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Erinnerungsdebatten in Vietnam


19.6.2008
Die Reformpolitik in Vietnam hat Freiräume geschaffen. Die Führung in Hanoi versucht, den Erinnerungsdebatten Grenzen zu setzen, um die Deutungshoheit über die Geschichte zu behalten.

Einleitung



Am 30. April 2005 feierte die vietnamesische Führung in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon, den 30. Jahrestag des Kriegsendes.[1] Neben dem bei solchen Gedenktagen üblichem Militäraufmarsch sahen die Zuschauer auch eine Parade von vietnamesischen Hausfrauen, die mit Waren bepackte Einkaufswagen vor sich herschoben. Auf Spruchbändern wurde die Bevölkerung aufgefordert: "Enthusiastisch den 30. Jahrestag der kompletten Befreiung des Südens und der Wiedervereinigung des Landes feiern".






Die innovative Choreographie der Gedenkfeier spiegelt die Veränderungen wider, die sich in Vietnam seit Beginn der Reformpolitik Ende der 1980er Jahre vollzogen haben. Die Kommunistische Partei Vietnams, die das Land nach wie vor allein regiert, legitimiert sich mehr und mehr mit den wirtschaftlichen Erfolgen und dem Wohlstand, den die Reformen dem Gros der Bevölkerung in den vergangenen Jahren beschert haben. Die Partei verweist auch deshalb verstärkt auf ihre erfolgreiche Wirtschaftspolitik, weil der Großteil der Bevölkerung nach Ende des Krieges geboren wurde und damit sowohl den Sieg über die französische Kolonialmacht als auch den über die Supermacht USA nur aus den Schulbüchern oder aus Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern kennt.

Dennoch ist die Geschichte weiterhin eine zentrale Legitimationsquelle für die KP Vietnams. Sie bemüht sich, ein heroisierendes und teleologisches Geschichtsbild aufrechtzuerhalten, das die "glorreiche revolutionäre Vergangenheit" und den erfolgreichen Kampf des vietnamesischen Volkes unter Führung der KP gegen die französische Kolonialmacht und die USA beschwört.[2] Diese von der Partei und von orthodoxen Historikern propagierte Geschichtsversion blendet jedoch Brüche und Diskontinuitäten in der vietnamesischen Geschichte, vor allem der Geschichte der KP, aus. Trotz aller Anstrengungen, dieses Geschichtsbild festzuschreiben - die "Verunglimpfung" historischer Persönlichkeiten wie Ho Chi Minh und "revolutionärer Errungenschaften" der Partei kann sogar Strafverfolgung nach sich ziehen -, lässt sich im heutigen Vietnam vermehrt die Tendenz beobachten, die von der Partei sanktionierte Version der Geschichte in Frage zu stellen und Themen in den Vordergrund zu rücken, die bislang tabuisiert waren. Ein Vorreiter dieser Entwicklung ist Xua va Nay (Gestern und heute), die Zeitschrift des Verbandes vietnamesischer Historiker.[3]

Diese Veränderungen in der vietnamesischen "Erinnerungslandschaft" werden durch die größeren intellektuellen Freiräume ermöglicht, welche die Bevölkerung seit der Öffnung des Landes Ende der 1980er Jahre und der Lockerung der Kulturpolitik genießt.[4] Im Folgenden werden exemplarisch "Erinnerungsdebatten" zu zwei sensiblen Themen vorgestellt: zur Landreform in den 1950er Jahren sowie zur Politik Hanois gegenüber Südvietnam nach dem Kriegsende 1975.


Fußnoten

1.
In diesem Text wird bei den vietnamesischen Begriffen und Eigennamen auf die Wiedergabe der diakritischen Zeichen verzichtet.
2.
Vgl. Pierre Brocheux, Die Geschichtsschreibung Vietnams, in: www.arte.tv/de/suche/1063658.html (20.4. 2008).
3.
Vgl. David Marr, History and Memory in Vietnam Today: The Journal Xua & Nay, in: Journal of Southeast Asian Studies, 31 (2000) 1, S. 1 - 25.
4.
Vgl. Hue-Tam Ho Tai (Hrsg.), The Country of Memory. Remaking the Past in Late Socialist Vietnam, Berkeley 2001.