APUZ Dossier Bild

26.5.2008 | Von:
Bernard Imhasly

Ein reiches Land mit armen Menschen

Trotz eines leichten Aufwärtstrends leben drei Viertel der Inder in bitterer Armut. Der indische Aufstieg wird nur von Wert sein, wenn das Land seine Armen "mit an Bord" nimmt.

Einleitung

Vor langen Jahren, so Indiens designierter Premierminister Jawaharlal Nehru am Vorabend des Unabhängigkeitstags vom 15. August 1947, "hat Indien der Vorsehung ein Versprechen" gemacht. Nun sei endlich der Augenblick gekommen, es einzulösen. Die Abmachung bestand darin, das Land "von Armut, Krankheit und Notdurft (...) zu befreien, nicht vollständig, aber doch in großem Maß".






Hat Indien sein Versprechen eingehalten? Sechzig Jahre oder drei Generationen später sind ein guter Zeitpunkt, die Frage zu stellen. Die Antworten fallen unterschiedlich aus, je nach dem Maßstab, den der Beobachter ansetzt. Aus einer wirtschaftsgeschichtlichen Perspektive mit einer Referenzperiode von hundert Jahren sind die Fortschritte beachtlich. Das durchschnittliche Jahreswachstum, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der letzten Phase der Kolonialherrschaft, 0,79 % betragen hatte, beschleunigte sich in der zweiten Hälfte um das Fünffache. Und trotz der Zunahme der Bevölkerung um das Dreieinhalbfache ist das Volksvermögen in realen Zahlen um das Zehnfache gewachsen. Gleichzeitig ist dieses riesige und heterogene Land jenes mit der denkbar größten politischen Stabilität unter allen Entwicklungsländern geblieben. Und dies nicht unter der Fuchtel eines autokratischen Regimes, sondern dank des freien demokratischen Entscheids seiner Bürger. Indien war Wegbereiter der Entkolonisierung und wurde Mitbegründer und Zugpferd der Blockfreien, der ersten politischen Bewegung der "Dritten Welt", die sich zumindest ansatzweise dem westlichen wirtschaftsideologischen Diskurs entzog, sei es in dessen marktwirtschaftlicher, sei es in kommunistischer Ausprägung. Diesen internationalen Führungsstatus hat es auf halbem Weg eingebüßt, und erst heute ist es dabei, ihn - kraft seiner ökonomischen Macht - wieder einzufordern, allerdings auf Kosten des Anspruchs auf einen "Dritten Weg".

Die Entwicklungsdynamik hat sich nach 1990 nochmals bedeutend beschleunigt. Und aufgrund der ersten Welle wirtschaftlicher Reformen hat es im vergangenen halben Jahrzehnt noch einmal einen Wachstumssprung vollzogen. Zahlreiche Beobachter behaupten, dass sich Indien in den vergangenen fünf Jahren stärker verändert hat als in den fünfzig Jahren zuvor. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich nahezu verdoppelt - die erste Verdoppelung hatte 19 Jahre gebraucht. Spar- und Investitionsvolumina sind von 27 auf 34 % gestiegen, die Armutsquote ist, auch wenn die Angaben stark schwanken, um ein Drittel gesunken. So gesehen, hat die Dynamisierung der Wirtschaft mehr für die Armutsbekämpfung getan als die vielen Milliarden, die von der indischen Regierung - und von der internationalen Hilfsgemeinschaft - während fünfzig Jahren in die Entwicklungshilfe gepumpt worden sind.

Vor einem Jahr berichteten indische Zeitungen über einen neuen Meilenstein: Die Wirtschaftsleistung - das Bruttosozialprodukt - hatte eine Billion bzw. 1000 Milliarden US-Dollar erreicht. Damit ist Indien erst das zwölfte Land der Welt, das diese Hürde übersprungen hat. Dies ist auf den ersten Blick nichts Weltbewegendes, denn wiederum ist es das Gesetz der großen Zahl, das diese Leistung wesentlich begründet. In Indien leben inzwischen nahezu 1,2 Milliarden Menschen, und jeder sechste Weltbürger ist damit eine Inderin oder ein Inder. Man muss also nur die 1000 Milliarden durch die Bevölkerungszahl dividieren, um auf ein viel bescheideneres Resultat zu kommen: rund 833 US-Dollar - das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Inders. Beide Zahlen zeigen Größe und Grenzen dieses Landes an. Immerhin hat es damit eine weitere Hürde genommen. Es gehört, extrapoliert man das Wachstum von 8,5 % auf das Jahr 2008, fortan nicht mehr zur Kategorie der "ärmsten Länder", jenen also, die gemäß Weltbank ein Jahreseinkommen von weniger als 842 US-Dollar pro Kopf erreichen. Heißt dies, dass Indien damit "aus dem Schneider" und auf dem besten Weg zu einem Wohlfahrtsstaat westlichen Musters ist, wenn nicht gar zu einer wirtschaftlichen und politischen Großmacht? Wer in diesen Tagen die Medienberichterstattung verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, dass dies nur ein Frage der Zeit ist, und dass diese Zeit näher ist, als wir gemeinhin annehmen.

Man muss das enorme Wachstum nur in die Zukunft projizieren, und schon ist man bei den Prognosen der amerikanischen Citibank, die vor drei Jahren für die vier BRIC-Staaten - Brasilien, Russland, Indien, China - folgendes Szenario aufgestellt hat: In fünfzig Jahren wird Indien hinter China und den USA an dritter Stelle der weltweit größten Volkswirtschaften stehen. Jene Studie war von einem Jahreswachstum von 6 % ausgegangen. Seitdem ist das Land aber jedes Jahr um 8,5 % gewachsen, und falls es dieses Wachstum beibehält (oder gar ausbaut), wird Indien auch die USA überholen und hinter China den zweiten Platz besetzen. Die Marktkapitalisierung der indischen Börsen liegt mit 1800 Milliarden US-Dollar schon weit über dem Sozialprodukt. Auslandsinvestitionen liegen zwar immer noch weit hinter jenen Chinas, doch haben sie sich zwischen 1991 und 2006 verhundertfacht - von 150 Millionen auf 15 Milliarden US-Dollar.

Doch wie immer bei großen Zahlen und Volkswirtschaften, die relativen Größen sind oft wichtiger als die absoluten. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" schätzte im März 2008 die Zahl der indischen Dollar-Milliardäre auf 54 - mehr als Japan zu bieten hat. Ihr Vermögen umfasst zusammengerechnet knapp 250 Milliarden US-Dollar. Über ein Fünftel des gesamten Volksvermögens dieses Milliardenvolks wird also, vereinfacht gesagt, von einer verschwindend winzigen Minderheit beansprucht. Wird dieses große Küchenstück herausgenommen und der Rest auf die 1,2 Milliarden Menschen (minus 54 Köpfe) verteilt, nimmt das Pro-Kopf-Vermögen rasant ab und beträgt nur noch rund 600 US-Dollar pro Kopf und Jahr. Das bedeutet knapp zwei US-Dollar pro Tag, womit Indien wieder unter den Ärmsten wäre. Das alte Klischee von Indien als dem Land der Widersprüche trifft also immer noch zu, und damit auch die Frage, ob das Glas halb leer oder halb voll ist.