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6.3.2008 | Von:
Baldo Blinkert
Thomas Klie

Soziale Ungleichheit und Pflege

Versorgungssituationen - Pflegearrangements

Der Anteil der zu Hause Versorgten liegt immer noch bei rund 70 Prozent, und von den helfenden Familienangehörigen nehmen nur rund zwei Drittel professionelle Hilfen in Anspruch. Das entspricht auch weitgehend den Präferenzen: Wenn wir nach der gewünschten Versorgung fragen, wird deutlich, dass die häusliche Versorgung immer noch als Idealform betrachtet wird. Ob sie das wirklich ist bzw. ob sie es immer ist, das ist eine andere Frage, aber häusliche Versorgung entspricht den Wünschen der meisten Menschen und wird ja auch in der Pflegeversicherung vorausgesetzt. Sehr fraglich ist jedoch, ob das auch in der Zukunft so sein wird und sein kann. In einem Simulationsprojekt haben wir für verschiedene Szenarien versucht, die künftige Entwicklung einzuschätzen.[2] Dabei ergab sich, dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen aufgrund des demographischen Wandels bis 2050 ungefähr auf das Doppelte zunehmen wird. Das für die häusliche Versorgung maßgebliche informelle Pflegepotential in der Gesellschaft wird sich jedoch deutlich verringern. Mit "informellem Pflegepotential" meinen wir die zur Versorgung ohne professionelle Hilfe abrufbaren gesellschaftlichen Ressourcen. Diese verändern sich durch den sich wandelnden Altersaufbau, durch eine sich verändernde (sicher zunehmende) Zahl von älteren Menschen, die allein leben, durch steigende Erwerbsquoten vor allem von Frauen und durch eine Abnahme der quantitativen Bedeutung jener sozialen Milieus, die eine starke Präferenz für die häusliche Pflege haben. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass sich die Schere immer weiter öffnet (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version).

Wie diese Veränderungen sich auf Pflegearrangements auswirken könnten, zeigt Abbildung 2 (vgl. PDF-Version): Die Zahl der in Heimen Versorgten könnte um einen Faktor 4 bis 5 steigen.[3]

Das ungefähr ist die erwartbare Entwicklung. Aber das hat noch nicht viel mit einer sozialen Verteilung von Versorgungschancen zu tun. Denn es wäre ja denkbar, dass alle in der gleichen Weise von dieser Entwicklung betroffen sind.

Fußnoten

2.
Vgl. Baldo Blinkert/Thomas Klie, Zukünftige Entwicklung des Verhältnisses von professioneller und häuslicher Pflege bei differierenden Arrangements und privaten Ressourcen bis zum Jahr 2050. Expertise im Auftrag der Enquéte-Kommission Demographischer Wandel des Deutschen Bundestages, hekt. Man., Berlin-Freiburg 2001.
3.
Annahmen für das Szenario 3: Steigende Erwerbsquoten vor allem für Frauen und in den höheren Altersgruppen; sinkender Anteil von älteren Menschen, die mit jemandem zusammenleben; Bevölkerungsentwicklung gemäß Variante "1-W-1" der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausrechnung; derzeitige altersspezifische Prävalenzraten für Pflegebedürftigkeit.