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26.5.2008 | Von:
Sumit Ganguly

Der indisch-pakistanische Konflikt

Die Zukunftsperspektiven

Wie könnte eine Lösung für diesen offenbar unlösbaren Konflikt aussehen? Es muss betont werden, dass Pakistan nach dem Krieg 1971 und der Staatsgründung Bangladeshs, wenngleich noch immer uneins mit Indien, seinen Anspruch auf Kaschmir fast aufgegeben hatte. Erst der Aufstand in Kaschmir 1989 entzündete von neuem den Eifer, die Region von Indien abzuspalten. Seitdem haben zivile und militärische Regime die Aufständischen in unterschiedlichem Maße in dem Bemühen unterstützt, das Land aus Indiens Griff zu befreien.[21] Trotz aller gemeinsamer Anstrengungen ist Pakistan seinem Ziel, Kaschmir von Indien zu trennen, nicht näher gekommen.

Dank seiner bewährten Strategie gegen Aufständische, die auf erheblichen (militärischen) Druck setzt, aber politisches Entgegenkommen in Aussicht stellt, solange auf Gewalt und separatistische Absichten (einzelner oder von Gruppen) verzichtet wird, ist es der indischen Regierung gelungen, wieder ein Mindestmaß an Ordnung im Land herzustellen. Durch eine Mischung aus brutaler Gewalt, politischen Konzessionen und der Wiederherstellung freier und fairer Wahlen hat sie es geschafft, der Rebellion den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sie erreichte auch die Wiederbelebung des 2004 mit Pakistan begonnenen Friedensprozesses und suchte Gespräche mit verschiedenen unzufriedenen politischen Gruppen. Diese Gruppen, die unter der "All Party Hurriyat Conference" zusammengefasst sind, haben Gewalt bisher gescheut.

Die internen politischen Diskussionen könnten zu Zugeständnissen auf Seiten Neu Delhis und zu einer größeren Autonomie für Kaschmir innerhalb der indischen Union führen. Es ist dennoch äußerst unwahrscheinlich, dass eine indische Regierung im Falle Kaschmirs bedeutende territoriale Konzessionen macht. Indiens unnachgiebige Haltung in Bezug auf Kaschmir hat verschiedene Gründe. Zuallererst belastet die Strategie gegenüber den Aufständischen, entgegen der allgemeinen Auffassung, den indischen Fiskus nicht über Gebühr.[22] Indien kann seine Position daher wohl auf unabsehbare Zeit beibehalten. Zweitens sind indische Entscheidungsträger nicht besonders geneigt, sich in territorialen Fragen kompromissbereit zu zeigen, weil dies Vorbildwirkung auf andere Rebellenbewegungen in verschiedenen Teilen Indiens haben könnte. Sie befürchten, derartige Zugeständnisse gegenüber Pakistan könnten einen Dominoeffekt auslösen. Andere Rebellenbewegungen könnten sich ermutigt fühlen, weil die indische Regierung in der wichtigsten territorialen Streitfrage, mit der das Land konfrontiert ist, nachgegeben hat. Drittens würden territoriale Konzessionen in Kaschmir aller Wahrscheinlichkeit nach zu heftigen innenpolitischen Reaktionen führen. Rechtsgerichtete Parteien und Organisationen würden versuchen, das Nachgeben mit einem vermeintlichen Mangel an Patriotismus unter der bedeutenden muslimischen Minderheit in Indien zu erklären, was Hass und möglicherweise Gewalt auf kommunaler Ebene schüren würde.

Angesichts Indiens starker Abneigung gegenüber territorialen Konzessionen und Pakistans unbeugsamem Wunsch, den verbleibenden Teil Kaschmirs von Indien zu erhalten, stellt sich die Frage, wie dieser Konflikt schließlich gelöst werden kann. Akademiker und politische Beobachter haben sehr viele einfallsreiche Lösungsvorschläge unterbreitet.[23] Sie alle, wie oben erwähnt, bestehen jedoch den Test der politischen Gangbarkeit nicht. Jegliche Schlichtung wird daher darauf verzichten müssen, Indien bedeutendere territoriale Zugeständnisse abzuverlangen. Bestenfalls könnte Indien zu kleineren taktischen Anpassungen entlang der Kontrolllinie in Kaschmir überredet werden.

Die Weltgemeinschaft wird die sich abzeichnenden Realitäten der politischen und materiellen Macht auf dem Subkontinent anerkennen müssen. Was die materielle Stärke betrifft, waren die Unterschiede zwischen Indien und Pakistan immer schon beträchtlich. Diese Kluft wird sich in absehbarer Zukunft noch vergrößern.[24] Folglich wird sich selbst das unnachgiebigste Regime in Pakistan mit dieser unausweichlichen Perspektive abfinden müssen.

Schließlich bestehen auch auf normativer Ebene grundlegende Unterschiede zwischen Indien und Pakistan. Zunächst endete Pakistans moralischer (und ursprünglicher) Anspruch auf Kaschmir im Grunde schon, als es 1971 auseinanderbrach und Bangladesh entstand. Wenn der Islam nicht alleine die Grundlage einer Staatenbildung in Südasien sein und seine Glaubensbrüder nicht auf der Basis des Glaubens zusammenhalten konnte, welchen moralischen Anspruch erhob Pakistan dann auf Kaschmir? Möglicherweise wäre der Aufstand von 1989 nicht ausgebrochen, wären nicht die Defizite der indischen Herrschaft in Kaschmir gewesen. Ohne den Aufruhr in Kaschmir hätte Pakistan weder in bilateralen noch in internationalen Foren auf die Kaschmir-Frage aufmerksam machen können. Außerdem steht Indien, wenn man seinen Umgang mit religiösem Extremismus und politischer Gewalt betrachtet, trotz seiner demokratischen Schwächen im Vergleich mit Pakistan ganz gut da.[25] Infolgedessen bietet Indiens institutionelle Fähigkeit, sich im Rahmen seiner Verfassung um die berechtigten Beschwerden seiner Bevölkerung in Kaschmir zu kümmern, eine um einiges vielversprechendere Perspektive als eine neue Grenzziehung, der die potentielle Gefahr weiterer gewaltsamer Konflikte innewohnt.

Fußnoten

21.
Zu Pakistans Rolle bei dem Aufstand vgl. Victoria Schofield, Kashmir in Conflict. India, Pakistan and the Unending War, New York 2003.
22.
Vgl. Sumit Ganguly, Will Kashmir Stop India's Rise?, in: Foreign Affairs, 85 (2006) 4, S. 45 - 56.
23.
Einen Überblick über diese Vorschläge bietet: The Final Settlement: Restructuring India-Pakistan Relations, in: www.strategicforesight.com (7. 4. 2008).
24.
Vgl. Arvind Panagariya, India. The Emerging Giant, New York 2008.
25.
Zu Indien vgl. Sumit Ganguly/Larry Diamond/Marc Plattner, The State of India's Democracy, Baltimore 2007. Zu Pakistan vgl. Hassan Abbas, Pakistan's Drift into Extremism. Allah, the Army, and America's War on Terror, London 2005.