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14.4.2008 | Von:
Anthony D. Kauders

Die westdeutschen Juden und der Staat Israel

Aus Sorge um den Staat Israel errichteten einige Juden in der Bundesrepublik eine Gemeinschaft der Scham, um ihre Bindung an den jüdischen Staat auszudrücken.

Einleitung

In einer seiner unzähligen Satiren macht sich der aus Ungarn stammende israelische Humorist Ephraim Kishon über die Beziehung zwischen Juden in der Bundesrepublik und dem Staat Israel lustig. Obgleich Kishon es vermeidet, den Schauplatz zu benennen, entgeht dem aufmerksamen Leser nicht, dass seine Erzählung in einer jüdischen Gemeinde Westdeutschlands in der Zeit nach dem Sechstagekrieg (1967) spielt. Vor diesem Hintergrund wird die exemplarische Figur des Herrn Holzer eingeführt, ein Mitglied der Gemeinde, der als Gastgeber eines israelischen Autors in Erscheinung tritt. Herr Holzer ist mit dieser Aufgabe eindeutig überfordert, so dass ihm keine Zeit für diplomatische Feinheiten bleibt, die von der wichtigsten Botschaft, die er seinem Gast vermitteln möchte, ablenken würden - nämlich, dass Juden in Westdeutschland emotional, finanziell und auch sonst Israel verbunden bleiben. Er redet pausenlos auf seinen zweifellos ebenso überforderten Besucher ein: "Wir haben gehört, daß Sie ein Schriftsteller aus Israel sind, seien Sie willkommen, haben Sie schon zu Abend gegessen, ich kenne ein griechisches Restaurant, ich habe ein Kleidergeschäft, ich kam nach dem Krieg aus Polen hierher, der Spediteur Michael Holzer in Haifa ist mein Schwager, ich war schon dreizehnmal in Israel, wunderbar, räumen Sie nicht den Golan, alle Antisemiten sollen sich aufhängen, wir spenden jedes Jahr, diesen Blumenstrauß schickt unser Rabbiner."[1]




Diese Zeilen charakterisieren die Gefühle westdeutscher Juden gegenüber Israel in den ersten Jahrzehnten nach dem Holocaust. Sie enthüllen sowohl das schlechte Gewissen, das viele Juden in der Bundesrepublik quälte, als auch die Mittel, mit der viele dieser Juden ihre Schuldgefühle abzuschwächen suchten. Sicherlich lag die Bindung an Israel zu einem erheblichen Teil in anderen Faktoren wie religiösen Traditionen, dem Siegeszug des Zionismus in der Nachkriegszeit und persönlichen Verbindungen begründet. Dennoch waren die überall vorhandenen Schuldgefühle gegenüber Israel stark genug, die Art der Beziehung westdeutscher Juden zum israelischen Staat zu beeinflussen. Um welche Empfindungen handelt es sich?

Fußnoten

1.
Ephraim Kishon, Siehe, das Volk wird abgeschieden leben, in: Ideologie für den Hausgebrauch. Das Kamel im Nadelöhr, München-Wien 1985, S. 90f.