APUZ Dossier Bild

19.6.2008 | Von:
Hannes Riemann

Geschichtsbilder in Kambodscha

Schwierige Geschichtsvermittlung

"Something terrible happened in Cambodia, but many people - many Cambodians - do not believe it."[4] Der politische Diskurs über das Khmer-Rouge-Regime war in der VRK und der sozialistischen Staatenwelt seit 1979 vor allem von der Abgrenzung des eigenen sozialistischen Systems gegenüber dem sich kommunistisch gerierenden Demokratischen Kampuchea bestimmt. Da die kommunistische Revolution bis 1975 in Kambodscha im Kampf gegen den "US-Imperialismus" im Kanon des marxistisch-leninistischen Geschichtsbildes stand, konnte die Verantwortung für den Massenmord nur den Führungsköpfen innerhalb der Angkar - die zudem vor dem Hintergrund des chinesisch-sowjetischen Konfliktes als regionale Interessenvertretung des "chinesischen Hegemonismus" betrachtet wurde - zugeschoben werden. Ausdruck dafür war die Einrichtung des People Revolutionary Tribunal durch die VRK im Jahr 1979, in dem Pol Pot und Ieng Sary des Genozids für schuldig befunden und in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurden.

Das von der kambodschanischen Bevölkerung kolportierte Bild über die Zeit des Khmer-Rouge-Regimes speist sich entweder aus individuellen und damit subjektiven Unrechts- und Gewalterfahrungen, oder es wird von einfach strukturierten Verschwörungstheorien genährt. Entweder sei das Land der Innocent Khmer Opfer ausländischer Mächte - Vietnams, Chinas, der USA und der UdSSR - gewesen, oder aber es wurde zum Opfer der von der VRK damals so bezeichneten "Pol Pot/Ieng Sary-Clique". Gerade die Bevölkerungsgruppe der nach 1979 Geborenen, welche heute die Bevölkerungsmehrheit darstellt, besitzt nur rudimentäre Vorstellungen von der Geschichte des Khmer-Rouge-Regimes. Da das defizitäre Bildungssystem kaum Geschichtsvermittlung leistet, speist sich das Bild der Nachgeborenen über das Regime im Wesentlichen aus individuellen Schicksalberichten der Verwandten, insofern diese überhaupt von ihren Erfahrungen berichten wollen. Vielfach artikulieren die Kinder von Opfern und Tätern ihren Unglauben oder aber ihre Unsicherheit bezüglich des Gehörten und dem eigenen Umgang damit. Ein begrenzter Zugang zu Medieninformationen und Bildungsdefizite innerhalb der Landbevölkerung, die rund 90 Prozent der Bevölkerung ausmacht, erhöhen die Schwierigkeiten einer fruchtbaren Geschichtsvermittlung.

Der wichtigste Effekt, der sich seit der Einsetzung des Tribunals abzeichnet, ist die öffentliche und innergesellschaftliche Diskussion um die Verbrechen der Khmer Rouge; das sei als Erfolg zu werten, wie Wolfgang Möllers, Landesdirektor des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) in Kambodscha, im vergangenen Jahr betonte.[5] Begleitend zur Diskussion um die ECCC haben in den vergangenen Jahren eine Fülle von Regierungsorganisationen (RO) und Nichtregierungsorganisationen (NRO) im Umfeld des Tribunals den Fokus ihrer Arbeit auf die Bedürfnisse der ECCC - Werbung, Information und Wissensvermittlung - und der Bevölkerung - Aufklärung und Artikulationsplattform - gerichtet. Die Wissensangebote sind auf die Bedürfnisse der Adressaten zugeschnitten. Informationsveranstaltungen finden in der Regel in Form von kommunalen Meetings statt, um durch das Gemeinschaftserlebnis in der sozialen Bezugsgruppe Informationen nachhaltig aufzubereiten. Einfach strukturierte Schauplakate, Informationsbroschüren, die von den ECCC und der Regierung gemeinschaftlich herausgegeben werden, und das populäre Medium Film bieten komprimiert die wichtigsten Informationen über die Geschichte der Khmer Rouge, über Funktion und Arbeitsweise der ECCC und über ihren Einfluss auf das tägliche Leben der Kambodschaner.

Da viele Menschen am ehesten das nachvollziehen können, was sie mit eigenen Augen sehen, organisieren verschiedene NRO in Zusammenarbeit mit den ECCC Besuchsreisen zu den Gerichtsräumen der ECCC und/oder zu den einschlägigen Gedenkstätten, wie dem Tuol Sleng Museum oder zu den Massengräbern Cheung Ekk - besser bekannt als die Killing Fields. Zwar sind deren Besuche für Kambodschaner kostenlos, viele können sich aber eine Reise aus ihrer Heimatprovinz in die Hauptstadt kaum leisten.

Ein Filmteam von Deutsche Welle TV begleitete im Jahr 2007 die kambodschanische NRO Youth for Peace (YFP) bei ihrer Arbeit in die Provinzen. Leider wurde diese im Beitrag nicht namentlich erwähnt. YFP steht exemplarisch für eine außerordentliche Anzahl unterstützender Organisationen, welche im Schatten der ECCC von internationalen Medien kaum wahrgenommen werden. Die DED-Partnerorganisation YFP arbeitet seit nunmehr sieben Jahren erfolgreich mit Schülern und Studenten in den Städten und Provinzen des Landes. Erklärtes Ziel ihrer Programme ist es, durch die Förderung kritischen Denkens und des individuellen Selbstvertrauens Jugendliche zu ermutigen, einen aktiven Part im gesellschaftlichen Transformationsprozess und bei damit verbundenen Problemlösungen zu spielen. Die Jugend, so YFP, sei in der besten Position, die Geschicke ihrer Gesellschaft positiv im Sinne einer nachhaltig friedlichen Zukunft zu gestalten. In diesem Zusammenhang müsse sie in die Lage versetzt werden, ihre Rolle neu zu definieren und zu besetzen. Im Hinblick auf den Prozess der Aussöhnung und der Suche nach Gerechtigkeit bedeutet dieses in erster Linie das Verstehen der negativen Einflüsse der Vergangenheit auf die Gesellschaft und deren Bedeutung für die Alltagsprobleme.

Diesem Ansatz folgt auch das YFP-Projekt "Youth for Justice and Reconciliation". Vermittelt durch "Understand, Remembering and Change"-Workshops soll das Projekt die jugendlichen Teilnehmer in die Lage versetzen, historische Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Khmer-Rouge-Regime und den ECCC zu erkennen, verschiedene Interpretationen der Geschichte aufzunehmen und kritisch zu analysieren. Die an die Workshops gekoppelten "Village Dialogues" bieten den Opfern und Tätern eine Plattform, über Gewalt- und Unrechtserfahrungen zu reden und diese in der Diskussion den Jugendlichen zu vermitteln. Die Bedeutung der Projektarbeit gerade im Hinterland der kambodschanischen Provinzen ist für die Teilnehmer wegen des spärlichen Informationszuganges nicht zu unterschätzen.

Ein repräsentatives Ergebnis der erfolgreichen Arbeit des Projektes ist in der südostasiatischen Jugendkonferenz zu sehen, die Mitte November 2007 in der Sovannaphumi University in Phnom Penh stattfand. Unter dem Motto "Youth Can Find Justice and Reconciliation through Understanding" trafen sich 143 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Kambodscha, Thailand, Vietnam, Laos, Burma, Nepal und Indonesien. An der Namensgebung wird einmal mehr der Ansatz deutlich, nach dem das Verstehen als erster Schritt auf der "Straße zur Aussöhnung" begriffen wurde. Thematisch standen die Wissensvermittlung über das Khmer-Rouge-Regime, Ursachenermittlung für Genozide, Formen der juristischen Aufarbeitung, der Funktion und Arbeitsweise der ECCC und individuelle Möglichkeiten der Aussöhnung im Mittelpunkt. Darüber hinaus bot die Konferenz eine Plattform für den interkulturellen Dialog. Im Erfahrungsaustausch sollten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der länderspezifischen Konflikte erkannt und die eigenen Problemfelder abstrahiert werden. Mit gestärktem Selbstvertrauen und unterstützt durch ein über die Konferenz hinaus wirkendes Netzwerk würden die Teilnehmer ihre Erfahrungen in ihr jeweiliges Wohnumfeld tragen und eine aktive Rolle im Aussöhnungsprozess übernehmen - so die Zielvorstellung. Begleitet wurde die Konferenz von Experten verschiedener ansässiger NRO, den Mitarbeitern von YFP beziehungsweise von Historikern und Zeitzeugen.

Wie belastet der individuelle Aufarbeitungsprozess mitunter ist, vermittelt ein Blick auf den Schicksalsbericht Van Naths - einem der Überlebenden von S-21 - und der anschließenden Podiumsdiskussion. Der Maler Van Nath hat gelernt, das erlittene Trauma und die damit verbundenen Ängste mit Hilfe seiner Kunst zu kanalisieren. Sein Talent rettete ihm seinerzeit das Leben, denn er wurde im S-21 durch Duch persönlich von der Exekutionsliste zurückgestellt, um Portraits von Pol Pot anzufertigen. Über seine Bilder hinaus hat er seine Geschichte in einer Autobiographie verarbeitet.[6] Als persönlichen Beitrag zur Aufarbeitung bemüht sich Van Nath seit Jahren, seinen Mitmenschen ein differenziertes Geschichtsbild zu vermitteln. Auf den bevorstehenden Aussöhnungsprozess angesprochen, formulierte er seine Forderungen unmissverständlich: Ohne, dass die Täter und aktuell Angeklagten die Wahrheit sagen, warum sie was getan haben, werde es keine Aussöhnung geben. Er bezog sich mit seiner Äußerung auf die wenige Tage zuvor stattgefundene erste Anhörung von Duch vor den ECCC, in deren Verlauf dieser jegliche Schuld und Verantwortung von sich wies. Bis heute, so Van Nath, habe sich keiner der Hauptverantwortlichen für seine Verbrechen entschuldigt, und alle würden ihre Verantwortung abstreiten. Wie könne er da im Sinne einer Aussöhnung auf die Täter zugehen?

Fußnoten

4.
Zit. nach C. Etcheson (Anm. 1), S. 1.
5.
Vgl. Deutsche Welle TV, Politik direkt: Recht für Kambodscha - Wie Deutsche helfen, die Verbrechen des Pol Pot Regimes aufzuarbeiten, Ausstrahlung 31.7.-1.8. 2007.
6.
Vgl. Van Nath, A Cambodian prison portrait. One year in the Khmer Rouge's S-21, Bangkok 1998.