

Am 25. Juni 1991 verkündeten die Parlamente von Slowenien und Kroatien die Unabhängigkeit ihrer Republiken. Daraufhin gab der letzte jugoslawische Regierungschef, der von der Bevölkerung allseits geschätzte Kroate Ante Markovic, der Jugoslawischen Volksarmee (JVA) die Weisung zur militärischen Sicherung der Grenzen in Slowenien. Das war der Beginn eines zehntägigen Krieges zwischen der Volksarmee und der slowenischen Territorialverteidigung, der dank einer europäischen Vermittlungsinitiative beendet wurde. Gleichzeitig mehrten sich in Kroatien die blutigen Zusammenstöße zwischen aufständischen Serben und kroatischer Nationalgarde, Polizei und paramilitärischen Banden, die zu einem Krieg um die serbisch besiedelten Territorien Kroatiens eskalierten. Die JVA, die sich Ende Juli aus Slowenien nach Kroatien zurückgezogen hatte, intervenierte dabei immer offener auf Seiten der serbischen Minderheit, die auch von neuen Sondereinheiten (den "Roten Baretten") der Milosevic unterstehenden Geheimpolizei in Serbien sowie von paramilitärischen Banden aus Serbien unterstützt wurden.

Die seit den Balkankriegen 1912/13 praktizierte Arbeitsteilung zwischen regulärem Militär und paramilitärischen Banden (letztere zur Erledigung der "Drecksarbeit") erlebte in den 1990er Jahren einen neuen Höhepunkt. Zwischen August und Dezember 1991 wurden aus den serbisch kontrollierten Gebieten Kroatiens schätzungsweise 80 000 Kroaten und Muslime zur "Säuberung des Territoriums" vertrieben. Dubrovnik und andere kroatische Städte wurden beschossen, und am 20. November nahmen die Serben die seit knapp drei Monaten belagerte und fast vollständig zerstörte ostslawonische Stadt Vukovar ein, wobei es zu ersten genozidalen Handlungen kam. Am 19. Dezember 1991 formierte sich in Kroatien die "Serbische Republik Krajina", aus der nahezu alle Nicht-Serben vertrieben wurden oder flohen.[15]

Die zahllosen Verhandlungsinitiativen der Europäischen Gemeinschaft zur Lösung des Konflikts blieben bis Ende 1991 erfolglos. Auch die übrigen Akteure der internationalen Politik, allen voran die USA, standen der Entwicklung ratlos und abwartend gegenüber, zumal Jugoslawien seine vormalige strategische Bedeutung für den Westen verloren hatte. Das Ende des Kalten Krieges, die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, der Golfkrieg und die Auflösung der Sowjetunion überforderten Diplomaten und Politiker gleichermaßen.[16]

Nach dem Scheitern einer mit vielen Hoffnungen begleiteten internationalen Jugoslawienkonferenz im September 1991 entschloss sich die deutsche Regierung am 23. Dezember im Alleingang zur Anerkennung von Slowenien und Kroatien, während die übrigen Staaten der EG diesem Schritt am 15. Januar 1992 - oft nur widerwillig - folgten. Die völkerrechtliche Sanktionierung des jugoslawischen Staatszerfalls führte zu heftigen Debatten.[17] Ein Teil der Kritiker lehnte die Anerkennung Kroatiens und Sloweniens als zu früh und (vor allem mit Blick auf Bosnien-Herzegowina) als konfliktverschärfend ab, während andere ihre Verspätung kritisierten. Tatsache ist, dass Kroatien zu diesem Zeitpunkt die europäischen Kriterien für eine völkerrechtliche Anerkennung nicht erfüllte. Tatsache ist aber auch, dass Milosevic und die Armeeführung die bis zur Jahresmitte 1991 abgegebenen Erklärungen westlicher Politiker, sie würden eine Aufteilung Jugoslawiens nicht akzeptieren, als Ermutigung für ihr militärisches Vorgehen deuteten.[18] Und Tatsache ist ferner, dass die Kriegshandlungen nicht durch die Anerkennung ausgelöst worden waren und dass die serbische Seite ungeachtet aller diplomatischen Bemühungen ihr Kriegsziel - die Eroberung der beanspruchten Siedlungsgebiete in Kroatien und die Vertreibung der dortigen kroatischen Bevölkerung - weiter verfolgte.[19] Erst nachdem dieses Ziel erreicht war, unterzeichnete Milosevic als Vertreter der Serben am 2. Januar 1992 einen vom US-Unterhändler Cyrus Vance vermittelten Waffenstillstand und erklärte sich mit der Entsendung einer UN-Schutztruppe in die umstrittenen Gebiete einverstanden. Die JVA zog sich anschließend auf den nächsten Kriegsschauplatz, nach Bosnien, zurück.

Dort hatte die muslimische und kroatische Bevölkerung in einem Referendum Ende Februar/Anfang März 1992 für die Abspaltung vom serbisch dominierten Rumpf-Jugoslawien gestimmt. Der Krieg, der die Republik noch vor ihrer internationalen Anerkennung am 6. April 1992 erfasste, stellte in seinen Ausmaßen die Kämpfe in Kroatien bald in den Schatten.[20] Die serbische Kriegsstrategie des bewaffneten Aufstands einer erst verängstigten, dann aufgehetzten Bevölkerung und des Einsatzes der Jugoslawischen Volksarmee unter Hinzuziehung paramilitärischer Einheiten und "Wochenend-Krieger" aus Serbien und dem Ausland funktionierte in Bosnien noch effektiver als in Kroatien. Zwischen Sommer 1991 und Ende 1993 operierten in Bosnien 83 paramilitärische Banden, darunter 53 serbische, 13 kroatische und 14 bosniakische.[21] Obwohl es bis Kriegsausbruch keinerlei konkrete Anzeichen für eine Bedrohung oder Benachteiligung der bosnischen Serben gegeben hatte, gingen ihre Anführer sofort in die Offensive. Anfang April legten sie einen Belagerungsring um Sarajevo. Am 12. Mai 1992 proklamierte eine Versammlung der bosnischen Serben die "Serbische Republik/Republika Srpska" und wählte Radovan Karadzic zu ihrem ersten Präsidenten. Im Mai 1992 zog sich die JVA offiziell aus Bosnien nach Serbien und Montenegro zurück. Dabei überließ sie einen Großteil ihrer Waffen und Ausrüstungen den bosnischen Serben. 60 000 Soldaten und Offiziere bosnisch-serbischer Herkunft wechselten die Uniform und bildeten fortan zusammen mit 35 000 Freischärlern die Armee der bosnischen Serben unter dem Kommando von General Ratko Mladic. Die militärische Überlegenheit der bosnischen Serben gegenüber den bosnischen Regierungstruppen war überwältigend. Seit Sommer 1992 beherrschten sie mehr als zwei Drittel von Bosnien-Herzegowina.

Eine grundlegende Änderung der Lage in Kroatien und Bosnien zeichnete sich erst im Frühsommer 1995 ab. Anfang August startete die kroatische Armee eine Großoffensive gegen die "Republik Krajina", die innerhalb weniger Tage ohne nennenswerten Widerstand eingenommen wurde. Den serbischen Kriegern und ihren Angehörigen wurde freier Abzug garantiert. Über 150 000 Serben flüchteten daraufhin aus der Krajina in Richtung Bosnien und Serbien, wobei es von kroatischer Seite zu massiven Racheakten und Kriegsverbrechen kam.

Auch in Bosnien-Herzegowina bahnte sich Mitte 1995 die militärische Wende an. Zwar konnte das serbische Militär mit der Eroberung der ostbosnischen UN-Schutzzonen Srebrenica und Zepa im Juli einen letzten Erfolg erringen, aber die militärische Kooperation zwischen bosnischen Regierungstruppen und kroatischer Armee im Nordwesten Bosniens veränderte die militärische Lage innerhalb weniger Wochen von Grund auf. In gemeinsamen Offensiven erzielten kroatische und bosnische Truppen bedeutende Geländegewinne, während die NATO Luftangriffe gegen serbische Stellungen im Raum Sarajevo, Tuzla und Pale flog. In dieser Situation starteten die USA über ihren Unterhändler Richard Holbrooke eine neue Friedensinitiative. Nach Abschluss eines Waffenstillstands im Oktober 1995 trat in Dayton (Ohio) eine Friedenskonferenz zusammen, auf der die zerstrittenen Parteien ein Abkommen paraphierten, das am 14. Dezember in Paris unterzeichnet wurde. Entgegen den serbischen und kroatischen Teilungsplänen blieb Bosnien-Herzegowina als konföderativer Staat unter internationaler Aufsicht bestehen, zusammengesetzt aus zwei "Entitäten": der "bosniakisch-kroatischen Föderation" mit 51 Prozent des staatlichen Territoriums und der "Serbischen Republik" mit 49 Prozent. Im Anhang 7 des Rahmenabkommens von Dayton verpflichteten sich die Vertragsparteien, den Flüchtlingen und Vertriebenen die Rückkehr in ihre Heimatgemeinden zu ermöglichen. Dies war insofern ein Novum, als die "internationale Gemeinschaft" seit dem griechisch-türkischen "Bevölkerungsaustausch" von 1923 die Vertreibung und Deportation unerwünschter Bevölkerungsgruppen als ultima ratio zur "Lösung" zwischenstaatlicher Konflikte stets akzeptiert hatte.

Fußnoten

15.
Vgl. u.a. Amnesty International, Torture and Deliberate and Arbitrary Killings in War Zones, New York 1991; Hannes Grandits/Christian Promitzer, "Former Comrades" at War. Historical Perspectives on "Ethnic Cleansing" in Croatia, in: Joel M. Halpern/David A. Kideckel (eds.), Neighbors at War. Antropological Perspectives on Yugoslav Ethnicity, Culture and History, University Park, PA 2000, S. 125ff.
16.
Dazu ausführlich James Gow, Triumph of the Lack of Will: International Diplomacy and the Yugoslav War, London 1997.
17.
Eine nüchtern abwägende Analyse bietet Richard Caplan, Europe and the Recognition of New States in Yugoslavia, Cambridge 2005.
18.
Vgl. u.a. Tom Gallagher, Milosevic, Serbia and the West during the Yugoslav Wars, 1991 - 1995, in: Andrew Hammond (Hg.), The Balkans and the West. Constructing the European Other, Aldershot 2004, S. 151 - 168.
19.
Vgl. u.a. Sabrina P. Ramet/Letty Coffin, German Foreign Policy Toward the Yugoslav Successor States, 1991 - 1999, in: Problems of Communism, 48 (2001), 1, S. 48 - 64.
20.
Einen guten Überblick gibt Marie-Janine Calic, Der Krieg in Bosnien-Hercegovina. Ursachen - Konfliktstrukturen - Internationale Lösungsversuche, Frankfurt/M. 1995; Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag der Autorin in diesem Heft.
21.
Aus dem Bericht des Menschenrechtsexperten Cherif Bassouni an den UN-Sicherheitsrat, nach A. Oberschall (Anm. 8), S. 998.