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Doi Moi: Erneuerung auf Vietnamesisch - Essay


19.6.2008
Vietnam wird sich über kurz oder lang auch innenpolitisch und ideologisch seinen westlichen Handelspartnern annähern müssen. Das wird allerdings zu eigenen Bedingungen und in eigenem Tempo geschehen.

Einleitung



Viermal in der Woche bietet sich dasselbe Schauspiel: Am frühen Morgen reihen sich lange Menschenschlangen auf einer exakt abgesteckten Strecke am Rande des Ba-Dinh-Platzes, auf dem Staatsgründer und Revolutionsführer Ho Chi Minh am 2. September 1945 die Unabhängigkeit Vietnams ausgerufen hatte. Hunderte von Touristen aus aller Welt warten geduldig darauf, dass sich pünktlich um 7 Uhr 30 die Tür zum Mausoleum öffnet, damit sie einen kurzen Blick auf den einbalsamierten Revolutionsführer und Landesvater Vietnams werfen können. Die Besucher werden unter den wachsamen Augen der sozialistischen Ehrengarde im Gänsemarsch durch das marmorne Monument im Stil des sozialistischen Klassizismus geleitet. Wer aus der Reihe tanzt, stehen bleibt oder laut spricht, wird umgehend von einem der Uniformierten zur Raison gerufen.






Trotz Dauerklimatisierung riecht es muffig. Kaum hat man den sakral anmutenden zentralen Raum erreicht, in dem der einbalsamierte Leichnam Ho Chi Minhs wachsbleich unter Spotlichtern in seinem gläsernen Sarg ruht, beschleicht einen ein seltsam schlechtes Gewissen. Man möchte sich augenblicklich bei ihm entschuldigen für diese unverzeihliche Indiskretion, schließlich hat er sich zu Lebzeiten eine derartige Zurschaustellung ausdrücklich verbeten und stattdessen eine schlichte Feuerbestattung verfügt. Für Pietät ist jedoch in diesem staatstragenden Fall kein Platz, denn die Partei kann weniger denn je auf ihn verzichten. Angesichts zunehmender Präsenz westlicher Verlockungen und dekadenter Demokratiebestrebungen im Land versucht man wohl mit der Konservierung eines Toten, dessen Leben für harte Arbeit, Bescheidenheit und den Dienst am Volk stand, qua Magie auch dessen Werte zu bewahren, die angesichts enorm wachsender Korruption und einer zuweilen obszönen Opulenz in den eigenen Reihen obsolet zu sein scheinen und an die man zumindest das Volk selbst erinnern sollte.

Günter Grass meinte in seiner Nobelpreisrede im Jahr 1999: "Entsetzt sehen wir, dass der Kapitalismus, seitdem sein Bruder, der Sozialismus, für tot erklärt wurde, vom Größenwahn bewegt ist und sich ungehemmt auszutoben begonnen hat." Ob die Parteifunktionäre Vietnams Grass Rede kennen? Man scheint dessen Befürchtungen zu teilen und klammert sich - getreu der Devise, dass Tote länger leben - umso fester ans System und an "Onkel Ho", wie die Hanoier Ho Chi Minh liebevoll nennen. Hammer und Sichel prangen unübersehbar über dem Eingang des Präsidentenpalastes, wenige hundert Meter vom Mausoleum entfernt. Doch kaum kehrt man Mausoleum und Regierungspalast den Rücken, wird auch bei flüchtigem Hinsehen deutlich, dass diese Insignien des Sozialismus längst durch andere Fetische ersetzt wurden. Die neuen Reliquien der - ebenfalls neuen - Mittelschicht heißen Honda, Nike und Nokia. Für die Neureichen gibt es Cartier, Armani und Mercedes. In den Geschäftsvierteln der Innenstadt reihen sich Laden an Bude an Verkaufsstand. Jeder bietet an, was er hat. Das Warenangebot ist überwältigend, die Stadt brodelt, Tausende von Bonsai-Unternehmen florieren: Suppenküchen und mobile Teestuben, Schneidereien, Wasserpfeifenverleiher, Textilgeschäfte, Läden für Tempelzubehör, für Propagandaplakate, Geschäfte für Moped- und Autozubehör, für Werkzeuge und Farbpigmente schmiegen sich an Internet-Cafés, Seidenboutiquen und schicke Restaurants und Cocktailbars für den westlichen Geschmack.

Touristenströme ziehen in Bataillonsstärke durch die Altstadtgassen. Obwohl die letzten französischen Truppen erst vor 40 Jahren das Land verlassen haben und der Amerikanische Krieg, der andernorts Vietnamkrieg genannt wird, noch keine 35 Jahre zurückliegt, ist weder etwas von Antiamerikanismus zu spüren noch von Ressentiments gegen die ehemaligen französischen Kolonialherren. Die Hanoier sind bemerkenswert freundlich und tolerant. Und sie sind pragmatisch. Dass alle Besucher gleichermaßen zuvorkommend behandelt werden, mag auch daran liegen, dass gut drei Fünftel der Vietnamesen erst nach 1975 geboren wurden. Diese Generation kennt "B 52" nur als Cocktail und nicht als den Langstreckenbombertyp, mit dem die US-Truppen während des Amerikanischen Krieges Millionen von Vietnamesen getötet und das Land in Stücke gebombt haben.

Von den 3,5 Millionen Hanoiern drängen sich allein 90.000 auf die drei Quadratkilometer der Altstadt zwischen Hoan-Kiem-See, Rotem Fluss und dem im Süden angrenzenden ehemaligen französischen Viertel. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Es scheint, als könne dieses schier undurchdringliche Labyrinth von Gassen, Gängen, Alleys und Lanes sowie handtuchbreiten Häuschen jede beliebige Menge von Menschen mühelos absorbieren. Die Altstadt ist ein magischer Ort, laut, geschäftig, schrill und ruhelos. Vor tausend Jahren als Versorgungszentrum des königlichen Hofstaates angelegt, war das Zentrum in 36 Gewerbegassen aufgeteilt und nach den dort verkauften Waren (Hang) benannt. Jede Zunft wurde von einem Clan beherrscht, und auch heute noch findet man in der Bambusgasse (Hang Tre) Bambus und in der Baumwollstraße (Hang Bong) Läden für Textilien und Seide, die zum Teil noch immer von den selben Familienclans betrieben werden. Inzwischen haben sich auch Handyläden, Internetcafés und Elektroläden dazwischengemogelt; so genau nimmt man es nicht mehr. An Wochenendabenden sind die engen Gassen von Abertausenden von Mopeds, Taxen, Bussen und Flaneuren verstopft, dazwischen das Heer strohbehüteter Obstverkäuferinnen, die ihr schwer beladenes Schulterjoch mit wippendem Gang wie Seiltänzerinnen durch die Massen jonglieren. An jeder Ecke wird gekocht und gebraten. Es riecht nach Diesel, Bier, Trockenfisch und Lilien. Die Abgasschwaden rauben einem den Atem, das unentwegte Gehupe bringt Trommelfelle und Nervenkostüme zum Vibrieren. Über den Köpfen schaukeln bedrohlich armdick ineinander verflochtene Krakenarme aus Stromkabeln und Telefondrähten. Je mehr es summt und brummt, scheppert, dröhnt und qualmt, desto glücklicher scheinen die Hanoier zu sein - so klingt und duftet nur der Fortschritt.

Möglich gemacht hat den Wandel von der Plan- zur Marktwirtschaft der unter dem Namen Doi Moi (Erneuerung) von der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV) propagierte Reformprozess, den die Partei 1986 beschloss und der als gravierendster Einschnitt das Verbot des Privatbesitzes an Produktionsmitteln aufhob, einer der Eckpfeiler des klassischen Sozialismus. Doi Moi sah weit reichende interne Wirtschaftsreformen und eine Öffnung der vietnamesischen Wirtschaft auch für ausländische Investoren vor. Besonders Familienbetriebe und kleinindustrielle Unternehmen haben sich seitdem zu den tragenden Säulen der Wirtschaft entwickelt. Die einstigen weltanschaulichen Pole - Kapitalismus versus Kommunismus - werden seit den legendären Beschlüssen der KPV im wohl gewaltigsten ideologischen Spagat unserer Zeit parallel praktiziert.

Als Günter Grass Anfang 1972 die Metapher "Der Fortschritt ist eine Schnecke" prägte, war Ho Chi Minh gerade drei Jahre tot und Vietnam, besonders der Norden, ein von 20 Millionen Bombenkratern und vielen Millionen Litern dioxinhaltigem Agent Orange zerstörtes Land. Käme der Literat heute nach Hanoi, müsste er seinen Satz von damals überdenken. Heute stehen Investoren aus aller Welt Schlange vor den Toren Hanois und Saigons, das seit 1975 offiziell Ho-Chi-Minh-City (HCMC) heißt. Internationale Geber konkurrieren mit Taschen voller Geld um Projekte. Jeder möchte einen Fuß in die Tür dieses sozialistisch-kapitalistischen Zwitterstaates bekommen. Das kleine Land mit dem großen Potential gilt als "kleiner Tiger auf dem Sprung", der vielen großes Geld verheißt. Das Land ist stabil, seine Einwohner sind jung und hoch motiviert: der Traum jedes Investors.

Immer mehr ausländische Konzerne diversifizieren ihre Unternehmen auch nach Vietnam. Intel etwa plant derzeit den Bau zweier Ableger, Siemens soll eine U-Bahn in Saigon bauen. Schon jetzt wandern chinesische Unternehmer nach Vietnam ab, weil die Löhne hier um 20 Prozent niedriger sind als im eigenen Land. Im vergangenen Herbst hat der deutsche Metro-Konzern eine Niederlassung am Stadtrand von Hanoi eröffnet, in der man schon kurz nach der Eröffnung gut 30 Minuten an einer von über fünfzehn überfüllten Kassen anstand; im Frühjahr folgte der Media-Markt mit einer Niederlassung im Zentrum von Hanoi. Porsche wird demnächst eine Niederlassung in Ho-Chi-Minh-City eröffnen.

Schon jetzt ist die Mercedes-Dichte beachtlich und der Kollaps programmiert in einer Stadt, in der viele Straßen selbst für eine Schubkarre zu eng sind. Rund 22 Millionen Mopeds und zwei Millionen Autos sind in Vietnam zugelassen, monatlich kommen 200.000 Zweiräder und 15.000 Autos dazu. Der Verkehr ist mörderisch, es fehlt die nötige Infrastruktur für so viele Fahrzeuge. Die Straßen sind in schlechtem Zustand, es mangelt an der Versorgung der Unfallopfer, besonders auf dem Land, wo Verletzte zuweilen erst nach Tagen ärztlich versorgt werden können. Die Sterberate unter den Unfallopfern ist im Vergleich zu Europa unverhältnismäßig hoch. Die am 15. Dezember 2007 eingeführte und rigoros durchgesetzte Helmpflicht für Zweiradfahrer ist ein erster Schritt der Regierung, dem neuen Phänomen Rechnung zu tragen. Fuhren 1998 etwa 50 Privatautos auf den Hanoier Straßen, versucht die Regierung kaum zehn Jahre später mit drastischen Einfuhrsteuererhöhungen auf Luxuskarossen die Fahrzeugschwemme einzudämmen und dem Chaos Herr zu werden.

Aber, so sagen die Hanoier, in Saigon, wie es viele noch immer nennen, ist alles noch viel schlimmer. Die Animosität zwischen den beiden geographischen und ideologischen Polen des Landes, dem kommunistischen Hanoi und dem bis 1975 antikommunistischen Saigon, hat sich länger gehalten als die gegenüber den USA. Nie hat man Hanoi die Vereinnahmung und die Umerziehungslager verziehen, in welche die KPV die südvietnamesischen Funktionäre im Zuge der Wiedervereinigung zwang. "Kommunistische Betonköpfe", provinziell und bäuerisch seien die Hanoier, sagen die aus dem Süden. Die Hanoier dagegen werfen den Saigonern Oberflächlichkeit und Leichtlebigkeit vor. Noch immer wird Saigon seinem Namen als "Paris des Ostens" gerecht, dort scheinen die Lichter nie auszugehen, alles ist bunter, schneller, neuer und schicker. Saigon verhält sich zu Hanoi wie die aufmüpfige pubertierende Tochter eines verbohrten und altmodischen Vaters, der mit aller Macht versucht, die Kontrolle zu behalten. Die Metropole des Südens ist der neue Trendsetter, dort sitzen die neue Elite und das Geld. Saigon war auch die treibende Kraft für Doi Moi und seine Reformen. In Hanoi versucht man, die rasante Entwicklung Vietnams mit einer Art nachholender Politik und Gesetzgebung zu amnestieren, um wenigstens nicht das Gesicht zu verlieren.

Tatsächlich hat Hanoi nichts von einer Metropole; es ist ein großes geschäftiges Dorf, bisweilen ländlich beschaulich, bisweilen schick und modern, aber es kommt ein bisschen daher wie die Bäuerin, die sich oben herum aufgeputzt und dabei vergessen hat, die Gummistiefel gegen Pumps zu tauschen. Die meisten Restaurants schließen um 22 Uhr, und dann fällt die Stadt bis zum nächsten Morgen in einen Dornröschenschlaf. Die breiten Boulevards sind dann verwaist, nur auf den Ausfallstraßen kurz hinter dem Zentrum huschen zwischen Körben voller Kohlrabi und Gurken noch ein paar Gestalten durch die Nacht: Der Großmarkt findet mitten auf der Kreuzung statt. Früh um 6 Uhr stellen sich die alten Hanoier um den Westsee zur Morgengymnastik auf. Man sieht alte Frauen, die sich im Stockkampf üben oder im Nebel des Sees Tai Chi praktizieren. Ein Kohlenverkäufer schiebt seine Fracht auf zwei Fahrrädern in die Stadt, um am Abend mit einem Gewinn von weniger als zwei Dollar nach Hause zu kommen. Dafür ist er den ganzen Tag von Haus zu Haus gezogen, um seine Presskohlenzylinder in Konservendosenformat an die weniger vom Fortschritt beleckten Haushalte zu verkaufen.

Längst nicht alle profitieren von der rasanten Wirtschaftsentwicklung. Die soziale Schere öffnet sich zusehends, und viele bleiben trotz Doi Moi und neuem Geld auf der Strecke. Die Gewinner der Entwicklung sind gut ausgebildete junge Städter mit Ingenieursabschluss, die oft mehrmals im Jahr für jeweils höhere Löhne den Arbeitgeber wechseln. Die Verlierer der globalen Marktöffnung sind die unteren Gesellschaftsschichten. Dem diesjährigen Wirtschaftswachstum von 8,2 Prozent steht eine ebenso galoppierende Inflation entgegen. Die Preise steigen über Nacht, und wie immer trifft es die armen Schichten, die nicht nur keinen Anteil haben am neuen Warenluxus, sondern bei einem Mindestlohn von um die 50 US-Dollar im Monat ums blanke Überleben kämpfen. Die Regierung hat enorme Anstrengungen unternommen, die Armutsrate von 60 (1990) auf 20 Prozent (2006) zu senken, aber Preissteigerungen von 25 Prozent und mehr bei Lebensmitteln und Benzin reißen enorme Löcher in die bescheidenen Budgets.

Weiter reichende politische Reformen stehen allerdings noch nicht auf dem Programm. Noch immer ist die kommunistische Partei unantastbar. Sie scheint eine Brot-und-Spiele-Strategie zu verfolgen: Wer genug Geld verdient und am neuen Wohlstand teilhaben kann, wird das System so leicht nicht in Frage stellen. Wer es dennoch tut, etwa kritische Journalisten und Blogger, die sich für eine zaghafte Demokratisierung einsetzen, verschwindet noch immer in den Gefängnissen. Noch immer werden ethnische und religiöse Minderheiten rigoros und gewaltsam unterdrückt.

Die westliche Welt hofiert derweil das kleine kommunistische Land, hat es 2006 mit der Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation (WTO) honoriert und kurz darauf als nichtständiges Mitglied in den UN-Sicherheitsrat gewählt. Vietnam wird sich über kurz oder lang auch innenpolitisch und ideologisch seinen westlichen Handelspartnern annähern müssen, wenn es den Anschluss nicht verpassen will. Aber es wird dies zu seinen eigenen Bedingungen und in seinem eigenen Tempo tun.