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Geschichtsbilder in Kambodscha


19.6.2008
Das Khmer-Rouge-Regime bedarf aufgrund der Massenverbrechen der juristischen Aufarbeitung. Als erster Schritt wird das Verstehen geschichtlicher Prozesse im Hinblick auf die Gegenwartsbewältigung in der Postkonfliktgesellschaft angesehen.

Einleitung



Nach dem politischen Ende der Khmer Rouge im Jahr 1998 blickte Kambodscha zurück auf rund dreißig Jahre gewalttätiger Exzesse und Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg, Bürger- beziehungsweise Guerillakriegen und dem Regime der Khmer Rouge (Rote Khmer). Wird mit dem Blick auf die wechselhafte Geschichte Kambodschas von Vergangenheitsaufarbeitung gesprochen, so ist die juristische Aufarbeitung der Herrschaftszeit der Khmer Rouge (1975 - 1979) und des damit verbundenen Massensterbens und -mordens gemeint. Sie wird derzeit vor dem Khmer Rouge Tribunal (KRT) in der Hauptstadt Phnom Penh verhandelt.






Im Kern stellte die Ideologie des Khmer-Rouge-Regimes und deren Umsetzung eine historisch einzigartige Übersteigerung kommunistischer Gesellschaftsvorstellungen dar. In der Folge ist während der Zeit der von Pol Pot geführten Khmer Rouge ein Viertel der Bevölkerung, zwischen 1,5 und 2,5 Millionen Menschen, umgekommen. Ausdruck für die radikalen Intentionen dieser Politik war das zentrale Verhör- und Foltergefängnis Tuol Sleng (genannt S-21) in Phnom Penh. So weit dokumentiert, überlebten von geschätzten 17 000 Häftlingen gerade sieben Personen ihre Gefangenschaft.[1]

Das Khmer-Rouge-Regime markiert aufgrund der genozidalen Massenverbrechen eine außergewöhnliche Herrschaft, sowohl für die kambodschanische Geschichte als auch für die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Transnationale Interessen vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, des chinesisch-sowjetischen Konfliktes und des innerstaatlichen Konfliktes in Kambodscha seit 1979 verhinderten die notwendige juristische und individuelle Aufarbeitung der Verbrechen bis zum Ende der Kriege 1998.

Als Prozesse der Vergangenheitsaufarbeitung werden alle Aktivitäten einer sich demokratisierenden Postkonfliktgesellschaft im Umgang mit dem eigenen Konflikterbe bezeichnet. Die juristische Aburteilung von Tätern stellt dabei nur eine Möglichkeit der Aufarbeitung belastender Vergangenheit dar. Dass jene Aufarbeitungsprozesse im Spannungsfeld der Interessenkonflikte der ehemaligen Konfliktparteien stehen, ist ihnen immanent. Oftmals fordern gerade die Eliten eines neu etablierten Systems im Sinne der ökonomisch und politisch beeinflussten Gegenwartsbewältigung, den sprichwörtlichen "Schlussstrich" zu ziehen und "nach vorne zu blicken". Dieser Sicht stehen Opfer- und Menschenrechtsorganisationen entgegen, die mit Recht die Notwendigkeit einer Aufarbeitung vorangegangener Unrechts- und Gewalterfahrungen einfordern.

Die Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia (ECCC), wie das KRT formal genannt wird, sind hinsichtlich ihrer Personalstruktur, Rechtsgrundlage und Finanzierung ein so genanntes hybrides Tribunal. Die in das nationale Justizsystem eingegliederten ECCC haben im Jahr 2006 offiziell ihre Arbeit aufgenommen. Zwar unterstützt repräsentativen Umfragen aus dem Jahr 2004 zufolge eine überwältigende Mehrheit der über dreißig Jahre alten Kambodschanerinnen und Kambodschaner rückhaltlos die Einrichtung des Tribunals.[2] Dennoch sind die ECCC hinsichtlich ihrer Arbeitsweise und Zielsetzung innerhalb der Bevölkerung nicht unumstritten.

Die ECCC besitzen Jurisdiktion für die Senior Leaders der Khmer Rouge sowie die Hauptverantwortlichen für schwere Menschenrechtsverbrechen, die während der formalen Herrschaftszeit der Khmer Rouge (17. April 1975 bis 6. Januar 1979) begangen wurden. Eklatant und deshalb vielfach kritisiert worden ist in diesem Zusammenhang die damit verbundene Strafffreiheit der rangniederen Täter, die sich gleichwohl schwerer Menschenrechtsvergehen schuldig gemacht haben. Darüber hinaus stellt die Aburteilung der Hauptverantwortlichen lediglich eine symbolische Wiedergutmachung dar. Um die Einrichtung der ECCC nachhaltig vor der Bevölkerung zu legitimieren, ist deshalb ein Arbeitsfeld der ECCC und deren Unterstützerorganisationen auf Wissensvermittlung ausgerichtet. Die Informationskampagnen der ECCC und der Organisationen in ihrem Umfeld zeigen, dass gerade die Vermittlung der kambodschanischen Geschichte als notwendig erachtet wird. Was kann die Vermittlung von Geschichte im Zusammenhang mit einer Aufarbeitung der Herrschaft des Khmer-Rouge-Regimes in Kambodscha leisten?


Fußnoten

1.
Die genauen Opferzahlen sind in der Geschichtswissenschaft Gegenstand von Kontroversen. Vgl. dazu Craig Etcheson, After the Killing Fields. Lessons from the Cambodian Genocide, Lubbock 2005, S. 119ff.; Helen Jarvis/Tom Fawthrop, Getting away with genocide?, London 2004, S. 3ff.
2.
Vgl. The Khmer Insititute of Democracy, Survey on the Khmer Rouge Regime and the Khmer Rouge Tribunal 2004, Phnom Penh 2004, S. 6.