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21.4.2008 | Von:
Ralph Conrads
Ernst Kistler
Thomas Staudinger

Alternde Belegschaften und Innovationskraft der Wirtschaft

Innovativ trotz Alterung?

Wie gut belegt ist die im Eingangszitat implizite enthaltene These von einer mit der demographischen Alterung (bzw. dem individuellen, biologischen Altern) automatisch verbundenen, abnehmenden Innovationskraft? Zunächst ist festzustellen, dass die empirische Unterfütterung dieser These offenbar äußerst dünn ist, so zum Beispiel, wenn der IfO-Ökonom Hans-Werner Sinn schreibt: "Auch die geistige und wirtschaftliche Dynamik Deutschlands wird erlahmen. Nach einer Untersuchung von Guilford aus dem Jahr 1967 erreichen Wissenschaftler im Durchschnitt aller Disziplinen im Alter von ca. 35 Jahre ein Maximum ihrer Leistungskraft."[7]

Schon ernster zu nehmen sind vielfältige Befunde aus der Umfrageforschung, die mehrheitlich belegen, dass Ältere - sowohl bezogen auf die Erwerbstätigen als auch auf die Gesamtbevölkerung - technischen Neuerungen etwas reservierter gegenüber stehen als Jüngere.[8] Von einer auch nur in Maßen verbreiteten "Technikfeindlichkeit" kann jedoch auch auf Basis dieser Untersuchungen bei den Älteren keinesfalls gesprochen werden.

Auf der anderen Seite finden sich in der Literatur auch, und zwar wesentlich mehr gegenteilige Befunde zum Stereotyp der innovationsaversen Älteren. In technologisch wichtigen Bereichen wie dem Maschinenbau und der Elektrotechnik, aber auch bei den Dienstleistungsbranchen hat etwa Klaus-Dieter Fröhner anhand mehrerer Fallstudien festgestellt: "Erstaunlicherweise sind die Innovationsträger älter als das durchschnittliche Alter der Mitarbeiter der Unternehmen."[9] Arbeitswissenschaftliche Befunde zeigen auch immer wieder, "dass zu den erlernbaren individuellen Voraussetzungen technischer Kreativität eine Kombination von konstruktionsmethodischem Können mit praktischer Entwurfserfahrung gehört".[10] Sprich: Neben dem methodischen Können ist also der auf einer gewissen Arbeitserfahrung und Experimentierfreiheit beruhende "Schematransfer" grundlegend für kreative Prozesse (und für später gewinnbringende Innovationen).[11] Hier können ein höheres (Arbeits-)Alter und die dabei erworbene Arbeitserfahrung ein entscheidender Vorteil sein! Als widerlegt kann inzwischen gelten, dass es bei älteren Erwerbstätigen zu einem automatischen Abbau der Leistungsfähigkeit kommen müsse (das so genannte Defizitmodell). Zwar verschieben sich die Leistungsparameter; aber weder in der Bilanz noch bei der Innovationsfähigkeit oder Produktivität ist eine Minderung zwingend! Auch das so genannte Kompetenzmodell, dass auf die Zuwächse altersspezifischer Stärken abstellt, ist keine Gesetzmäßigkeit. "Bei beiden Modellen handelt es sich jedoch um stereotypische Betrachtungsweisen. Beide verallgemeinern und blenden die Kontextabhängigkeit von Fähigkeiten aus. Es gibt den` älteren Arbeitnehmer oder die` ältere Arbeitnehmerin nicht."[12] Es hängt von individuellen und erwerbsbiographisch zu betrachtenden Faktoren, nämlich von den Arbeitsbedingungen ab, ob Betriebe oder auch ganze Volkswirtschaften unter der Maßgabe der Alterung innovativ sind und bleiben können.

Fußnoten

7.
Hans-Werner Sinn, Das demographische Defizit, in: Herwig Birg (Hrsg.), Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, Münster 2005, S. 64.
8.
Vgl. Ernst Kistler, Die MethusalemLüge. Wie mit demographischen Mythen Politik gemacht wird, München 2006, S. 97ff. - Dies betrifft sowohl den Aspekt von Innovationen im Betrieb als auch denjenigen des Gütermarkts, wo ja die Kundschaft auch älter wird.
9.
Klaus-Dieter Fröhner, Zusammenfassung, in: Christoph von Rothkirch (Hrsg.), Altern und Arbeit: Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft, Berlin 2000, S. 222.
10.
Winfried Hacker, Voraussetzungen technischer Kreativität, in: Stiftung Brandenburger Tor (Hrsg.), Bedingungen und Triebkräfte technologischer Innovationen. Beiträge der gemeinsamen Workshops der Stiftung Brandenburger Tor mit acatech in den Jahren 2006/2007, Berlin 2007, S. 313.
11.
Vgl. Christoph Hubig, Das neue Schaffen - Zur Ideengeschichte der Kreativität, in: Stiftung (Anm. 10).
12.
Martina Morschhäuser, Reife Leistung. Personal- und künftige Qualifizierungspolitik für die künftige Altersstruktur, Berlin 2006.