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18.3.2008 | Von:
Bernd Gehrke

Die 68er-Proteste in der DDR

In Bezug auf die DDR-Geschichte hat 1968 nicht wegen der west- oder ostdeutschen Generationenbildung historische Bedeutung erlangt, sondern als Jahr der ersten globalen Revolte gegen die Intervention der Sowjetunion in der ČSSR.

Einleitung

Im Gegensatz zu der bis in die Gegenwart reichenden politischen und emotionalen Aufladung der Debatten über die 68er-Revolte in Westdeutschland beschäftigt das Jahr 1968 die gesamtdeutsche Öffentlichkeit hinsichtlich der DDR fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der repressiven Ordnungspolitik der SED-Obrigkeit: ihrer Beteiligung an der Unterdrückung der Politik des Sozialismus mit menschlichem Antlitz seitens der tschechoslowakischen KP sowie der breiten Demokratiebewegung in der CSSR. Vergleicht man das Jahr 1968 in Bezug auf öffentlich gewordene innenpolitische Konflikte etwa mit dem Jahr der Biermann - Ausbürgerung 1976, dann muss 1968 tatsächlich als ein unscheinbares Jahr der DDR-Geschichte gelten.

Ausgangspunkt der folgenden Skizze zur DDR-Geschichte ist die Feststellung, dass das Jahr 1968 nicht etwa wegen einer west- oder ostdeutschen Generationenbildung historische Bedeutung erlangt hat, sondern als Jahr der ersten globalen Revolte, die sich von Südostasien über Lateinamerika, Afrika, über die USA sowie West-, Süd- und Mittelosteuropa bis nach Japan erstreckte.[1] Damit ist es zwingend, dass eine Fragestellung nach vergleichbaren Entwicklungen in der DDR trotz des Fehlens einer Revolte sich nicht in der Darstellung allgemeiner Entwicklungstendenzen erschöpfen kann, sondern explizit nach der Revolte, ihrem Potenzial im Konfliktverhalten und den Gründen ihres Ausbleibens fragen muss. Insofern, als die DDR sowohl Teil des sowjetischen Imperiums wie der geteilten deutschen Gesellschaft war, ist sie als doppelt geprägte Gesellschaft auch in Hinsicht auf die Bedeutung des Jahres 1968 von besonderem Interesse.

Da das Jahr 1968 auch in der DDR ein Jahr zahlreicher Proteste war, und diese weit überwiegend von der Jugend getragen waren, wird diese "Protest-Jugend" im Folgenden im Mittelpunkt stehen, allerdings die komplexe Problematik einer Generationsbildung ausgeblendet bleiben. Zudem wird sich diese Skizze auf die Proteste gegen die militärische Intervention der Sowjetunion und ihrer Verbündeten in der CSSR, deren Akteure sowie jene Ereignisse konzentrieren, die das Jahr 1968 zu einem äußerlich unscheinbaren, aber dennoch zu einem Schlüsseljahr für die Konfliktgeschichte der DDR werden ließen.

Fußnoten

1.
Vgl. Gerd-Rainer Horn/Bernd Gehrke, 1968 und die Arbeiter. Studien zum "proletarischen Mai in Europa", Hamburg 2007, S. 8 - 12.