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30.5.2008 | Von:
Beate Hoecker

50 Jahre Frauen in der Politik: späte Erfolge, aber nicht am Ziel

Die Gründe der Unterrepräsentation von Frauen in der Politik

Bei der Suche nach den Gründen der anhaltenden Unterrepräsentation von Frauen in der Politik sind zwei Fragen zu unterscheiden: Erstens: Warum treten weniger Frauen als Männer einer Partei bei? Und zweitens: Welche Barrieren erschweren den weiblichen Parteimitgliedern - trotz Quotenregelungen - eine politische Karriere?

Institutionalisierte Politik ist männlich geprägt: Die wichtige Frage, worauf die Distanz von Frauen gegenüber den Parteien beruht, wurde wissenschaftlich bislang nicht umfassend untersucht. Die scheinbar nahe liegende Erklärung, nämlich, dass sich Frauen für Politik nur wenig interessieren und eine aktive politische Partizipation generell ablehnen, ist allerdings unzutreffend, denn im so genannten unkonventionellen Bereich, also bei den Aktionsformen der neuen sozialen Bewegungen (z.B. Demonstrationen, Mitarbeit in einer Bürgerinitiative oder das Sammeln von Unterschriften), beteiligen sich Frauen in nahezu gleicher Weise wie die Männer.[15]

Zu vermuten ist vielmehr, dass sich das nach wie vor geringere politische Interesse von Frauen, wie es in Umfragen immer wieder zum Ausdruck kommt, in erster Linie auf Politik in ihrer institutionalisierten Form bezieht, die Frauen kaum geeignete Voraussetzungen für ihr politisches Engagement bietet. Bereits vor fünfzig Jahren führte Gabriele Bremme hierzu aus: "Tatsache ist ..., dass die Frauen, als sie die politische Gleichberechtigung erlangten, sich einem politisch-parlamentarischen System gegenüber sahen, das in seiner Grundstruktur und Form bereits verfestigt war, und auf dessen Gestaltung sie daher keinen Einfluss hatten."[16]

Auch heute noch sind die Formen der politischen Arbeit, also die Organisationsstrukturen sowie die Versammlungs- und Kommunikationsstile, männlich geprägt, und über die Definition politischer Probleme bestimmen gleichfalls vorrangig Männer. Wenn Frauen sich in diesem Politikfeld engagieren, dann müssen sie sich folglich nach Regeln richten, die ihnen weitgehend fremd sind und die mit ihrer Lebenswirklichkeit nur wenig zu tun haben.[17]

Insofern kann es nicht verwundern, dass Frauen im Vergleich zu Männern den Parteien eher fern bleiben, sondern darüber hinaus auch eine geringere Bereitschaft zur Übernahme eines politischen Amtes zeigen (Frauen: 14 %; Männer: 24 %)[18] und zudem stärker als Männer eine völlig neue Partei zur Vertretung ihrer Interessen begrüßen würden (Frauen: 34 %; Männer: 26 %).[19] Alarmierend ist zugleich, dass diese Geschlechterdifferenzen in der jungen Generation der unter 35-Jährigen jeweils noch wesentlich ausgeprägter ausfallen. Die Parteien stehen hier vor der zentralen Aufgabe, Frauen - und gerade auch junge Frauen - für ein parteipolitisches Engagement zu motivieren und ihren jeweiligen Partizipationswünschen organisatorisch wie inhaltlich entgegenzukommen. Angesichts der Tatsache, dass in allen Parteien der politische Nachwuchs nahezu völlig fehlt, ist diese Aufgabe umso dringlicher.

Politische Karrieremuster als Aufstiegsbarriere: Die zweite Frage nach den Aufstiegsbarrieren für weibliche Parteimitglieder lässt sich mit Blick auf die vorherrschenden politischen Karrieremuster klar beantworten. Eine politische Karriere beginnt danach üblicherweise in den lokalen Führungsgremien der Parteien, wobei diese Positionen lange Zeit beibehalten werden und zugleich die Ausbildung spezifisch politischer Qualifikationen ermöglichen. Daneben dient der längere Verbleib auf der lokalen Ebene dazu, eine innerparteiliche Hausmacht aufzubauen, die als eine entscheidende Voraussetzung für eine Nominierung zu einem Landtags- oder Bundestagsmandat gilt. Für den Karrierestart spielt darüber hinaus auch der Beruf des Parteimitglieds eine wichtige Rolle. Fachwissen aufgrund der beruflichen Position sowie einflussreiche Kontakte begünstigen ohne Zweifel die Aufstiegschancen des Mitglieds. Die weitgehende Akademisierung des Bundestages weist zudem darauf hin, dass ohne ein Studium heute kaum noch eine politische Karriere erfolgt. Von zentraler Bedeutung ist schließlich auch die individuelle Abkömmlichkeit, denn im Zuge des schrittweisen Aufstiegs ("Ochsentour") entwickelt sich die politische Arbeit von einer Feierabendtätigkeit immer mehr zum eigentlichen Hauptberuf. Inhaber von Berufspositionen mit einem hohen Maß an Zeitsouveränität sind somit von vornherein privilegiert; der überdurchschnittlich hohe Anteil von Parlamentariern aus dem Öffentlichen Dienst (etwa zwei Fünftel) ist hierfür ein Beleg.

Diese in ihren Grundzügen skizzierte politische Standardkarriere verdeutlicht eine weitgehende Orientierung an der männlichen Biographie. Frauen haben dagegen aufgrund der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung von Anfang an erschwerte Startbedingungen. Ihre gesellschaftliche Ungleichheit setzt sich in den Parteien fort und mindert ihre Aufstiegschancen.[20]

Bereits die erforderliche Abkömmlichkeit stellt Frauen vor größere Probleme als Männer. Familie, Beruf und Politik miteinander zu vereinbaren, ist für Frauen - und insbesondere für junge Frauen mit Kindern - nach wie vor ungleich schwieriger als für Männer. Folglich war es lange Zeit typisch für Frauen, dass sie später als Männer in die Politik gingen. Zudem war - und ist - der Anteil alleinstehender Politikerinnen im Bundestag weit überdurchschnittlich, der Anteil der verheirateten Frauen mit Kindern dagegen unterdurchschnittlich.[21] Nur durch Verzicht auf eine eigene Familie können viele Parlamentarierinnen Politik zu ihrem Hauptberuf machen, was nicht nur ein bezeichnendes Licht auf die Strukturen und Anforderungen dieser Profession wirft, sondern zugleich die begrenzte Wirksamkeit von innerparteilichen Quotenregelungen erklärt; denn Quoten verändern zwar parteiinterne Rekrutierungsmuster, nicht aber die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung innerhalb der Gesellschaft.

Hinsichtlich der beruflichen Anforderungen für eine politische Karriere haben Frauen beim Studium inzwischen mit den Männern gleich gezogen, in einflussreichen beruflichen Führungspositionen insbesondere der Privatwirtschaft und der Verbände dagegen sind sie weiterhin deutlich unterrepräsentiert.[22] Demgegenüber bietet der Öffentliche Dienst Frauen inzwischen relativ gute Chancen, eine Führungsposition zu erreichen,[23] was bislang aber anscheinend nicht dazu geführt hat, dass Frauen aus dieser Position heraus vermehrt eine politische Karriere anstreben. Und schließlich können Frauen nicht in dem Maße wie Männer eine gesellschaftliche oder innerparteiliche Hausmachtsverankerung vorweisen.

Daneben gibt es noch weitere, unsichtbare Hürden für Frauen in der Politik. So ist die Einbindung in informelle Entscheidungs- und Machtstrukturen für die Karriere von entscheidender Bedeutung. Gerade Frauen aber sind von diesen informellen Kreisen, sei es in Parteien oder Parlamenten, oftmals ausgeschlossen. Hier üben Männer den Schulterschluss gegenüber den Ansprüchen ihrer Parteikolleginnen und verweigern eine angemessene Unterstützung.

"Integrierte Außenseiterin", mit diesem Begriff lassen sich nach Barbara Holland-Cunz Politikerinnen in Deutschland charakterisieren, denn: "Konventionelle Arenen nötigen Frauen .. auf, sich dem vorgegebenen Habitus anzugleichen; konventionelle politische Partizipation ist bis heute eine anstrengende Gratwanderung zwischen demokratischen Idealen und der fragwürdigen Realität nicht selbstverständlicher Anerkennung und politischer Marginalisierung geblieben."[24]

Vergleichende Untersuchungen zur politischen Beteiligung von Frauen in Europa bestätigen diesen Zusammenhang. Als ein bedeutsamer Einflussfaktor für die politischen Partizipationschancen von Frauen hat sich danach die nationale politische Kultur erwiesen, also im politikwissenschaftlichen Verständnis die Einstellungen in der Bevölkerung gegenüber der Rolle von Frauen in Gesellschaft und Politik. Eine hohe politische Repräsentation von Frauen ist folglich vor allem in den Staaten zu finden, die sich durch egalitäre Einstellungen auszeichnen, und das sind insbesondere die nordischen Staaten. Deutlich niedriger fällt dagegen die politische Beteiligung von Frauen in den europäischen Staaten aus, in denen eher patriarchale Einstellungen vorherrschen, und dazu gehört unter anderem auch Deutschland.[25]

Fußnoten

15.
Vgl. Brigitte Geißel, Partizipation in Neuen Sozialen Bewegungen, in: Beate Hoecker (Hrsg.), Politische Partizipation zwischen Konvention und Protest, Opladen 2006, S. 159 - 183, hier S. 163.
16.
G. Bremme (Anm. 1), S. 4.
17.
Vgl. u.a. Bärbel Schöler-Macher, Die Fremdheit der Politik. Erfahrungen von Frauen in Parteien und Parlamenten, Weinheim 1994.
18.
Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Politische Partizipation in Deutschland. Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, Gütersloh 2004, S. 92.
19.
Vgl. ebd., S. 88.
20.
Diese Erkenntnisse sind keineswegs neu; dass sie nach wie vor Gültigkeit haben, zeigt vielmehr, wie wenig sich grundlegend an den strukturellen Rahmenbedingungen geändert hat. Vgl. Beate Hoecker, Politik: Noch immer kein Beruf für Frauen?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (1987) 9 - 10, S. 3 - 14.
21.
In der 15. Wahlperiode betrug der Anteil der alleinstehenden Parlamentarierinnen (ledig, verwitwet, geschieden bzw. ohne Angaben) 42 Prozent (Männer: 22 %), verheiratet mit Kind(ern) waren 46 Prozent (Männer: 69 %). Vgl. Michael F. Feldkamp, Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages 1994 - 2003, Berlin 2005, Kapitel 3.7. Für die 16. Wahlperiode weist Kürschners Volkshandbuch des Deutschen Bundestages die Familienstandsstatistik leider nicht mehr getrennt für Männer und Frauen aus.
22.
In diesen Bereichen liegt der Frauenanteil weitgehend unter einem Fünftel. Vgl. WSI-FrauenDatenReport 2005, Handbuch zur wirtschaftlichen und sozialen Situation von Frauen, herausgegeben von der Hans-Böckler-Stiftung, Berlin 2005, S. 425ff.
23.
Vgl. ebd.
24.
Barbara Hollland-Cunz, Demokratie - Staatsbürgerschaft - Partizipation, in: Sieglinde K. Rosenberger/Birgit Sauer (Hrsg.), Politikwissenschaft und Geschlecht, Wien 2004, S. 139.
25.
Vgl. Beate Hoecker (Hrsg.), Politische Partizipation von Frauen in Europa. Band I, Die Mitgliedstaaten, Opladen 1998 sowie dies./Gesine Fuchs (Hrsg.), Politische Partizipation von Frauen in Europa, Band II, Die Beitrittsstaaten, Wiesbaden 2005.