APUZ Dossier Bild

21.4.2008 | Von:
Günther Schmid
Miriam Hartlapp

Aktives Altern in Europa

Schlussfolgerungen

Erstens: Bei der Gestaltung der Übergänge vom Berufsleben ins Rentenalter sollte der Blick nicht in erster Linie auf Eigenschaften der älteren Arbeitnehmer gerichtet werden, etwa auf ihre angeblich abnehmende Produktivität. Die Beschäftigungschancen älterer Menschen hängen vor allem davon ab, wie schnell das Stellenangebot im lokalen Dienstleistungssektor wächst und wie breit das Spektrum dieses Angebots ist. Die Schaffung von Arbeitsplätzen in diesem Sektor trägt zur Lösung verschiedener, miteinander verknüpfter Probleme bei: Sie berücksichtigt die zunehmende Mobilitätseinschränkung bei Menschen fortgeschrittenen Alters; sie führt zur Entstehung einer ökonomischen und sozialen Infrastruktur, die es jungen Erwachsenen mit Kindern erlaubt, Familie und Arbeit miteinander zu vereinbaren, und sie ermöglicht es älteren Frauen und Männern länger als bisher am Erwerbsleben teilzunehmen.

Zweitens: Erfolgreiches "aktives Altern" setzt früh im Lebenszyklus an. Die Grundlage für lebenslanges Lernen muss schon im Kindergarten mit der Entwicklung der Lernfähigkeit gelegt werden. Ohne diese Voraussetzung ist Bildungsarmut bereits programmiert. Möglichkeiten zu (Um-)Schulung und Weiterbildung müssen bereits in der mittleren Lebensphase angeboten werden, um den Erwartungshorizont zu erweitern, in dem Arbeitgeber und -nehmer die Früchte dieser Investitionen ernten sollen. Es gilt praktikable Wege der Finanzierung zu finden, mit denen das Problem der zeitlichen Inkongruenz gelöst werden kann und die dabei entstehenden Investitionsrisiken gerecht geteilt werden können.

Drittens: Frühe Intervention ist auch im Hinblick auf Erwerbsunterbrechungen erforderlich. Solche Diskontinuitäten betreffen immer noch vor allem Frauen und schlagen sich langfristig in Lohneinbußen, gefährdeten Berufskarrieren und niedrigen Beschäftigungsquoten im fortgeschrittenen Erwachsenenalter nieder. Arbeitsmarktpolitik für aktives Altern heißt vor diesem Hintergrund, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um den Menschen zu ermöglichen, in kritischen Phasen des Lebenslaufs die Verbindung zum Arbeitsmarkt aufrechtzuerhalten. In den meisten Ländern ist ein notwendiges oder erwünschtes Abweichen vom "Normalarbeitsverhältnis" immer noch ungenügend in der Sozialversicherung abgesichert. Beruflich etablierte Erwerbstätige schrecken daher entschieden davor zurück, riskante Übergänge vorzunehmen - wie etwa den Wechsel von Ganztags- zu Teilzeitbeschäftigung, von unselbständiger zu selbständiger Arbeit, von höher zu niedriger bezahlten Tätigkeiten oder von einer Arbeitsstelle zur anderen. Nicht nur die Arbeit selbst, sondern auch Übergänge in verschiedene Beschäftigungsverhältnisse müssen sich lohnen. Wir haben daher vorgeschlagen, die Arbeitslosenversicherung zu einer Beschäftigungsversicherung auszuweiten. Elemente einer solchen Versicherung sind Lohnersatzleistungen bei Weiterbildung, Eltern- oder Pflegezeit, eine Absicherung der Löhne bei Arbeitsplatzmobilität, Unterstützung bei Aufbau und Sicherung langfristiger Arbeitszeitkonten und Lohnergänzungen oder Lohnkostenzuschüsse bei reduzierten Verdienstmöglichkeiten.

Für eine Politik aktiven Alterns genügt es nicht, nur einzelne Parameter zu manipulieren, etwa die Lohnkosten für ältere Arbeitnehmer durch entsprechende Zuschüsse zu senken. Der Überblick guter Praktiken in Europa zeigt, dass nur jene Länder nachhaltigen Erfolg aufweisen, die in der Lage waren, mehrere Politikfelder zu integrieren und verschiedene politische Ebenen zu koordinieren.