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26.5.2008 | Von:
Lavanya Rajamani

Indiens internationale Klimapolitik

An die Armen denken statt "sich hinter ihnen zu verstecken"

Indiens Regierung führt immer wieder seine Armut ins Feld,[28] wenn es um die Weigerung geht, Maßnahmen zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen gesetzlich zu regeln. Sie behauptet, die Armen des Landes hätten viel zur Kompensation der Umweltexzesse der entwickelten Welt beigetragen. Bei der UN-Generalversammlung im Februar 2008 merkte der indische Vertreter an: "in terms of climate change (...) blessed are the poor for they have saved the earth."[29] Gleichzeitig vergisst Indien die Bedürfnisse dieser "gesegneten" Armen, von denen es seinen moralischen Anspruch ableitet.

Ärmere Staaten und vor allem deren ärmste Bewohner werden vom Klimawandel am schlimmsten betroffen sein.[30] Tatsächlich ist das die grundlegende Ungerechtigkeit, die der Problematik des Klimawandels innewohnt - dass jene, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, die eigentliche Hauptlast zu tragen haben. In Indien befindet sich weltweit die größte Bevölkerungsgruppe, die täglich mit weniger als einem US-Dollar auskommen muss.[31] Die meisten davon leben in ländlichen Gebieten und sind unmittelbar auf vom Klima abhängige, natürliche Ressourcen angewiesen.[32] Die Armen besitzen die geringste Anpassungsfähigkeit[33] - und der Klimawandel wird Voraussagen zufolge auch in Indien schwere Auswirkungen haben.[34] Dürreperioden, Degradation, Desertifikation, Überschwemmungen und tropische Wirbelstürme werden sich verschlimmern, Malaria und durch Hitze verursachte Todesfälle zunehmen, während die Ernteerträge und die Lebensmittelversorgung unsicherer werden. Zusätzlich wird der steigende Meeresspiegel die Küstenbevölkerung vertreiben und eine dramatische Flüchtlingskrise nach sich ziehen.[35] Schmelzende Himalaya-Gletscher werden anfangs das Überschwemmungsrisiko erhöhen und könnten letzten Endes zu einer Wasserknappheit für ein Sechstel der Menschheit führen, hauptsächlich auf dem indischen Subkontinent.[36]

Der im Auftrag der britischen Regierung 2006 angefertigte Stern-Report (Stern Review on the Economics of Climate Change) hat darauf hingewiesen, dass der Klimawandel einen hohen Tribut von der indischen Wirtschaft fordern könnte. Nur eine geringe Änderung der Temperatur könnte schwerwiegende Auswirkungen auf den Monsun haben, was zu landwirtschaftlichen Einbußen von bis zu 25 % führen könnte. Eine kürzlich von der Regierung beauftragte Studie belegt, dass bis zu 45 % der BIP-Schwankungen in den vergangenen 50 Jahren durch Schwankungen der Regenmenge erklärt werden können.[37] Ein Anstieg der Temperaturen um 2-3,5 °C könnte einen Rückgang des BSP um 0,67 % verursachen, ein Anstieg des Meeresspiegels um 100 cm einen Rückgang des BSP um 0,37 %.[38] Ein Viertel der indischen Wirtschaft ist von der Landwirtschaft abhängig, und jeder negative Einfluss auf diesem Gebiet wird Indiens Möglichkeiten, seine Entwicklungs- und Armutsbekämpfungsziele zu erreichen, stark beinträchtigen.

Die niedrigen Pro-Kopf-Emissionen verschleiern dabei zahlreiche Ungerechtigkeiten. Aus einer Greenpeace-Studie geht hervor, dass die Carbon Footprints der obersten Einkommensschichten Indiens 4,5 Mal so groß sind wie jene der niedrigsten.[39] Indiens arme Bevölkerung kompensiert in dieser Hinsicht nicht nur das Gewicht der Welt, sondern auch das der reichen Inder.

Fußnoten

28.
Zitat in der Überschrift von Praful Bidwai, No room for hot air, in: The Hindustan Times vom 2. 7. 2007.
29.
"Was den Klimawandel angeht (...) gesegnet seien die Armen, denn sie haben die Erde gerettet." N. Sen (Anm. 22).
30.
Vgl. IPCC Working Group II Report, Impacts, Adaptation and Vulnerability (2007), Summary for Policy makers, in: www.ipcc.ch (25. 3. 2008).
31.
Vgl. Human Development Report (Anm. 1).
32.
Vgl. Jayant Sathaye et al., Climate change, sustainable development and India: Global and national concerns, in: Current Science, 90 (2006) 3, S. 314, 318.
33.
Vgl. Roger Harrabin, How Climate Change hits India's poor, in: http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_ asia/6319921.stm (1. 2. 2007).
34.
Vgl. IPCC (Anm. 30); Joyashree Roy, A review of studies in the context of South Asia with a special focus on India: Contribution to the Stern Review, 2006; Andrew Challinor et al., Indian Monsoon: Contribution to the Stern Review, 2006.
35.
Vgl. J. Sathaye (Anm. 32), S. 318f.; A. Challinor (Anm. 34).
36.
Vgl. Stern Review on the Economics of Climate Change, 2006, in: www.hm-treasury.gov.uk (24. 3. 2008).
37.
Vgl. In India a prayer for rain, despite a deluge, in: The New York Times vom 6. 7. 2007.
38.
Vgl. J. Roy (Anm. 34).
39.
Vgl. G. Ananthapadmanabhan et al., Hiding Behind the Poor, 2007, in: www.greenpeace.org/india/press/reports/
hiding-behind-the-poor (12. 11. 2007).