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19.6.2008 | Von:
Martin Großheim

Erinnerungsdebatten in Vietnam

Die Landreform (1953 - 1956)

Am 2. September 1945 erklärte Ho Chi Minh in Hanoi die Unabhängigkeit Vietnams und rief die Demokratische Republik Vietnam (DRV) aus. Der Versuch der Franzosen, ihre Kolonialherrschaft wiederaufzubauen, führte 1946 zum Beginn des ersten Vietnamkrieges. Der "schmutzige Krieg in Indochina" endete nach acht Jahren im Mai 1954 mit dem Sieg der Viet Minh in der Schlacht von Dien Bien Phu.[5] Auf der Genfer Indochina-Konferenz wurde 1954 die provisorische Zweiteilung am 17. Breitengrad mit der DRV unter Präsident Ho Chi Minh im Norden und der Republik Vietnam unter Ngo Dinh Diem im Süden beschlossen. Das Genfer Friedensabkommen sah für Mitte 1956 landesweite Wahlen vor, die in die Wiedervereinigung des Landes münden sollten.

Während des Krieges gegen die Franzosen hatte die Viet-Minh-Einheitsfront, die 1941 von Ho Chi Minh gegründet worden war, zunächst eine moderate Politik betrieben und an den Patriotismus aller Vietnamesen unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit appelliert. Dies änderte sich ab Anfang der 1950er Jahre, als der antikoloniale Kampf in Vietnam immer mehr in den Kalten Krieg hineingezogen wurde und die Viet Minh nach der Gründung der Volksrepublik China unter den ideologischen Einfluss des Maoismus gerieten. Nun stand "Klassenkampf" auf dem Programm der KP Vietnams.

Von Ende 1953 bis zum Herbst 1956 wurde in Nordvietnam eine Landreform durchgeführt.[6] Ziel war es nicht nur, die soziale Stellung von landlosen und armen Bauern durch die Vergabe von Land zu verbessern, sondern auch die überkommene dörfliche Hierarchie zu unterminieren und dadurch die Partei fest auf dem Lande zu verankern. Im Zuge der Landreform kam es zunehmend zu Exzessen in den Dörfern. Betroffen waren vor allem Provinzen, die noch bis nach dem Kriegsende 1954 unter der Kontrolle der Franzosen gestanden hatten und in denen fanatisierte Landreformkader überall "Spione" und "Konterrevolutionäre" vermuteten. Die bestehenden Parteiorganisationen auf Dorfebene wurden aufgelöst, viele verdiente Parteikader und andere Dorfbewohner vor Volksgerichte gestellt und in "Kampfsitzungen", bei denen sie mit vielfach fingierten Anklagen anderer Dorfbewohner konfrontiert wurden, zum Tode verurteilt.[7] Häufig versuchten die externen Landreformkader mit allen Mitteln eine vorgegebene Quote von "Großgrundbesitzern" pro Dorf zu ermitteln.

Mitte 1956 waren die Zustände in vielen Dörfern so chaotisch geworden, dass die Partei die Landreform stoppen und der damalige Parteichef Truong Chinh von seinem Amt zurücktreten musste. Ab Ende 1956 führte die Partei eine "Korrekturkampagne" durch, um die Fehler, die bei der Landreform begangen worden waren, rückgängig zu machen. In vielen Fällen war dies jedoch nicht mehr möglich. Wie viele Personen bei der Landreform in Nordvietnam tatsächlich ums Leben kamen, ist nach wie vor ungeklärt. Schätzungen zufolge sind es zwischen 3000 und 15 000 Dorfbewohnern.[8] Dazu kommt eine unbekannte Zahl von Personen, die in der aufgeheizten Stimmung der Landreformkampagne Selbstmord begingen.

Ende der 1950er Jahre leitete die Partei mit der Kollektivierung der Landwirtschaft den nächsten Schritt zum Aufbau des Sozialismus ein. Die fehlerhafte Durchführung der Landreform wurde in der Folge in offiziellen Parteigeschichten als Abweichung von einer grundsätzlich notwendigen und erfolgreichen Politik zur Abschaffung "feudaler Besitzverhältnisse" auf dem Lande dargestellt: Zwar sei es bei der Kampagne zu Fehlern gekommen, doch habe die Parteiführung diese früh erkannt und rechtzeitig Korrekturen eingeleitet.[9] Das Thema "Landreform" wurde zum Tabu erklärt. Als sich der Schriftsteller Vu Bao 1957 in seinem Roman Sap cuoi (Baldige Heirat) als einer der ersten mit dem Thema auseinander setzte, war dieser Tabubruch für ihn mit schwerwiegenden persönlichen Konsequenzen verbunden.[10] Unter dem Vorwurf, mit seiner kritischen Darstellung der Landreform die Partei "verunglimpft" zu haben, wurde er zur "Umerziehung durch Arbeit" aufs Land geschickt und durfte erst nach elf Jahren nach Hanoi zurückkehren.[11]

Die "gereinigte" und "geglättete" Geschichtsversion wird bis heute in den Geschichtswerken in Vietnam verbreitet. In neueren Parteigeschichten wird zwar der Analyse der Fehler größerer Raum beigemessen, doch ist die Diskussion der Frage, wie viele Opfer die Kampagne gefordert hat, und die Schilderung individueller Schicksale und persönlicher Tragödien, die bis heute in den Dörfern Nordvietnams nachwirken, nach wie vor tabu.[12]

Erst 2005 und 2006, also mehr als fünfzig Jahre nach den Ereignissen, erschienen mit dem Roman Ba nguoi khac (Drei andere) von To Hoai und dem Tagebuch des Schriftstellers Nguyen Huy Tuong (1912 - 1960) in Vietnam zwei Bücher, welche die Landreform zum ersten Mal ohne jede relativierende Beschönigung als das präsentierten, was sie war: eine der folgenreichsten Umwälzungen und Tragödien, welche die ländliche Gesellschaft Nordvietnams seit der Machtübernahme durch die KP erlebt hat.[13]

Die Veröffentlichung des Romans "Drei andere" des bekannten Schriftstellers To Hoai war eines der größten Ereignisse in der vietnamesischen Literaturszene. Das Institut für Literatur in Hanoi veranstaltete sogar einen Workshop zum Erscheinen des Buches. Zahlreiche Artikel feierten den Roman von To Hoai, der in den 1950er Jahren die Kampagne als junger Kader in einem Landreformteam miterlebt hatte, als erste realistische literarische Auseinandersetzung mit einer sensiblen und bis dahin weitgehend tabuisierten Thematik. Ein vietnamesischer Literaturkritiker formulierte: "Ein halbes Jahrhundert nach der Landreform beginnt sich die Geschichte in der Literatur zu manifestieren."[14]

Ähnlich wie To Hoai berichtet auch Nguyen Huy Tuong im dritten Band seiner Tagebücher über die Exzesse bei der Landreform. Insbesondere die Schilderung von Einzelschicksalen, etwa von verdienten Parteigenossen, die in den Strudel der Landreform gerieten und plötzlich - als Großgrundbesitzer und "Landesverräter" eingestuft - vor dem Erschießungskommando endeten,[15] oder von Frauen und Kindern, die gezwungen wurden, vor dem Volkstribunal ihren eigenen Mann bzw. Vater anzuklagen,[16] machen seine Tagebücher zu einem wichtigen Zeitdokument. Die Brisanz dieser Veröffentlichung sprach sich in Hanoi in Windeseile herum: in den Buchhandlungen der Hauptstadt war die erste Auflage der Tagebücher innerhalb weniger Tage ausverkauft.[17]

Der Roman "Drei andere" von To Hoai und die Tagebücher von Nguyen Huy Tuong sind wichtige Bestandteile der sich in den vergangenen Jahren entwickelnden Erinnerungslandschaft in Vietnam. Anders als die meisten anderen Memoiren und literarischen Werke sind sie keine Produkte der von der kommunistischen Partei kontrollierten "Erinnerungsmaschine", sondern stellen "Gegenerinnerungen" zum orthodoxen Geschichtsbild dar.[18]

Fußnoten

5.
Vgl. Marc Frey, Die Geschichte des Vietnamkriegs, Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traumes, München 2006(8).
6.
Zur Landreform vgl. u.a. John Kleinen, Facing the Future, Reviving the Past. A Study of Social Change in a Northern Vietnamese Village, Singapore 1999; Edwin E. Moise, Land Reform in China and North Vietnam. Consolidating the Revolution at the Village Level, Chapel Hill-London 1983; Pham Quang Minh, Zwischen Theorie und Praxis. Agrarpolitik in Vietnam seit 1945, Berlin 2003.
7.
Seltene fotographische Zeugnisse solcher Volkstribunale finden sich in Franz Faber, Rot leuchtet der Song Cai, Berlin (Ost) 1955.
8.
Vgl. E. Moise (Anm. 6), S. 222.
9.
Vgl. z.B. Tran Phuong (Hrsg.), Cach mang ruong dat o Viet Nam (Die Landrevolution in Vietnam), Hanoi 1968.
10.
Vu Bao, Sap cuoi (Baldige Heirat), Hanoi 1957.
11.
Vgl. Le Bau, Vu Bao va nhung chuyen di doc duong gio bui (Vu Bao und die Reisen entlang windiger und staubiger Straßen), in: www.tienphong.vn/Tianyon/Index.aspx?
ArticleID=82652&ChannelID=7 (29.4. 2008).
12.
Vgl. z.B. Le Mau Han (Hrsg.), Dai cuong lich su Vietnam, Tap III (Überblick über die vietnamesische Geschichte, Bd. 3), Hanoi 1998(2), S. 139f, und Vien Su hoc, Lich su Vietnam 1954 - 1965 (Institut für Geschichte, Geschichte Vietnams 1954 - 1965), Hanoi 1995, S. 28, S. 36.
13.
Vgl. To Hoai, Ba nguoi khac, Tieu thuyet (Drei andere, Roman), Danang 2005; Nguyen Huy Tuong, Nhat ky, Tap III, Nghe si & cong dan (Tagebücher, Vol. 3, Künstler und Bürger), Hanoi 2006.
14.
Pham Xuan Nguyen, Tuong ao hoa da bay day (Das Theater der Täuschung wird bloßgelegt), in: www.talawas.org/talaDB/suche.php?res = 8856&rb = 0102 (30.4. 2008). Vgl. auch das Interview mit Lai Nguyen An, Co nhung vet thuong khong quen duoc (Es gibt Wunden, die man nicht vergessen kann), in: www.bbc.co.uk/vietnamese/vietnam/story/
2007/01/070114_lainguyenan_interview.shtml (17.1.2007). Vgl. auch die englischen Übersetzungen einer Reihe von vietnamesischsprachigen Beiträgen zum Roman in: Journal of Vietnamese Studies, 2 (2007) 2, S. 231 - 297.
15.
Vgl. Nguyen Huy Tuong (Anm. 13), S. 113, S. 122, S. 135.
16.
Vgl. ebd., S. 133.
17.
Beobachtung des Verfassers in Hanoi im September 2006.
18.
Vgl. hierzu die Überlegungen von Shawn McHale, Vietnamese Marxism, Dissent, and the Politics of Postcolonial Memory: Tran Duc Thao, 1946 - 1993, in: Journal of Asian Studies, 61 (2002) 1, S. 26f.