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26.6.2008 | Von:
Michael Klein

Alkoholsucht und Familie - Kinder in suchtbelasteten Familien

Hauptsymptome

Zu den von betroffenen Kindern insgesamt am häufigsten genannten Erfahrungen gehört die Unberechenbarkeit des elterlichen Verhaltens.[12] Dies bezieht sich verstärkt auf den Alkohol trinkenden, aber auch auf den jeweils anderen - meist als co-abhängig bezeichneten - Elternteil. Versprechungen, Vorsätze, Ankündigungen usw. werden oft nicht eingehalten, zulgeich herrscht inkonsistentes Belohnungs- und Bestrafungsverhalten vor. Generell werden sehr viele Ambivalenzerfahrungen und Loyalitätskonflikte berichtet (etwa manchmal übermäßig verwöhnt und manchmal übermäßig bestraft zu werden; den alkoholabhängigen Elternteil extrem zu verachten und zu hassen, ihn aber auch sehr zu mögen und zu umsorgen; den alkoholabhängigen Elternteil auch im Erwachsenenalter noch kontrollieren zu müssen). In manchen Fällen wurde deutlich, dass Kinder das süchtige Trinken ihrer Eltern auf sich selbst attribuierten, etwa wegen spezifischer eigener Fehlverhaltensweisen oder - im Extremfall - wegen ihrer bloßen Existenz.

Für Kinder in Suchtfamilien gelten besondere Regeln, so etwa, dass extreme Gefühlskontrolle, Rigidität, Schweigen, Verleugnung und Isolation geeignete Problembewältigungsverhaltensweisen sind. Es herrschen vor dem Hintergrund volatiler Verhaltensabläufe auch oft sehr starke Belastungssituationen vor. Die Belastungssituationen sind zusammenfassend dadurch gekennzeichnet, dass die Kinder - mehr Streit, konflikthafte Auseinandersetzungen und Disharmonie zwischen den Eltern erleben als andere Kinder; - extremeren Stimmungsschwankungen und Unberechenbarkeiten im Elternverhalten ausgesetzt sind; - häufiger in Loyalitätskonflikte zwischen den Elternteilen gebracht werden; - Verlässlichkeiten und Klarheiten im familiären Ablauf weniger gegeben sind sowie Versprechungen eher gebrochen werden; - häufiger Opfer von Misshandlungen (physisch, psychisch, sexuell) und Vernachlässigung werden.

Ein besonders starkes Problem ist die schon erwähnte elterliche Verhaltensvolatilität. Darunter wird der schnelle, unvorhersehbare Wandel des Verhaltens eines oder beider Elternteile verstanden, der für die betroffenen Kinder weder vorhersehbar noch kontrollierbar ist. Insgesamt kann in suchtbelasteten Familien von einer erheblichen Verhaltensvarianz ausgegangen werden.

Zu den drohenden Konsequenzen für Kinder aus suchtbelasteten Familien sind insbesondere solche Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen zu zählen, die auftreten, wenn Personen keine ausreichende Kontrolle über die eigenen Handlungsfolgen und die Umwelt ausüben können. Dazu zählen insbesondere negative Selbstwirksamkeitserwartung und erlernte Hilflosigkeit. Beide Phänomene treten auf, wenn ein Individuum zu wenige Erfahrungen erfolgreicher Interaktionen mit seinem Umfeld macht und es seine Handlungsziele überwiegend nicht durchsetzen kann. Es ist jedoch anzumerken, dass viele Symptome für Kinder aus Suchtfamilien nicht spezifisch sind, sondern, dass ähnliche Konsequenzen einerseits bei Kindern aus anderen stark dysfunktionalen Familien möglich sind, und, dass andererseits die direkt alkoholbezogenen Vulnerabilitätsfaktoren (z.B. genetisches Risiko) stark mit anderen Variablen (z.B. familiale Gewalt) interagieren.

Fußnoten

12.
Vgl. M. Klein, 2005 (Anm. 1).