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24.7.2008 | Von:
Sebastian Braun

Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen in Deutschland

"Persistenz-These": Gesellschaftliches Engagement in der Sozialen Marktwirtschaft

96 % der befragten Unternehmen sind freiwillig gesellschaftlich engagiert. Dieser hohe Anteil korrespondiert mit Ergebnissen anderer Untersuchungen, die - trotz erheblicher Unterschiede in der theoretischen und methodischen Anlage - Engagementquoten von über 80 bzw. mehr als 90 % ermitteln.[3] Die Engagementbereitschaft durchzieht sämtliche Branchen und Größenklassen[4] von Unternehmen, zwischen denen sich keine bedeutsamen Unterschiede erkennen lassen (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version).

Überwiegend greifen die engagierten Unternehmen auf Engagementformen zurück, die (neben dem Sponsoring, das ausgeklammert wird) als klassische Instrumente des unternehmerischen Engagements bezeichnet werden können: materielle Ressourcen in Form von Geld- (83,4 %) oder Sachspenden (59,7 %) (vgl. Tabelle 1 der PDF-Version). Andere Formen des Corporate Giving, die in aktuellen Diskussionen als "moderne Engagementformen" thematisiert werden, findet man hingegen vergleichsweise selten (z.B. Spendenaktionen oder Stiftungsgründungen).

Anders verhält es sich mit der betrieblichen Unterstützung des ehrenamtlichen Engagements der Beschäftigten, die unter dem Begriff Corporate Volunteering als innovatives Instrument unternehmerischen Engagements gilt. Mehr als 60 % der Unternehmen geben an, das ehrenamtliche Mitarbeiterengagement zu unterstützen, sei es durch die Bereitstellung der betrieblichen Infrastruktur oder durch Freistellungen für das Engagement.

Mit Hilfe dieser verschiedenen Engagementformen werden überwiegend Aktivitäten im lokalen Raum der Unternehmensstandorte gefördert. Fast drei Viertel der gesellschaftlich engagierten Unternehmen geben an, sich lokal bzw. regional im Umfeld des Unternehmenssitzes oder Betriebsstandortes einzubringen, während sich ein wesentlich geringerer Anteil auf nationaler (14,5 %) oder internationaler Ebene (13,6 %) engagiert (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version).

Die Auswahl entsprechender Maßnahmen und Projekte erfolgt dabei zumeist als Reaktion auf Anfragen aus dem gesellschaftlichen Umfeld, bei denen vor allem darauf geachtet wird, dass die Anfragen thematisch zum Unternehmen passen. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Kontext die Bereiche "Sport" und "Freizeit", die für die Unternehmen die interessantesten Handlungsfelder ihres gesellschaftlichen Engagements darstellen. Erst mit deutlichem Abstand folgen die Bereiche "Erziehung und Bildung", "Kommune und Gemeinwesen" und "Soziales".

Um sich in den verschiedenen Handlungsfeldern zu engagieren, gehen rund 60 % der Unternehmen Kooperationen mit anderen Organisationen ein. Im Zentrum steht dabei offensichtlich das lokal und regional agierende Vereinswesen: 70 % der Unternehmen, die auf solche Interaktionen verweisen, arbeiten mit lokalen freiwilligen Vereinigungen zusammen (vgl. Abbildung 3 der PDF-Version). Erst mit deutlichem Abstand folgen Bildungseinrichtungen wie Kindergärten und Schulen (43,7 %), Wohlfahrtsverbände (37,8 %) oder Kommunalverwaltungen (35,6 %).

Fasst man die skizzierten Befunde zusammen, dann lässt sich das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen in Deutschland als selbstverständlicher Bestandteil unternehmerischer Aktivitäten in der lokalen Zivilgesellschaft der Betriebsstandorte beschreiben, das sich vorrangig durch die Bereitstellung materieller Unternehmensressourcen zugunsten von sport- und freizeitorientierten Projekten des lokalen Vereinswesens auszeichnet. Diese Befunde weisen darauf hin, dass ein solches Engagement offenkundig keine "Erfindung" einer erst aufkommenden gesellschaftspolitischen Diskussion ist, die sich vor dem Hintergrund internationaler Debatten zu entfalten sucht. Vielmehr scheint es in Traditionen der unternehmerischen Partizipation im Gemeinwesen eingebettet zu sein. Für diese Interpretation sprechen auch die Selbsteinschätzungen der engagierten Unternehmen: In vier von fünf Unternehmen gehört nach Auskunft der Befragten das gesellschaftliche Engagement zum Selbstverständnis und bei fast zwei Dritteln zu den Traditionen und Werten des Unternehmens.

In diesem Kontext scheinen die Unternehmen bevorzugt solche Handlungsfelder zu wählen, die eher zu den Randbereichen staatlichen Handelns zählen und die ihnen insofern ein vergleichsweise wenig reglementiertes, frei gewähltes und selbst bestimmtes Handeln eröffnen dürften. Exemplarisch dafür stehen die quantitativ eindeutig dominierenden Bereiche Sport und Freizeit, die einerseits als vermeintlich "unpolitische" Handlungsfelder gelten und relativ "staatsfern" organisiert sind, die andererseits aber auch in der Öffentlichkeit positiv konnotiert sind und die insofern Imagegewinne (oder zumindest keine Imageverluste) zu garantieren scheinen.

Fußnoten

3.
Vgl. Frank Maaß/Reinhard Clemens, Corporate Citizenship: Das Unternehmen als guter Bürger, in: Institut für Mittelstandsforschung Bonn (Hrsg.), Jahrbuch zur Mittelstandsforschung 2/2002, Wiesbaden 2002; Forsa, "Corporate Social Responsibility" in Deutschland, Berlin 2005.
4.
Unternehmen mit bis zu 49 Mitarbeitern bzw. unter 10 Mio. EUR Jahresumsatz werden im Folgenden als "kleine", mit 50 bis 499 Mitarbeitern bzw. 10 bis 50 Mio. EUR Jahresumsatz als "mittlere" und mit mindestens 500 Mitarbeitern bzw. mehr als 50 Mio. EUR Jahresumsatz als "große Unternehmen" bezeichnet.