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24.7.2008 | Von:
Sebastian Braun

Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen in Deutschland

Vor dem Hintergrund internationaler Diskussionen über Corporate Social Responsibility oder Corporate Citizenship werden empirische Ergebnisse einer bundesweiten Unternehmensbefragung präsentiert.

Einleitung

Im deutschen Sozialstaatsmodell führen Wirtschaftsunternehmen vielfältige gesellschaftliche Aktivitäten durch, die man als spezifische Form gesellschaftlichen Engagements bezeichnen kann. Sie beteiligen sich an Gesetzgebungsverfahren, sie verpflichten sich zur Einhaltung arbeits-, sozial- und umweltrechtlicher Regelungen, sie handeln Tarif-verträge mit Gewerkschaften aus, sie beteiligen sich aktiv im dualen Ausbildungssystem, sie führen Beiträge an die Sozialversicherungen ab, und sie zahlen Steuern.






Dieses in der sozialen Marktwirtschaft institutionalisierte, korporatistisch ausgehandelte, in gesetzlichen Regelungen kodifizierte und insofern sehr traditionsreiche Unternehmensengagement sieht sich zunehmend internationalen Diskussionen ausgesetzt, die vor allem durch angloamerikanische Debatten geprägt sind. Leitbegriffe dieser Diskussionen sind Corporate Social Responsibility (CSR), Corporate Responsibility (CR) oder Corporate Citizenship (CC). Zwar unterscheiden sich diese Begriffe und die damit verbundenen Vorstellungen in ihrer inhaltlichen Akzentsetzung und politischen Stoßrichtung. Gemeinsam ist ihnen aber die Idee, dass Unternehmen über gesetzliche Vorgaben und über ihre eigentliche Geschäftstätigkeit hinaus in selbst gewählten gesellschaftlichen Bereichen und eigens initiierten Projekten von ihrer Freiheit zum Engagement Gebrauch machen (sollten) - sei es in den Bereichen Bildung und Erziehung, sei es in den Feldern Ökologie oder Soziales, sei es in der Bereichen Kultur oder Sport.

Im Zentrum stehen Formen eines unternehmerischen Engagements, die deutlich über das Sponsoring als einem Instrument der Kommunikationspolitik im Marketing-Mix eines Unternehmens hinausgehen. Vielmehr heben diese Engagementformen explizit auf die Rolle als "Unternehmensbürger" im sozialen und politischen Gemeinwesen ab. Als besonders bedeutsam gelten bereichsübergreifende Kooperationen mit Partnerorganisationen, um spezifische gesellschaftliche Aufgaben in gemeinsamen Projekten zu bearbeiten. Dazu gehören neben materiellen Aufwendungen im Sinne eines Transfers von Geld oder Sachmitteln in Projekte (Corporate Giving) z.B. der aktive Einbezug von Beschäftigten im Sinne eines Transfers von Zeit und Wissen (Corporate Volunteering).

Allerdings lassen sich die angloamerikanisch geprägten Diskussionen und Konzepte zu dieser Thematik nur bedingt auf den deutschen Kontext beziehen. Denn diese scheinbar neuen Formen eines unternehmerischen Engagements in der Gesellschaft lassen sich erst dann angemessen verstehen, wenn man das im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft institutionalisierte, mithin "alte" Engagement nicht als selbstverständlichen gesellschaftlichen Beitrag von Unternehmen betrachtet. Vielmehr muss man es als grundlegend für das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen in Deutschland insgesamt anerkennen. Erst vor diesem Hintergrund gewinnen Umfang, Struktur und Differenzierungen des - darüber hinausgehenden - freiwilligen unternehmerischen Engagements, das im Zuge der internationalen Diskussionen besondere Aufmerksamkeit erfährt, ihre inhaltliche Bedeutung.[1]

Die Frage nach Umfang, Struktur und Differenzierungen dieses freiwilligen gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen in Deutschland steht im Zentrum dieses Beitrags. Skizziert und interpretiert werden Ergebnisse einer bundesweiten und branchenübergreifenden Befragung von Wirtschaftsunternehmen, auf deren Grundlage potenzielle Traditionen und Neuorientierungen dieses Engagements herausgearbeitet werden.[2] Dieser Rekonstruktionsversuch ist mit einem methodischen Vorbehalt zu versehen, denn unsere empirische Studie wurde im Herbst 2006 als Querschnittserhebung durchgeführt, die grundsätzlich keine Aussagen über Entwicklungstendenzen erlaubt. Insofern sind meine leitenden Thesen, die im Folgenden skizziert werden, auch nicht als empirische Konstatierungen zu verstehen, sondern als Interpretationsfiguren mit erfahrungsgesättigtem Plausibilitätsanspruch, die aufschlussreiche Hinweise auf institutionelle Pfade und Dynamiken des freiwilligen gesellschaftlichen Engagements von Unternehmen in Deutschland geben.

Fußnoten

1.
Vor diesem Argumentationshintergrund veranstalten das Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement an der Universität Paderborn und das BBE am 25./26. September 2008 einen internationalen Kongress zum Thema "Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen. Der deutsche Weg im internationalen Kontext" im Heinz-Nixdorf-Forum in Paderborn. Der Kongress wird gefördert vom BMFSFJ, dem MGFFI des Landes NRW und der Initiative "Paderborn überzeugt". Informationen unter: www.engagement-von-unternehmen.de.
2.
Die empirische Untersuchung wurde vom Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement (Projektleitung, Fragebogenkonstruktion, Datenauswertung und -dokumentation) in Kooperation mit FORSA (Datenerhebung) und dem CCCD (Vorbereitung des Vorhabens und Mitarbeit bei der Fragebogenkonstruktion) durchgeführt. Besonderer Dank gilt der Deutschen BP AG für die Projektförderung. Informationen unter: www.forschungszentrum-be.uni-paderborn.de.