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30.5.2008 | Von:
Ute Gerhard

50 Jahre Gleichberechtigung - eine Springprozession - Essay

50 Jahre Gleichberechtigung stellen sich als Fortschritt mit vielen Rückschritten dar. Junge Frauen sind zwar heute so gleichberechtigt wie nie zuvor, aber nach wie vor existierende strukturelle Ungleichheiten halten die Geschlechterdifferenz aufrecht.

Einleitung

Die vergangenen 50 Jahre als frauenpolitische Fortschrittsgeschichte zu erzählen, wäre unangemessen. Insbesondere die ersten zehn Jahre nach der Verabschiedung des Artikels 3 Grundgesetz (GG) im Jahr 1949 sind aus heutiger Sicht eher als Rückfall in ein emanzipatorisches Mittelalter zu bezeichnen. Wer sich an die 1950er Jahre erinnert oder heute Bilder oder Filme aus jener Zeit sieht, wird gewahr, wie anders, fügsam oder gar ergeben Frauen ihre Rolle gespielt haben, und wie grundlegend sich die Geschlechterbeziehungen im alltäglichen Umgang seither verändert haben. Der Rückruf der Frauen in die Familie als wahren Ort weiblicher Bestimmung beinhaltete nicht nur Beschwörungen über das Wesen der Frau, bizarr anmutende Konventionen und Moden (Petticoat und Stöckelschuhe), sondern auch die klare Anweisung, zu Heim und Kindern zurückzukehren. Nach zwei Weltkriegen und ihren Katastrophen war die Wiederherstellung rigider Geschlechterrollen sowie das Leitbild von Ehe und Kernfamilie als dominante Lebensform wichtiger Bestandteil einer angeblichen "Normalisierung" der Lebensverhältnisse. Und dies geschah, obwohl Frauen, vor allem die Mütter in der Kriegs- und Nachkriegszeit, auf sich allein gestellt, das Leben unter schwierigsten Bedingungen gemeistert hatten, und dies eigentlich die "Stunde der Frauen" war.

Doch die Restauration einer konservativen Geschlechterordnung wurde möglich, obwohl oder gerade weil die Gleichberechtigung der Frauen nun im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert war. Das klingt paradox, und doch entspricht dieser Rückfall hinter bereits erreichte Selbstverständnisse einer historischen Erfahrung. Im Auf und Ab sozialer Bewegungen spricht die Bewegungsforschung daher von "Flauten" oder einem "Stillstand".[1] Denn nach jahrzehntelangen Kämpfen schien ein wesentliches Ziel erreicht: in der Bundesrepublik die verfassungsrechtliche Anerkennung bzw. das Versprechen, Frauen in allen Rechtsbereichen, insbesondere auch im Familienrecht, bis spätestens 1953 gleich zu stellen. Die zuständigen Frauenverbände meinten denn auch, dass es keine "Frauenfrage" mehr gebe, allenfalls "Teilfragen", die im Wege einzelner Reformschritte zu bewerkstelligen seien.[2]

Bemerkenswert ist, dass die erwähnte "Normalisierung" in allen westlichen Industrienationen, die am Zweiten Weltkrieg beteiligt waren, in der Nachkriegszeit zu einer Restrukturierung traditioneller Geschlechterverhältnisse und Re-Familialisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse geführt hatte. Denn die Bewährung der Frauen in männlichen Domänen, ihre erzwungene Selbständigkeit und ihr neues Selbstbewusstsein hatten die traditionelle Geschlechterordnung "gestört". Sie wurden als Krise der Familie wahrgenommen, die doch angesichts der Integrationsprobleme der aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten und einer später als "vaterlos" diagnostizierten Gesellschaft[3] vor allem auf einer Krise der Männlichkeit beruhte. Vergleichende Studien belegen, dass die Wiederherstellung und Stabilisierung der Familie als Fluchtburg und "letzte Grundlage der sozialen Zuflucht und Sicherheit"[4] zugleich mit einer Re-Maskulinierung der Gesellschaft in Politik, Wirtschaft und Kultur verbunden war.[5]

Die Besonderheit der westdeutschen Entwicklung[6] liegt gleichwohl darin, dass sie sich in der Gleichberechtigung der Geschlechter immer wieder eine Verspätung leistete, ihr die nachholende Entwicklung in eine moderne, geschlechtergerechte Gesellschaft nicht gradlinig gelang, vielmehr den zwei Schritten nach vorn - wie in der Echternacher Springprozession - mindestens ein Rückschritt folgte. Denn im Grunde waren die von der Politikerin Elisabeth Selbert im Parlamentarischen Rat errungenen Zusagen für eine auch privatrechtliche Gleichberechtigung der Frau und damit für die Reform des Familienrechts bereits in den Verhandlungen des 33. Deutschen Juristentages im Jahr 1924 weitgehend akzeptiert und von der ersten Richterin in Deutschland, Marie Munk, die aus der ersten Frauenbewegung kam, kompetent und überzeugend vorbereitet worden.[7] Ihre Vorschläge zur Reform des ehelichen Güterrechts fanden in der erst 1957 durch das Erste Gleichberechtigungsgesetz eingeführten Zugewinngemeinschaft ihren Niederschlag. Auch der von Elisabeth Selbert mit Hilfe einer von ihr höchstpersönlich mobilisierten Frauenöffentlichkeit errungene Sieg beruhte auf einem strategischen Kompromiss.[8] Dieser ermöglichte die Reform des der Gleichberechtigung gemäß Art. 117 Absatz I GG bis 1953 entgegenstehendes Rechts - insbesondere des Familienrechts im Bürgerlichen Gesetzbuch. Tatsächlich hat der Bundestag dann bis 1957 gebraucht, um ein Gleichberechtigungsgesetz zu verabschieden, das nach wie vor die Hausfrauenehe und damit eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der Ehe zum Leitbild erhob, und zugleich ein Letztentscheidungsrecht des Vaters in allen Erziehungsfragen aufrechterhielt. Dieser so genannte "Stichentscheid" musste sogleich (1959) wie auch später andere formale Ungleichberechtigungen vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig kassiert werden. Doch eingelöst wurde die Reform des Familienrechts auf der Basis eines egalitären Ehemodells tatsächlich erst 1977.

Die Rechtsgeschichte des Art. 3 GG kann und soll hier nicht im Einzelnen verfolgt werden,[9] doch die 1948 immer wieder geäußerte Befürchtung, mit der Gleichberechtigung auch im Familienrecht werde ein Rechtschaos ausbrechen, verweist auf die harten, ideologisch verbrämten Widerstände und darauf, welch weiter Weg noch zurückzulegen war, um gemeinsam mit dem "anderen Geschlecht" "mehr Demokratie zu wagen". Die uns heute so fernen Frauenbilder und Debatten der 1950er Jahre verdeutlichen aber auch, dass es ganz anderer gesellschaftlicher Kräfte und eben einer neuen Frauenbewegung bedurfte, um den patriarchalen Schutt der Tradition und die autoritären Überhänge aus der NS-Zeit abzuräumen, um endlich mehr Gleichberechtigung nicht nur in der Politik, sondern vor allem auch im privaten Bereich von Familie und Beruf für Frauen durchzusetzen. Im Folgenden möchte ich diesen Prozess an zwei weiteren Schritten oder Zäsuren verdeutlichen.

Fußnoten

1.
Leila Rupp/Verta Taylor, Survival in the Doldrums. The American Women's Rights Movements 1945 to the 1960's, Columbus 1990; Ute Gerhard, "Fern von jedem Suffragettentum" - Frauenpolitik nach 1945, eine Bewegung der Frauen?, in: Ulla Wischermann/Elke Schüller/Ute Gerhard (Hrsg.), Staatsbürgerinnen zwischen Partei und Bewegung. Frauenpolitik in Hessen 1945 bis 1955, Frankfurt/M. 1993, S. 9 - 40.
2.
Vgl. Gabriele Strecker, Frausein heute, Weilheim 1965, S. 67.
3.
Vgl. Alexander Mitscherlich, Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft: Ideen zur Sozialpsychologie, München 1963.
4.
Helmut Schelsky, Wandlungen der deutschen Familie in der Gegenwart. Darstellung und Deutung einer empirisch-soziologischen Tatbestandsaufnahme, Stuttgart 1955, S. 63.
5.
Robert G. Moeller/Heide Fehrenbach/Uta G. Poiger/Susan Jeffords, The "Remasculinization" of Germany in the 1950s. Forum, in: Signs. Journal of Women in Culture and Society, 24 (Autumn 1998) 1, S. 101 - 169.
6.
Politisch korrekt spreche ich hier von der westdeutschen Entwicklung und muss mich in diesem Zusammenhang darauf beschränken, so wichtig die Perspektive auf die parallele und zugleich abweichende Geschichte der DDR wäre, weil sie in vielerlei Hinsicht westdeutscher Frauen- und Familienpolitik als Projektionsfläche diente. Vgl. hierzu Ute Gerhard, Die staatlich institutionalisierte "Lösung" der Frauenfrage. Zur Geschichte der Geschlechterverhältnisse in der DDR, in: Hartmut Kaelble/Jürgen Kocka/Helmut Zwahr (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 383 - 403.
7.
Vgl. Verhandlungen des 33. Deutschen Juristentages, Berlin 1925, Bd. 33, S. 323ff. vom 11. September 1924.
8.
Vgl. die Hessische Landesregierung (Hrsg.), "Ein Glücksfall für die Demokratie" - Elisabeth Selbert (1896 - 1986). Die große Anwältin der Gleichberechtigung, Frankfurt/M. 1999.
9.
Vgl. im Überblick Sabine Berghahn, Frauen, Recht und langer Atem - Bilanz nach über 40 Jahren Gleichstellungsgebot in Deutschland, in: Gisela Helwig/Hildegard Nickel (Hrsg.), Frauen in Deutschland 1945 -1992, Bonn 1993, S. 71 - 138; sowie ausführlich Ute Sacksofsky, Das Grundrecht auf Gleichberechtigung: eine rechtsdogmatische Untersuchung zu Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes, Baden-Baden 1996.