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Ho Chi Minh - Bilder einer Ikone


19.6.2008
Der Staatsgründer Ho Chi Minh ist zur Symbolfigur des "Vaters der Nation" geworden. Heute hat die politische Referenz den Charakter der Ikonenverehrung im religiösen Sinn angenommen.

Einleitung



Seit Jahrzehnten sind die Vietnamesen von Ho Chi Minh umgeben - dargestellt auf Papier, in Filmen, von Schauspielern aus Fleisch und Blut, eingraviert in Holz oder Stein oder in Metall gegossen. Ausländische Besucher wundern sich über diese Allgegenwart des "Vaters der Nation". Ist sie das Produkt spontaner Äußerungen, oder entspricht sie der Umsetzung einer politischen Absicht? Ist diese Gewohnheit der Vietnamesen das Ergebnis von Routine, oder erklärt sie sich durch eine tiefe, intime Vertrautheit? Diese Fragen führen uns dazu, Antworten im ikonographischen Lebensweg von "Onkel Ho" zu suchen, während wir die Funktionen, die dieser nacheinander oder auch gleichzeitigbekleidet hat, und ihre Metamorphosen, aber auch die Abweichungen oder einen vermeintlichen Sinneswandel zu berücksichtigen wissen.






Im großen Bilderalbum der vietnamesischen Nationalhelden haben zwei Fotos von Nguyen Ai Quoc[1] das 20. Jahrhundert überdauert. Eines zeigt einen jungen Asiaten, bekleidet mit einer Melone und einem um den Hals gebundenen Wollschal nach Art eines Dandys; ein anderes stellt den "Delegierten Indochinas" 1920 auf dem Kongress der Sozialistischen Partei Frankreichs in Tours dar, dessen offenherzige Erscheinung einen bereits damals entschlossenen Willen und Kampfgeist verbirgt. Ohne darin schon Anzeichen einer Vorbestimmung zu sehen, sollten wir uns daran erinnern, dass Nguyen Ai Quoc den Beruf des Fotografenretuscheurs ausübte; für ihn war es Broterwerb, aber man kann sich fragen, ob er in dieser Technik, die sich gerade im Aufschwung befand, nicht schon den Nutzen erkannt hatte, den er daraus für die Öffentlichkeitsarbeit ziehen konnte.[2] Eine bemerkenswerte Anekdote gibt darüber Auskunft. 1945 hatte Ho vom amerikanischen Luftwaffengeneral Claire L. Chennault ein mit einer Widmung versehenes Foto erhalten, das er im August 1945 auf dem Nationalkongress von Tan Trao[3] aufstellte, um glauben zu machen, er habe die Unterstützung der Amerikaner. Wenngleich derartige Schnappschüsse, oder auch die Aufnahmen, die 1923/24 auf dem Roten Platz in Moskau in Gesellschaft von Marschall Kliment Woroschilow und Schriftsteller Grigori Sinowjew mit Leo Trotzki und der französischen Delegation anlässlich des V. Weltkongresses der Komintern entstanden, noch nicht Hos künftige Bedeutung erahnen ließen, so trugen sie sicher dazu bei.

Von 1929 bis 1934 kam es zu Ereignissen, die ihm in die Hände spielten und den Keim für die kommende Legende legten. 1929 wurde Quoc "wegen Mordes und Plünderung unter Anwendung von Waffengewalt" angeklagt und in Abwesenheit von einem imperialen Gericht wegen Mordes verurteilt.[4] Der Urteilsspruch wies ihm den Status eines außerhalb des Rechts stehenden Gesetzlosen zu, der die bestehende Herrschaftsordnung herausfordert. In der Rolle eines Delegierten der Dritten Internationale übernahm er 1930 den Vorsitz bei der Gründung der Kommunistischen Partei Indochinas, als vier Splittergruppen miteinander fusionierten, die sich zum Kommunismus bekannten. Im Folgejahr wurde er von der britischen Polizei festgenommen und in Hongkong ins Gefängnis gebracht. Von dort wurde die Nachricht über seinen Tod verbreitet. Es handelte sich in Wirklichkeit um eine Erfindung seines Anwalts Frank Loseby, doch der Schwindel erhob Quoc in den Rang eines Märtyrers der Unabhängigkeit, eines Opfers der britischen und französischen Imperialisten. So war sein Name bereits von einer legendären Aura umgeben, als er 1941 nach Vietnam zurückkehrte.


Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Französischen: Sigyn Nürnberg, Bonn.

Bei seiner Einschiffung 1911 in der Absicht, die Ozeane zu bereisen, nannte er sich Nguyen Tat Than. Bei seiner Festnahme in Frankreich, 1917 oder 1919, nahm er die Abwandlung Nguyen Ai Quoc (Nguyen der Patriot) an. 1941 nannte er sich Ho Chi Minh (Quelle des Lichts), als er die Liga für die Unabhängigkeit Vietnams (Viet Minh) gründete. Außer diesen beiden symbolischen Namen, die der Nachwelt überliefert und in die Geschichte eingegangen sind, hat Ho mindestens 165 weitere Bei- (für seine geheimen Aktivitäten ) und Schriftstellernamen benutzt.
2.
Lenin hatte 1922 erklärt, die Filmkunst sei die wichtigste Kunstform, die als Propagandainstrument wie auch als Werkzeug zur Erziehung der Massen diene.
3.
Dieser Kongress führte Delegierte (mehrheitlich Kommunisten) aller vietnamesischen Landesteile (Tonking, Annam und Cochinchina) zusammen, um eine Strategie am Vorabend der bevorstehenden Kapitulation Japans zu entwerfen. Er stimmte für ein Komitee der nationalen Befreiung, zu dessen Präsident Ho gewählt wurde.
4.
Das Königreich Annam wurde unter das Protektorat Frankreichs gestellt; die vietnamesische Monarchie blieb erhalten, ihre Institutionen behielten ihre Funktion und ihre Gesetze blieben in Kraft, insbesondere das sehr strenge Strafrecht.