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19.6.2008 | Von:
Martin Großheim

Erinnerungsdebatten in Vietnam

Die "zehn verlorenen Jahre" (1975 - 1986)

Der Einmarsch nordvietnamesischer Truppen in Saigon am 30. April 1975 markierte das Ende einer der längsten militärischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts. Für Nordvietnam und die Nationale Befreiungsfront Südvietnams (NLF) bedeutete der Tag den Triumph über einen scheinbar übermächtigen Gegner, die Supermacht USA. Die Republik Vietnam, die von den USA zu einem Bollwerk gegen die "kommunistische Bedrohung aus dem Norden" aufgebaut worden war, hatte der Übermacht der nordvietnamesischen Truppen und der NLF nicht standhalten können. Die Führung in Hanoi und große Teile der Bevölkerung waren voller Hoffnung, dass das Land nun, da endlich Frieden herrschte, schnell wiederaufgebaut werden würde und die Zeit der Entbehrungen überwunden sei.

Entgegen diesen Hoffnungen führte die Nachkriegsepoche Vietnam in eine eklatante Wirtschaftskrise und in die außenpolitische Isolierung.[19] Die Zeitspanne von 1975 bis Mitte der 1980er Jahre war der Höhepunkt des Subventionssystems, in dem die vietnamesische Bevölkerung nur mit viel Improvisationstalent und Ausdauer überleben konnte. Redensarten wie "Ein Gesicht machen, als ob man seine Reismarken verloren hat" zeugen von den wirtschaftlichen Nöten der damaligen Zeit. Erst mit der Einleitung der Reformpolitik 1986 verbesserte sich die wirtschaftliche Situation, außerdem kehrte Vietnam nach einem Jahrzehnt der Isolierung "nach Südostasien zurück". Für die Probleme nach 1975 waren externe (das US-Handelsembargo), aber auch interne Faktoren verantwortlich: Vor allem die Entscheidung der Führung in Hanoi, auch in Südvietnam den Sozialismus aufzubauen (Verstaatlichung des Handels und Kollektivierung der Landwirtschaft ab 1978), hatte fatale Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung. Außerdem führte diese Wirtschaftspolitik sowie das harte Vorgehen gegenüber der südvietnamesischen Bevölkerung (vor allem Mitarbeiter der früheren südvietnamesischen Regierung und Angehörige der Armee wurden in Umerziehungslager gesteckt) dazu, dass sich viele Südvietnamesen von den Siegern entfremdeten und ihr Heil in der Flucht über das Südchinesische Meer suchten. Zehntausende ertranken oder wurden Opfer von Piraten.[20]

Die "zehn verlorenen Jahre" (1975 - 1986) gehören der Vergangenheit an und scheinen angesichts des heutigen Wirtschaftsbooms in Vietnam eine weit entrückte Epoche zu sein - eine echte Aufarbeitung und kritische Auseinandersetzung mit den Fehlern, die für die katastrophale Entwicklung nach Kriegsende mitverantwortlich waren, beginnt jedoch erst jetzt. Zum 30. Jahrestag des Kriegsendes 2005 entbrannte in Vietnam und in vietnamesischen Internetforen eine "Erinnerungsdebatte" über die Politik in den Nachkriegsjahren, insbesondere über die Haltung der Sieger gegenüber der südvietnamesischen Bevölkerung. Die Diskussion wurde im selben Jahr durch mehrere Interviews und Beiträge des früheren Ministerpräsidenten Vo Van Kiet befördert.[21] Darin hatte er betont, dass der Sieg von 1975 zwar großartig gewesen sei, aber auch große Opfer gefordert und hohe Verluste gekostet habe. In vielen vietnamesischen Familien habe es Angehörige gegeben, die auf unterschiedlichen Seiten gekämpft hätten. Das Kriegsende sei für Millionen von Vietnamesen mit Freude, für viele andere aber mit Trauer und Schmerz verbunden gewesen.[22]

Nach Vo Van Kiet hätten 1975 gute Voraussetzungen für einen schnellen Wiederaufbau des Landes bestanden: Das ganze vietnamesische Volk sei zum damaligen Zeitpunkt bereit gewesen, einen Beitrag dafür zu leisten; die Geschäftsleute und Intellektuellen in Südvietnam hätten mit ihren Erfahrungen ein großes Potential dargestellt; fast alle Offiziere, Soldaten und Beamte der früheren südvietnamesischen Regierung hätten damals den Wunsch gehabt, ein friedliches Leben zu führen. Nach dem Sieg sei die Führung in Hanoi aber "siegestrunken" und "selbstzufrieden" gewesen. Wenn man sofort nach Kriegsende mit einer Wirtschaftspolitik begonnen hätte, wie sie Vietnam seit Ende der 1980er Jahre verfolgt, so Vo Van Kiet, dann hätte man nicht einen so hohen Preis wie in den "verlorenen Jahren" von 1975 bis 1986 zahlen müssen.

Nach 1975 habe Vietnam außerdem den Fehler begangen, einer engstirnigen, von Vorurteilen bestimmten Politik zu folgen, die eine Versöhnung des gesamten Volkes verhindert habe. Statt das Leid vieler Familien in Südvietnam zu lindern, deren Angehörige vor 1975 gezwungenermaßen für die südvietnamesische Armee gekämpft hätten, seien diese nach Kriegsende diskriminiert worden. Diese Politik stehe, so Vo Van Kiet, im Widerspruch zu den vietnamesischen Traditionen und habe zu großen Spannungen in der Gesellschaft geführt. Mit den früheren Feinden wie den USA habe Vietnam die dunklen Kapitel der Vergangenheit abgeschlossen und sei zur Aufnahme freundschaftlicher Beziehungen bereit, mit vielen der eigenen Landsleute stehe die Wiederversöhnung aber noch aus.[23] Außerdem würdigte Vo Van Kiet den Beitrag der "dritten Kraft" in Südvietnam, Buddhisten, Studenten, Bürgerliche und andere Kräfte, die vor 1975 gegen die Saigoner Regierung gekämpft, aber sich nicht der Befreiungsfront angeschlossen hatten. Ihre Verdienste seien nach 1975 nicht angemessen gewürdigt worden, obwohl auch sie aus Vaterlandsliebe gehandelt hätten, wenn auch aus anderen politischen Überzeugungen.[24]

Vo Van Kiets Äußerungen 30 Jahre nach Kriegsende sind ein Aufruf zur Versöhnung an alle Vietnamesen und eine in ihrer Direktheit beispiellose Abrechnung mit der falschen Politik der KP Vietnams in der Zeitspanne von 1975 bis zum Beginn der Reformpolitik. Sie sind deshalb von großer Bedeutung, weil sie die Unterscheidung in "gute" (die für Nordvietnam bzw. die NLF kämpften) und "schlechte" Vietnamesen (die auf der Seite der Verlierer, der südvietnamesischen "Marionettenregierung", standen) in Frage stellen, die vom nordvietnamesischen Propagandaapparat während des Krieges geprägt wurde und bis heute in den Medien und in Schulbüchern aufrechterhalten wird. Die Reaktionen auf die Äußerungen Vo Van Kiets waren überwiegend positiv. Neben wenigen kritischen Stimmen lautete der Tenor: Endlich habe jemand ausgesprochen, was schon lange viele "im Herzen getragen" hätten.[25]

Die kritischen Anmerkungen Vo Van Kiets sind Teil einer breiteren "Erinnerungsdebatte" über den Vietnamkrieg und die Nachkriegszeit. Exemplarisch hierfür ist ein Artikel des Schriftstellers Nguyen Ngoc, des früheren Chefredakteurs der Kulturzeitschrift Van Nghe, der sich ebenfalls von der früher üblichen dichotomischen Einteilung der Vietnamesen in "gut" und "böse", in "patriotisch" und "unpatriotisch" abwendet und die Politik der Führung in Hanoi nach 1975 gegenüber Südvietnam kritisiert.[26] Ein weiteres Beispiel ist die Diskussion zwischen dem exilvietnamesischen Professor Le Xuan Khoa und dem Journalisten der Parteizeitung Nhan Dan, Nguyen Hoa, über die Neubewertung des Vietnamkriegs, die sich schließlich auf der Internetplattform Talawas zu einer großen Debatte zwischen "Inlands-" und Auslandsvietnamesen entwickelte.[27] Bei allen Meinungsverschiedenheiten traf hier die Behauptung der Vietnamexpertin Sophie Quinn-Judge zu: "Cyberspace seems to be the one place where Vietnamese have successfully achieved reconciliation - thirty years after the collapse of South Vietnam."[28] Bezeichnend für das insgesamt offenere Klima ist auch, dass seit Neuestem in Fernsehsendungen zum Vietnamkrieg von der "Regierung" und der "Armee der früheren Republik Südvietnam" die Rede ist und nicht mehr die vorher üblichen, herabsetzenden Begriffe "Marionettenregierung" und "Marionettenarmee" verwendet werden.[29] Außerdem erlebt die südvietnamesische Literatur der Epoche vor 1975 in Vietnam eine kleine Renaissance, nachdem sie zuvor von der Literaturkritik in Hanoi entweder als "dekadent" abqualifiziert oder völlig ignoriert wurde.

Der große Erfolg der Ausstellung "Hanoi in Zeiten der Subventionswirtschaft" im Ethnologischen Museum in Hanoi im Jahr 2006 fügte sich in die Erinnerungsdebatte über die Nachkriegsepoche ein. Die Ausstellung war vor allem dem Ideenreichtum und dem Geschick der vietnamesischen Bevölkerung gewidmet, mit dem diese die entbehrungsreiche Zeit vom Kriegsende bis zum Beginn der Reformpolitik überstanden hatte. Die Frage, wer für die wirtschaftlichen Probleme verantwortlich war, stand dabei nicht im Vordergrund, doch das Fazit der Ausstellung, "'Subventionswirtschaft' - das ist eine dramatische Zeit und eine Lektion über die Gesetze der sozialen Entwicklung, für die ein hoher Preis bezahlt werden musste", war Anklage genug.

Dessen ungeachtet wird Le Duan, der langjährige Parteichef der KP, der mit seiner orthodoxen Politik einen Großteil der Verantwortung für die negative Entwicklung ab 1975 trug, in der neuesten Hochglanzbiographie nach wie vor als weitsichtiger Führer und sogar als Vorreiter der Reformpolitik ab 1986 gefeiert.[30]

Fußnoten

19.
Vgl. Gerhard Will, Vietnam 1975 - 1979: Von Krieg zu Krieg, Hamburg 1987.
20.
Vgl. Nghia M. Vo, The Vietnamese Boat People. 1954 and 1975 - 1992, Jefferson, NC 2006.
21.
Vo Van Kiet war von 1991 bis 1997 vietnamesischer Ministerpräsident. Vgl. Nhung doi hoi moi cua thoi cuoc (Die neuen Erfordernisse der aktuellen Situation), in: www.tuoitre.com.vn/Tianyon/Index.aspx? ArticleID=74587&ChannelID=3 (24.4. 2008), und Vo Van Kiet, Dai doan ket dan toc - coi nguon suc manh cua chung ta (Die Solidarität des ganzen Volkes - Ursprung unserer Stärke), in: www.tuoitre.com.vn/Tianyon/Index.aspx?
ArticleID=95649&ChannelID=3 (26.4. 2006). Eine deutsche Übersetzung des letztgenannten Artikels findet sich in www.fg-vietnam.de/VNK/VoVanKiet.htm (30.4. 2008).
22.
Vgl. Nhung doi hoi moi (ebd.).
23.
Vgl. Dai doan ket dan toc (Anm.21).
24.
Vgl. Nhung doi hoi moi (Anm.21).
25.
Leserkommentar auf www.bbc.co.uk/vietnamese/regionalnews/
story/2005/08/050831_vovankietarchiv e.shtml; vgl. auch www.bbc.co.uk/vietnamese/vietnam/
story/2007/04/070427_vo_van_kiet.shtml, (21.5. 2007) und www.tuoitre.com.vn, wo die Beiträge Vo Van Kiets im Netz zu lesen waren.
26.
Vgl. Nguyen Ngoc, Anh S., ban toi (Älterer Bruder S., mein Freund), in: Dien Dan, 160 (2006), S. 15 - 18.
27.
Siehe die Rubrik "Chien tranh nhin tu nhieu phia" (Der Krieg von vielen Seiten aus betrachtet) auf www.talawas.com.
28.
Sophie Quinn-Judge, Who are the Vietnamese in 2005?, in: www.opendemocracy.net/democracy-protest/article_2467.jsp (30.4. 2005).
29.
Vgl. hierzu die Äußerungen des Filmemachers Tran Van Thuy in einer von Vietnam.net veranstalteten Online-Diskussion: Xay dung hinh anh dat nuoc Viet Nam moi (Ein neues Bild von Vietnam entwerfen), in: www.vnn.vn/service/printversion?article_id=620984 (30.4. 2005).
30.
Vgl. Thong Tan Xa Viet Nam. Vietnam News Agency. Tong Bi thu Le Duan, General Secretary Le Duan, Hanoi 2007.