APUZ Dossier Bild
1|2|3|4|5|6 Auf einer Seite lesen

7.7.2008 | Von:
Helmut Digel

Chinas Nutzen aus den Olympischen Spielen

Aller Voraussicht werden die Spiele für China ein sportlicher, sozialer und kommerzieller Erfolg. Das Land könnte besonders von den strukturellen Effekten profitieren. Es gibt jedoch auch Risiken.

Einleitung

Die Frage nach der Wirkung Olympischer Spiele kann auf eine lange Tradition verweisen, und sie hat eine verwirrende Vielfalt an Antworten hervorgebracht. Aus Anlass der XXIX. Olympischen Spiele in Peking in diesem Jahr wird diese Frage erneut gestellt und es bleibt abzuwarten, welche Bilanz nach dem Abschluss der Spiele zu ziehen ist.






Die Geschichte der modernen Olympischen Spiele kann als eine Erfolgsgeschichte beschrieben werden. Immer mehr Athleten in immer mehr Sportarten nehmen an ihnen teil, das weltweite Interesse ist kontinuierlich gewachsen, der Zuschlag für die Ausrichtung der Spiele ist für fast alle großen Industrienationen zu einem Objekt der Begierde geworden, und ganz offensichtlich lassen sich mit ihnen auch beträchtliche ökonomische Gewinne erzielen. Bei einer etwas genaueren Betrachtung ist jedoch zu erkennen, dass die Spiele für die Gastgeber nicht immer nur erfolgreich waren. Vielmehr muss aus heutiger Sicht mancher Ausrichter als Verlierer bezeichnet werden. Als äußerst erfolgreiche Ausrichter gelten die Städte Tokio, München, Los Angeles und Seoul. Die Spiele in Japan im Jahre 1964 werden mit dem ökonomischen take off des Landes in Verbindung gebracht. 1972 in München präsentierte sich der internationalen Öffentlichkeit ein neues, weltoffenes Deutschland mit vorbildlichen Sportstätten und wegweisender Infrastruktur. Die Spiele von Los Angeles 1984 zeichneten sich durch das Merkmal des money turn over aus - erstmals konnten erhebliche Gewinne erzielt werden. Mit den Spielen in Korea 1988 wird der Transformationsprozess einer Gesellschaft hin zu einer parlamentarischen Demokratie verbunden. Einer derartigen Erfolgsbilanz stehen jedoch die Spiele von Montreal 1976, Sydney 2000 und Athen 2004 gegenüber. In Montreal kam die ökonomische Bilanz des Gastgebers beinahe einer Katastrophe gleich, Sydney beklagte trotz atmosphärisch erfolgreicher Spiele eine unzureichende Kostendeckung und konnte die Nachhaltigkeit der Sportstätten nicht sichern, und in Athen sind die mit der Ausrichtung verbundenen Folgelasten bis heute ungelöst.

Es stellt sich daher die Frage, inwiefern sich die hohen Erwartungen, welche die chinesische Gesellschaft an die Ausrichtung der Spiele richtet, tatsächlich erfüllen lassen. Das Jahr 2008 hat dabei keineswegs so begonnen, wie es sich die politische Führung des Landes gewünscht hat. Winterstürme haben große Teile der chinesischen Wirtschaft über mehrere Wochen lahmgelegt, und die Aufstände in Tibet haben China international isoliert. Die wirtschaftliche Entwicklung weist gefährliche Alarmsignale auf. Die Inflationsrate steigt, und der Immobilienmarkt wurde nachhaltig erschüttert. Die Energieknappheit belastet die aktuelle und weitere Entwicklung. Trotz dieser eher widrigen Ausgangsbedingungen gehen internationale Experten, nicht zuletzt aber auch die Chinesen selbst davon aus, dass die Olympischen Spiele in Peking alle Erwartungen erfüllen können, die sowohl das Internationale Olympische Komitee (IOC) als auch der Gastgeber mit diesen Spielen verbinden.

Will man diese Erwartungen auf den Prüfstand stellen, so können die grundsätzlichen Fragen nach der gesellschaftspolitischen und ökonomischen Bedeutung sportlicher Großveranstaltungen eine weiterführende Hilfe sein. Hierzu gibt es eine Vielzahl von Studien, in denen diese Zusammenhänge mehr oder weniger systematisch und genau untersucht wurden.[1] Die diesbezüglich vorgelegten empirischen Befunde sind widersprüchlich, die Schlüsse der meisten Auftragsforschungsarbeiten fragwürdig. Dennoch lassen sich in Bezug auf die Frage nach dem Nutzen der Olympischen Spiele in Peking mehrere Wirkungsfelder unterscheiden, die für eine Antwort herangezogen werden können.

Psychologische, soziale und kommunikative Effekte

Olympische Spiele haben zunächst und vor allem einen Wert an sich. Finden sie statt, so sind sie ein besonderes Ereignis, bei dem die Menschen positive Gefühle, eine lebensbejahende Einstellung, die Erwartung von etwas Besonderem, Geselligkeit und Kommunikation in den Mittelpunkt ihrer Interessen stellen. Die Menschen bilanzieren die Tage des olympischen Sports, bei denen sie anwesend sein können, als Tage des Glücks, als Ausgleich für Belastungen, denen sie im Arbeitsalltag ausgesetzt sind. Olympische Spiele können somit eine besondere psychologische Qualität aufweisen. In der Lebenswelt der Individuen und für die Biographie von Menschen können sie interessante Zäsuren darstellen, die für die Betroffenen viel bedeuten. Diese Wirkung werden die Spiele von Peking für viele Chinesen haben, bei denen ein ausgeprägtes nationales Bewusstsein ein idealer Nährboden für diese Wirkung sein wird. Diese psychologische Qualität der Spiele wird sich aber auch bei den Athleten selbst, den Funktionären, den Trainern, den internationalen Gästen und bei der internationalen Zuschauerschaft zeigen. Dabei kann durchaus von einer massenhaften Wirkung gesprochen werden. In Sydney und in Athen besuchten 7,6 bzw. 5,3 Millionen Zuschauer die Wettkämpfe vor Ort. Vor dem Bildschirm wurden die Spiele von Sydney und Athen weltweit von 36,1 bzw. 34,4 Milliarden Stunden lang verfolgt.[2] Für die Spiele von Peking werden 40 Milliarden sogenannte total viewer hours prognostiziert.

Olympische Spiele sind immer auch soziale Ereignisse, sie sind Anlass zur Begegnung, zur Identifikation, zur Freude mit Anderen und über Andere. Sie können aber auch Anlass zu Ärger und Frustration sein. Durch die Olympischen Spiele wird man aus einem häufig allzu verplanten Alltag in eine relativ situationsoffene neue Realität geführt. Vertrautes und Fremdes begegnen einem dabei gleichermaßen. Man ist mit Freunden und Bekannten zusammen, setzt sich aber auch mit Unbekanntem und Fremdem auseinander. Dies gilt für die aktive wie passive Beteiligung gleichermaßen. Obgleich der Zuschauer nur passiv an den Spielen teilnimmt, ermöglicht diese Teilnahme aktives Engagement. Die private Kommunikation über das Ereignis wird vielen Menschen zum zentralen Unterhaltungsinhalt. Das Mitredenkönnen versetzt sie in die Rolle des Experten, des Fans oder des Ehrengastes. Diese Wirkung werden die Spiele von Peking vor allem für große Teile der chinesischen Gesellschaft haben. Wobei sich für sie die positive soziale Qualität nicht nur auf die Kommunikation untereinander beschränkt: Seit der Vergabe der Spiele im Jahr 2001 lässt sich in China und insbesondere in den Großstädten Chinas eine Internationalisierung der Bevölkerung beobachten. Die Schulungsprogramme des Personals und der rund 70 000 Freiwilligen der Olympischen Spiele - weitere ca. 400 000 Freiwillige werden im Großraum Peking eingesetzt[3] - haben die Fremdsprachenkenntnisse und damit die Verständigungsmöglichkeiten vieler Chinesen erweitert. Ihr Wissen über die Welt außerhalb Chinas hat sich verändert, ihre Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit fremden Kulturen erhöht. Die soziale Qualität der Spiele zeigt sich auch im olympischen Dorf und in den wissenschaftlichen, kulturellen, musikalischen und künstlerischen Veranstaltungen, die aus Anlass der Olympischen Spiele stattfinden. Hier eröffnen sich Möglichkeiten zur internationalen Begegnung, wie sie nur bei Olympischen Spielen gegeben sind.

Weiterhin sind Olympische Spiele Anlass zur öffentlichen Kommunikation. Der olympische Sport bietet spektakuläre Leistungen, über die zu sprechen ist, die in Wort und Bild zu zeigen sind: nicht nur in der Region, sondern vor allem global. Auf der ganzen Welt wird über sie gesprochen, kein anderes Kulturgut drängt so sehr zur öffentlichen und medialen Darstellung wie die Olympischen Spiele. Ein besonderes Merkmal der Spiele ist deshalb die Multiplikation der Kommunikation. Dies bedeutet aber immer auch, dass nicht nur über die Olympischen Spiele gesprochen wird, sondern auch über den Ort, an dem sie stattfinden. Bilder von Peking und China werden um die Welt gehen. Land und Leute werden dargestellt, Kultur, Kunst und Musik des Gastgeberlandes werden Milliarden von TV-Zuschauern zugänglich gemacht. Die Olympischen Spiele ermöglichen auf diese Weise einen positiven Imagetransfer, wie dies in der Welt der Kommunikation sonst kaum anzutreffen ist. Die kommunikative Reichweite der Fernsehübertragungen und der verschiedenen Internetbotschaften von den Spielen in Peking wird so groß sein wie noch nie.

Ökonomische Auswirkungen

Bei Olympischen Spielen werden Leistungen von Athletinnen und Athleten als Ware auf dem Markt der Unterhaltungsindustrie offeriert; dies gilt auch dann, wenn bei den Spielen selbst keine Antrittsprämien oder Preisgelder ausgelobt werden. Nur weil die Zuschauer spektakuläre Leistungen erwarten, sind sie bereit, hohe Eintrittspreise zu bezahlen. Sind die sportlichen Leistungen der Athleten herausragend, können große Gewinne mit ihnen erzielt werden. Sind sie mittelmäßig, muss schnell mit wirtschaftlichen Einbußen gerechnet werden. Olympische Spiele sind aber nicht nur Markt-, sie sind auch Konsumereignisse. Dabei konsumieren die Zuschauer vor Ort in gleicher Weise wie jene, welche die Olympischen Spiele in der ganzen Welt über einen Bildschirm oder über das Internet verfolgen. Immer mehr Anschlussindustrien lassen sich im Zusammenhang mit Olympischen Spielen beobachten: Die Gastronomie, das Tourismus- und Übernachtungsgewerbe, Verkehrsbetriebe und viele weitere Unternehmen profitieren von der Veranstaltung der Spiele ebenso wie der Staat, der von den höheren Steuereinnahmen profitiert.

Ökonomisch bedeutsam können auch die Partnerschaften sein, die einzelne Wirtschaftsunternehmen mit den Veranstaltern der Olympischen Spiele eingehen. So kann das Organisationskomitee der Olympischen Spiele in Peking (BOCOG) nach eigenen Angaben dank seiner Verträge mit Partnern, Sponsoren und Lieferanten mit einem Gewinn in Höhe von mindestens 16 Millionen US-Dollar rechnen. Experten vermuten allerdings, dass sogar der Überschuss der Spiele von Los Angeles 1984 (224 Millionen US-Dollar) übertroffen werden kann. Allein durch Sponsoringverträge weist das BOCOG Einnahmen in Höhe von mehr als einer Milliarde US-Dollar auf.[4] Insgesamt gehen Experten für den Zeitraum der 16 vorolympischen Monate (inklusive der Spiele selbst) von rund fünf Milliarden US-Dollar Werbeeinnahmen aus.[5]

In besonderer Weise dürften deshalb diejenigen Unternehmen von den Spielen profitieren, die sich als Partner des BOCOG privilegierte Kommunikationsmöglichkeiten in China gesichert haben. Sie können die Peking-Spiele mit Hilfe der Medien zu Sichtbarkeit, Attraktivität, und positivem Imagetransfer nutzen. Die elf Partnerfirmen zahlen hierfür jeweils zwischen 40 und 100 Millionen US-Dollar, die zehn Sponsoren jeweils zwischen 20 und 30 Millionen US-Dollar. Insbesondere ausländische Firmen können sich damit in China eine herausgehobene Wahrnehmung und einen erleichterten Marktzugang sichern. Ferner profitiert das BOCOG nicht unwesentlich von den Verkaufserlösen der Marketing- und Fernsehrechte durch das IOC. Beispielsweise zahlen die zwölf Top-Sponsoren des IOC für den Zeitraum von 2005 bis 2008 (Spiele in Turin und Peking) 866 Millionen US-Dollar an das IOC - das die Hälfte davon an das BOCOG weitergibt.[6] Von den Erlösen aus Fernsehrechten in Höhe von 1,737 Milliarden US-Dollar erhält das BOCOG 49 Prozent vom IOC zugeteilt.[7] Des Weiteren kann mit Effekten für die chinesische Wirtschaft im weitesten Sinne gerechnet werden. Diese kann auf ein jahrelanges Wachstum zurückblicken, wobei die Vergabe der Spiele nach Peking hierfür als ein wichtiger Katalysator gewirkt hat. Im Jahr 2007 erreichte Chinas Sportmarkt bereits ein Volumen von 40 Milliarden US-Dollar, die staatliche Sportlotterie wies einen Umsatz von drei Milliarden US-Dollar auf, und für 2008 wird eine Steigerung des Sportkonsums um 6,2 Milliarden US-Dollar erwartet. Der Sport wird in diesem Jahr seinen Anteil am BIP auf ein Prozent erhöhen. Aus der Sicht von Experten lässt dies noch einen erheblichen Wachstumsspielraum zu.[8]

Es sollte auch die Frage gestellt werden, wie sich der chinesische Sportmarkt nach den Spielen entwickeln wird. China wird im Medaillenspiegel der Olympischen Spiele in Peking eine entscheidende Rolle spielen, und ohne Zweifel werden die Olympischen Spiele als ein sportlicher, sozialer und kommerzieller Erfolg zu interpretieren sein. Dennoch scheint es nur begrenzte Möglichkeiten zu geben, diesen Erfolg in der Zukunft fortzuschreiben. Unter den chinesischen Erfolgssportarten sind nur Badminton und Tischtennis wirklich populär. Daneben ist noch der Basketballsport zu nennen, der seinen Erfolg vor allem dem chinesischen Spieler Yao Ming in der nordamerikanischen Profiliga NBA zu verdanken hat.[9] Eine Ausnahmerolle nimmt auch Liu Xiang ein, der als chinesische Ikone seine Erfolge in der Leichtathletik zu vermarkten weiß. Die Sportart selbst profitiert jedoch nicht davon. Dennoch verteten Marketingexperten die Meinung, dass China durch die Olympischen Spiele zukünftig auf ihrer Landkarte einen noch wichtigeren Platz einnehmen wird.

Beschäftigungs- und strukturpolitische Effekte

Die Ausrichtung von Olympischen Spielen, das haben alle Spiele der Vergangenheit gezeigt, haben auch positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Nirgendwo wurde dies in den vergangenen Jahren so deutlich wie in Peking, da fast alle Sportstätten erst gebaut werden mussten. Peking wurde auf diese Weise zu einem Arbeitsplatz auf Zeit für Tausende von Wanderarbeitern. Zur Vorbereitung der chinesischen Olympiamannschaft wurde das Fachpersonal wesentlich erhöht, unter anderem auch mit vielen ausländischen Experten. Unter der Führung einer 57-köpfigen Zentrale kümmern sich derzeit mehr als 4000 Mitarbeiter in 30 Abteilungen um die strategische und operative Umsetzung der Spiele.[10] Die Beschäftigungseffekte von Olympischen Spielen sollten jedoch auch nicht überschätzt werden. Sie weisen einen Höhepunkt im zeitnahen Umfeld der Spiele selbst auf, erweisen sich aber in der weiteren Arbeitsmarktentwicklung meist als folgenlos.

Die wohl wichtigste Wirkung, die Olympische Spiele erzielen können, ist jene, die als strukturell zu bezeichnen ist. Mit der Abhaltung Olympischer Spiele entstehen strukturelle Effekte, die hilfreich für eine positive gesellschaftliche Entwicklung in dem jeweiligen Ausrichterland sein können. Dies gilt für die ständig benötigte Modernisierung der Infrastruktur gleichermaßen wie für die positive Beeinflussung mentaler und sozialer Strukturen in der Bevölkerung. In Bezug auf die Spiele von Peking ist der neue Flughafen, der Ausbau des Straßensystems, die Modernisierung der bestehenden Verkehrswege und Verkehrsmittel, der Neubau und die Modernisierung verschiedener Wohngebiete, neue Hotelanlagen, die ökologische Sanierung ganzer Stadtteile und die Bereitstellung neuer Freizeitstrukturen zu erwähnen.

In diesem Zusammenhang ist vor allem auch das durch die Spiele hervorgerufene neue Bewusstsein zugunsten eines aktiven Umweltschutzes zu erwähnen. Erste strukturpolitische Entscheidungen wurden bereits getroffen. Eine vorrangige Bedeutung nimmt das Umweltschutzprogramm ein, in dem die Reduktion der Verunreinigung durch Braunkohle, die Vermeidung der Verunreinigung durch PKW-Emissionen, die Reduktion der industriellen Luftverschmutzung und der Schutz der Trinkwasserversorgung höchste Priorität haben. Aber auch die Implementierung und Entwicklung eines nationalen Sportgesundheitsprogramms und die nachhaltige Nutzung der olympischen Sportstätten wird besonders herausgestellt.[11]

Stabilisierung des politischen Systems

Die Olympischen Spiele waren seit ihrer Neubegründung im Jahr 1896 nahezu immer auch mit verschiedenen negativen Erscheinungen verbunden. Zur Geschichte der Olympischen Spiele gehören deshalb auch Skandale, Missbrauch der olympischen Ideale, Boykott, Korruption und finanzieller Missbrauch, strafrechtliche Delikte und vor allem politischer Missbrauch der Spiele. Am ehesten verständlich ist dabei noch, dass die jeweiligen Ausrichterstädte und meist auch die damit verbunden politischen Systeme versuchten, sich über die Spiele international positiv zu präsentieren. Die Ausrichtung der Spiele war deshalb immer mit dem Bemühen verbunden, einen möglichst optimalen politischen Nutzen zu erzielen. Ein solcher wird mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele in Peking deshalb ebenfalls für die chinesische Führung zu bilanzieren sein.

Zunächst kann dabei vor allem die Kommunistische Partei (KP) ihren Nutzen aus den Spielen ziehen. Ungeachtet des Mehrparteiensystems ist die Staatsführung eng mit der KP verbunden, sie reklamiert für sich die politische Führungsrolle und damit auch das Recht auf autoritäre Lenkung des Staats. Die gesamte Veranstaltung ist somit an die autoritäre Führung Chinas gebunden, und die Spiele selbst werden von dieser Regierung personell, materiell und programmatisch maßgeblich beeinflusst. Auf diese Weise gelingt es Chinas Regierung, die Olympischen Spiele zur Demonstration chinesischer Leistungsfähigkeit zu nutzen. Daraus folgt eine interne Legitimationsfunktion gegenüber dem chinesischen Volk, denn Fortschritt und internationale Akzeptanz Chinas lassen sich als Leistung der Partei darstellen. Gleichzeitig gelingt es der Regierung, sich gegenüber der internationalen Staatengemeinschaft als moderner Partner zu präsentieren. Auf diese Weise resultiert für die Regierung eine Festigung ihres politischen Machtanspruchs nach innen und nach außen. Die Vorbereitung der Olympischen Spiele von Peking hat bereits deutlich gemacht, dass es zur Erreichung dieser Ziele für die chinesische KP kaum finanzielle Grenzen gibt und eine finanziell gewinnbringende Veranstaltung nicht oberste Priorität besitzt. Ganz gezielt wird darauf hingearbeitet, die weltweite Berichterstattung über die Spiele für einen positiven Imagetransfer, zur internationalen Anerkennung und zu einer Demonstration von Stärke zu nutzen.

Eine wichtige politische Bedeutung der Spiele ist auch darin zu sehen, dass die Spiele selbst positive Effekte für die nationalen Sportverbände Chinas haben werden. Der Hochleistungssport erhält seit Jahren enorme finanzielle, materielle, personelle und programmatische Unterstützung seitens des chinesischen Staats mit dem Ziel, Grundlagen zu schaffen, dass die chinesischen Sportler bei den Spielen in Peking zu den drei erfolgreichsten Nationen zählen. Für 17 000 ausgewählte Kaderathleten wurden hohe Investitionen getätigt. Etwa 70 Millionen Euro wird China pro gewonnener Goldmedaille investiert haben. Dabei ist zu bedenken, dass vor der Vergabe der Spiele an Peking 2001 nur wenige olympische Sportarten im chinesischen Sport eine wichtige Rolle spielten. Inwieweit sich diese für den chinesischen Hochleistungssport positiven Effekte nach 2008 abschwächen, ist heute noch nicht abzusehen.

Vom gesellschaftlichen Bedeutungszuwachs des Hochleistungssports profitierte auch die chinesische Wissenschaft, insbesondere die Sportwissenschaft. Wissenschaftsdisziplinen, die Beiträge zum Erfolg chinesischer Sportler in olympischen Sportarten leisten können, werden als gesellschaftlich relevant wahrgenommen und entsprechend unterstützt.[12] Die Sportverbände profitieren von der gesteigerten Aufmerksamkeit der Staatsführung für den olympischen Sport, der bereits jetzt im Vergleich zur traditionellen chinesischen Bewegungskultur einen privilegierten Platz für sich beanspruchen kann. Über die finanzielle und personelle Unterstützung der Sportverbände und der Sportwissenschaft lässt sich nur spekulieren, genaue Zahlen werden nicht veröffentlicht; erschwerend kommt hinzu, dass die Verbände und die Sportwissenschaft zwar formal selbständig, faktisch aber über Personalunion eng mit der staatlichen Generalverwaltung für Sport verbunden sind.[13] Es ist aber davon auszugehen, dass die staatlichen Fördermittel zu Gunsten des Hochleistungssports ungleich höher sind, als dies für Chinas sportliche Konkurrenten möglich wäre.

Mit Blick auf Peking, das neben Schanghai die wichtigste Provinz innerhalb des chinesischen Staatsgebildes darstellt und dabei eine Größe aufweist, die einem europäischen Mitgliedsland wie Spanien entspricht, lassen sich noch eine ganze Reihe weiterer politischer Nutzungseffekte erkennen. Im so genannten Beijing Olympic Action Plan werden äußerst detailliert die Politikfelder benannt, die mittels der Ausrichtung der Olympischen Spiele beeinflusst werden können; Programmpunkte sind zum Beispiel: Einführung eines Nationalen Sport- und Gesundheitsprogramms, Erhöhung des Lebensstandards der Pekinger Bevölkerung, Nachhaltige Nutzung der olympischen Sportstätten, Kontrolle der Umweltverschmutzung, Entwicklung und Management des öffentlichen Nahverkehrs und Schaffung eines positiven Umfelds für kulturellen Tourismus.[14]

Resümee

Bei Betrachtung aller positiven Effekte, welche die diesjährigen Olympischen Spiele haben können, kann es eigentlich kaum überraschen, dass sich eine moderne Regionalpolitik heute meist durch das Bemühen auszeichnet, eine ausreichende Zahl sportlicher Großveranstaltungen in eine zukunftsorientierte Entwicklungsperspektive zu integrieren und möglichst langfristig an sich zu binden. Deshalb sind überall in der Welt immer mehr Städte bereit, sich mit enormem finanziellem Aufwand um Olympische Spiele zu bewerben. Seit den Olympischen Spielen von 1984 ist die Zahl der Bewerberstädte um die Ausrichtung Olympischer Sommerspiele kontinuierlich angestiegen, und die Investitionen, die bereits während der immer wichtiger werdenden Bewerbungsphasen getätigt werden, sind in vielerlei Hinsicht ins Unermessliche gestiegen. Vergleichbares lässt sich auch für die Fußballweltmeisterschaften konstatieren. Aus der Sicht des IOC, der olympischen Sportarten oder aus der Sicht des Fußballsports ist diese Entwicklung als positiv zu bezeichnen. Aus der Sicht der Metropolregionen in den interessierten Ländern ist die sich abzeichnende Entwicklung jedoch nicht ohne Risiko. Dabei ist zu erkennen, dass die Risikobereitschaft von Region zu Region unterschiedlich ausgeprägt ist. Auch die Prioritäten werden bei der Einbindung in ein Gesamtkonzept der Regionalentwicklung äußerst unterschiedlich gesetzt. Die Veranstaltung von sportlichen Großereignissen, insbesondere auch von Olympischen Spielen, kann erhebliche Risiken in sich bergen. Das zeigt sich gerade in diesen Tagen in Bezug auf Peking 2008.

Misslungene Olympische Spiele und damit verbundene Verluste sind durchaus in den Bereich des Möglichen gerückt. Sportliche Großveranstaltungen im Allgemeinen und Olympische Spiele im Besonderen werden immer nur dann zu einem besonderen Erfolg, wenn der Identifikationsprozess sowohl der nationalen als auch der internationalen Zuschauer mit den sportlichen Wettkämpfen gelingt. Dazu gehört vor allem, dass sich die Zuschauerinnen und Zuschauer sowohl im Stadion als auch vor den Fernsehgeräten mit Athletinnen und Athleten identifizieren können. Auch in der globalisierten Welt wird die Identifikation dabei vorrangig nationale Merkmale aufweisen. Ist eine nationale Identifikation in Frage gestellt, ist mit rückläufigem Zuschauerinteresse zu rechnen. Der Identifikationsprozess der Zuschauer in sportlichen Wettkämpfen hängt aber auch von den Rahmenbedingungen der Spiele selbst ab. Erweisen sich diese im Vorfeld der Spiele selbst als konfliktträchtig, wird die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht vorrangig von sportlichen Wettkämpfen, sondern von dem mit Konflikten belasteten Umfeld in Anspruch genommen. Misslingt es der olympischen Bewegung, den friedenspolitischen Charakter der Olympischen Spiele zur Darstellung zu bringen, so kann die Feier der Olympischen Spiele zu einem Ereignis werden, dessen Wirkung große Gefahren in sich birgt.
1|2|3|4|5|6 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Vgl. u.a. Jean-Jacques Gouguet, Economic Impact of Sporting Events: What Has to be Measured?, in: Carlos P. Barros/Muradali Ibrahimo/Stefan Szymanski (eds.), Transatlantic Sport: The Comparative Economics of North American and European Sports, Cheltenham 2002, S. 152 - 170; Markus Kurscheidt, The World Cup, in: Wladimir Andreff/Stefan Szymanski (eds.), Handbook on the Economics of Sport, Cheltenham 2006, S. 197 - 213; Claude Jeanrenaud (ed.), The Economic Impact of Sport Events, Neuchâtel 1999; Wolfgang Maennig/Stan du Plessis, World Cup 2010: South African Economic Perspectives and Policy Challenges Informed by the Experience of Germany 2006, in: Contemporary Economic Policy, 25 (2007) 4, S. 578 - 590; Holger Preuß, Ökonomische Implikationen der Ausrichtung Olympischer Spiele von München 1972 bis Atlanta 1996, Kassel 1999.
2.
Vgl. IOC, Olympic Marketing Fact File 2008, Lausanne 2008. (Nachträgliche Korrektur: In der ursprünglichen Version des Artikels war hier von TV-Zuschauern statt von der Zahl der weltweit vor den TV-Geräten verbrachten Stunden (total viewer hours) die Rede. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen. Anm. d. Red.)
3.
The Beijing Organizing Committee for the Games of the XXIX Olympiad (BOCOG), Registration of Games-time Volunteers winds up, in: http://en.bei jing2008.cn/volunteers/news/latest/
n214290309.shtml (28. 4. 2008).
4.
Vgl. Roland Karle, Die Firma mit den goldenen Ringen, in: Horizont Sport Business, (2008) 1, S. 8 - 11.
5.
Vgl. Zhang Dan, The olympic effect?, in: SportBusiness, 132 (2008) 3, S. 62 f.
6.
40 Prozent gehen an die internationalen Fachverbände, 10 Prozent verbleiben beim IOC. Vgl. IOC (Anm. 2).
7.
Vgl. ebd.
8.
Vgl. Z. Dan (Anm. 5).
9.
Mittlerweile hat sich Basketball in China zu einem Volkssport entwickelt: Laut einer jüngeren Untersuchung spielen 300 Millionen Chinesen Basketball, vier Fünftel aller Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren bezeichnen sich als NBA-Fans. Mehr als 20 Prozent des gesamten Internetverkehrs auf der NBA-Homepage kommt heute aus China.
10.
Vgl. BOCOG, About us, in: http://en.beijing2008. cn/47/66/column211716647.shtml (15. 4. 2008).
11.
Vgl. BOCOG, Beijing 2008 Green Olympics: Progress v. Challenge, in: http://en.beijing2008.cn/12/12/
greenolympics.shtml (15. 4. 2008).
12.
Vgl. Helmut Digel/Jia Miao/Andreas Utz, Hochleistungssport in China, Weilheim/Teck 2003.
13.
Vgl. ebd.
14.
Vgl. BOCOG, Beijing Olympic Action Plan, in: http://en.beijing2008.cn/59/80/
column211718059. shtml (29. 4. 2008).