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21.4.2008 | Von:
Günther Schmid
Miriam Hartlapp

Aktives Altern in Europa

Prinzipien für gutes aktives Altern

Das erste Prinzip fordert die Anpassung der Arbeitsmarktinstitutionen an die zunehmende Differenzierung von Risiken im Lebenslauf. Die moderne Arbeitswelt ist nicht mehr nur durch den binären Zustand von Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit geprägt, sondern auch durch fließende Grenzen zwischen diesen beiden "Aggregatzuständen". In diesem Sinn sollte die Arbeitslosenversicherung zu einer Beschäftigungsversicherung ausgeweitet werden, und es sollten Rahmenbedingungen für zukunftsweisende und den Bedürfnissen der Menschen angepasste Arbeitsplätze geschaffen werden.

Das zweite Prinzip beruht auf einer gerechten Risikoteilung entsprechend der Zurechenbarkeit der Risiko auslösenden Faktoren und der Befähigung zur verantwortlichen Risikoteilung. Dieser Grundsatz bedeutet, dass von Individuen Solidarität im Rahmen ihrer Handlungsressourcen verlangt werden kann, auch wenn die Risiken extern bedingt sind. Umgekehrt folgt auch, dass kollektive Solidarität selbst dann gefordert ist, wenn die Risiken durch eigenes Verschulden ausgelöst, durch eigenes Handeln jedoch nicht bewältigtwerden können. Die Balance zwischen Zurechenbarkeit und Verantwortungsfähigkeit muss immer wieder neu justiert werden.

Das dritte Prinzip beruht auf einer teilweisen Entkoppelung der Sozialversicherung von den Zufällen des Lebenslaufs. Diese Lebenslaufperspektive impliziert unter anderem, dass die Sozialtransfers bei der Verrentung nicht eng mit dem letzten Einkommen, sondern mit dem Einkommen des gesamten Arbeitslebens verknüpft werden. Darüber hinaus muss die Mitnahmemöglichkeit betrieblich erworbener Versicherungsansprüche im Falle eines Arbeitsplatzwechsels gewährleistet werden, und Sozialversicherungsbeiträgesollten in Zeiten unsicherer oder verminderter Einkommen aufrechterhalten bleiben.

Das vierte Prinzip umfasst ausgehandelte Flexibilität und Sicherheit. Die zunehmende Komplexität des Arbeitslebens erfordert eine bessere Koordination zwischen den verschiedenen Sozialversicherungssystemen. Verhandlungen sind der beste institutionelle Weg, um Probleme der Informationsasymmetrie, verzerrter Risikowahrnehmung, Abwanderung guter Risiken und des "moralischen Verhaltensrisikos"[5] zu lösen oder zu Kompromissen zu gelangen. Äußerstwichtig ist dabei, die Hauptakteure -vor allem die Sozialpartner - bei politischenBeschlüssen und deren Umsetzung zubeteiligen.

Eine Reihe innovativer Strategien und guter Praktiken "aktiven Alterns" in den EU-Mitgliedstaaten lassen sich diesen vier Prinzipien zuordnen. Im Rahmen dieses Essays beschränken wir uns auf einige wenige Beispiele.[6]

Fußnoten

5.
Das "moralische Verhaltensrisiko" (moral hazard) kennzeichnet die jeder Versicherung inhärente Gefahr, das Risiko bewusst herbeizuführen, um in den Genuss von Versicherungsleistungen zu kommen.
6.
Vgl. ausführlicher: Miriam Hartlapp/Günther Schmid, Arbeitsmarktpolitik für aktives Altern. Zur Zukunftsfähigkeit Deutschlands im Licht europäischer Erfahrungen, in: Jürgen Kocka (Hrsg.), Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Sozialwissenschaftliche Essays. WZB Jahrbuch 2006, Berlin 2007, S. 157 - 177; OECD, Live Longer, Work Longer: A Synthesis Report of the "Ageing and Employment Policies" Project, Paris 2006.