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19.6.2008 | Von:
Pierre Brocheux

Ho Chi Minh - Bilder einer Ikone

Verwandlung zur vollendeten Ikone

Zwischen dem Ende des ersten Indochinakrieges (1945 - 1954) und dem Beginn des zweiten (1960 - 1975) wurde Ho Chi Minh in seinem Land zu einer Kultfigur, soweit man darunter versteht, dass man ihm durch Gedenkzeremonien huldigt, dass sein Konterfei in der Öffentlichkeit allgegenwärtig ist und dass man, indem man ihn in Versen und Kinderliedern verherrlicht, seine moralische und patriotische Vorbildfunktion hervorhebt. Wenn Ho ein Objekt der Verehrung ist, dann als Stammvater (bac oder cu), "Erfahrener Vater der vietnamesischen Nation" (Cha già cua Zan toc Vietnam) oder als "Großer Held" (Anh hung vi dai); er gilt aber nicht oder noch nicht als Heiliger oder Gottheit (thanh oder than). Die Metamorphose des "Mannes aus Eisen" zum "Mann aus Marmor" führt ihn in die Isolation gegenüber den gewöhnlichen Sterblichen; einmal auf den Sockel gehoben, ist seine Fähigkeit, ins Tagesgeschehen einzugreifen, geschwächt, ebenso wie sein unmittelbarer Einfluss.[11] Seine moralische Autorität hat nicht mehr das Gewicht, das die politische Entscheidungsgewalt aufbringen muss und mit dem etwa Le Zuan, Generalsekretär der Kommunistischen Partei, der von Le Duc Tho, dem Organisationssekretär, unterstützt wird, ausgestattet ist.

Als Ho Chi Minh im September 1969 starb, wurde sein Körper einbalsamiert. Er ruht seitdem in einem Mausoleum wie Lenin, den er einst als Vater und Meister bezeichnete. Seit etwa zwanzig Jahren wissen wir, dass die Szenerie des Mausoleums in Hanoi nach sowjetischer Anregung (Lenin-Mausoleum) gestaltet ist und sich in China (Mao) und Nordkorea (Kim II Sung) wiederholt hat. Die Schaffung dieses Ortes der Erinnerung war eine Entscheidung des Politbüros der Kommunistischen Partei Vietnams und stand im Gegensatz zum Letzten Willen des "Onkels". Der Ort wurde Pilgern und schaulustigen Touristen gewidmet, er materialisiert die "soziale Tugend eines Leichnams", könnte man hinzufügen.[12] Jedenfalls ist der Ort kein Heiligtum. Man legt hier zwar Blumen ab wie vor einem Grabmal, aber man entzündet keine Weihrauchstäbe und man rezitiert weder Gebete noch Gesänge.

Seinerzeit fand keine Beerdigungszeremonie statt, und es setzte sich auch kein Trauerzug in Bewegung. In einer unverfälschten Fassung seines Testaments, die zwanzig Jahre nach seiner Bestattung aufgefunden wurde, wünschte der Präsident, eingeäschert zu werden, und Urnen mit seiner Asche sollten auf vier bedeutende Stellen des Landes verteilt werden, an denen sich seine Landsleute versammeln könnten. Das, was sich Ho erhoffte, wäre auf der Ebene der Religion erfolgt, wenngleich es nicht um eine religiöse Handlung ging. Das Mausoleum hat hingegen eher Ähnlichkeit mit dem Lincoln Memorial in Washington oder dem Pantheon in Paris. Wenn es denn ein Tempel ist, dann ist es einer der Erinnerung.

Andererseits bringt man "Onkel Ho" heute gut und gerne Verehrung mit religiösem Charakter entgegen, und zwar in zweierlei Kategorien: zum einen nach derjenigen, die ursprünglich Schutzpatronen der Dörfer zugedacht wurde, zum anderen nach jener, die großen Nationalhelden vorbehalten ist. In den 1990er Jahren ist Vietnam in eine Ära der religiösen Renaissance, der so genannten Wiederverzauberung,[13] eingetreten, die mit Doi moi, der Erneuerungsbewegung (mit wirtschaftlichen, aber auch politischen Veränderungen) einhergeht. Diese wurde offiziell 1986 (zugleich mit der Perestroika in der UdSSR, aber nachdem Deng Xiaoping in China 1985 damit begonnen hatte) eingeleitet. Die Dekonstruktion der UdSSR und des "sozialistischen Lagers", gleichzeitig die Panik des "Kompasses des Marxismus-Leninismus", brachten die Vietnamesen, deren Anführer wie das einfache Volk, dahin, nach anderen Lebenszielen, nach einem Eratz für den einheitlichen laizistischen Glauben des Kommunismus zu suchen, ebenso nach einer anderen Legitimation der Staatsmacht.

Während der so genannten sozialistischen Periode hatte Ho Chi Minh den Platz mehrer Schutzheiliger inne, deren Verehrung in den (Kapellen) oder im dinh (Haus des Lebens und der Gemeindefestlichkeiten) erfolgten und als "abergläubische Praktiken" eingestuft waren. Unter dem Druck bestimmter Gemeinschaften und mit Unterstützung örtlicher, ja sogar zentraler Autoritäten haben die dinh heute ihre traditionelle Bestimmung zurückerhalten, oder sie waren Gegenstand von Transaktionen. Als zum Beispiel in einer etwa zehn Kilometer südlich von Hanoi gelegenen Kommune ein dinh, der bis dahin einem berühmten Wunderheiler, dem zahlreiche Heilungen nachgesagt wurden, geweiht war, dem einzigartigen "Onkel Ho" gewidmet werden sollte, führten die Proteste eines Teils der Bevölkerung zu folgendem Kompromiss: Der Festtagskalender führt abwechselnd Tage zu Ehren von Ho und des seit dem Doi moi wieder zu Ehren gelangten Heilers auf.[14]

Im Norden Vietnams hat Ho Chi Minh die Anhänger der einheimischen Heiligen wieder zusammengeführt, während im Süden seit kurzem eine neue Generation von Kapellen (den tho) in Erscheinung getreten ist; mehrere sind vor allem Ho gewidmet. Allein im Mekong-Delta wurden an die dreißig Kultstätten gezählt.[15] Etwa vierzig Kilometer nördlich von Ho-Chi-Minh-Stadt, dem alten Saigon, wurde eine Kultstätte über drei Etagen errichtet.[16] Sie beherbergt drei gigantische, mit Gold überzogene Statuen, die in absteigender Reihenfolge Buddha, Hung Vuong (Stammvater und Namensgeber Vietnams und erster mythischer König; in einem anderen Heiligtum, das Hung Vuong geweiht ist, steht Ho an 19. Stelle der Hung-Dynastie) und Ho selbst darstellen.

Man kommt nicht umhin, diese ikonische Dreifaltigkeit mit dem Gedankengut zu vergleichen, das jungen Vietnamesen heute über Ho Chi Minh vermittelt wird und das General Vo Nguyen Giap, seinerzeit militärischer Führer der Viet Minh und bis 1991 stellvertretender Ministerpräsident, als "neue Entwicklung und kreative Anwendung des Marxismus-Leninismus, verbunden mit Patriotismus, der traditionellen Kultur, dem vietnamesischen Humanismus und der Quintessenz der östlichen und westlichen Kulturen" bezeichnet hat.[17] Beide Phänomene unterstreichen die Neigung der Vietnamesen zum Synkretismus. In zahlreichen Kapellen verehrt man Ho als Wohltätergenie, als Angehöriger der Cuu zan do the, welche die in Not geratene Menschheit errettet, während der König und die Mandarine die ihnen zugedachte Rolle nicht erfüllen. Diese Figur entspringt einem Messianismus, der vom Maitreya-Buddhismus inspiriert ist (Buddha, der Erretter).[18]

Fußnoten

11.
Vgl. William Duiker, Ho Chi Minh. A Life, New York 2000.
12.
Nach Maurice Barrès, Les Déracinés, Paris 1897, Kap. 1.
13.
Der australische Anthropologe Philip Taylor widmet diesem Phänomen zwei sehr interessante Werke: Goddess on the Rise, Honolulu 2004, und Modernity and Re-enchantement. Religion in Post-revolutionary Vietnam, Singapur 2007.
14.
Vgl. Shaun K. Malarney, The emerging cult of Ho Chi Minh?, in: Asian Cultural Studies, 22 (1996), S. 121 - 131.
15.
Vgl. Bulletin Eglises d'Asie, 464 (2007); vgl. auch Huynh Van Toi, Vice-chairman of the People's Committee of Dong Nai province, Uncle Ho in the cultural and spiritual life of the population of Dong Nai province, in: www.dongnai-industry.gov.vn/bacho/english/introduction.htm (21.5. 2008).
16.
Der Tempel Dai Nam Quoc Tu (Nationalheiligtum des Dai Nam) ist in einem 450 Hektar großen Park gelegen, in dem sich ein Hotel mit 5000 Zimmern befindet. Die religiöse Pilgerfahrt gleitet hier in die kommerzielle Form des religiösen Tourismus wie in Lourdes oder Fatima ab.
17.
Nghien cuu tu tuong Ho Chi Minh (Untersuchungen über das Werk Ho Chi Minhs), Hanoi 1993, S. 45.
18.
Vgl. Hue Tam Ho Tai, Millenarianism and Peasants Politics in Vietnam, Cambridge, MA 1983, S. 16f.