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28.2.2008 | Von:
Oliver Hahn

Arabische Öffentlichkeit und Satellitenrundfunk

Es sind strukturelle Veränderungen in der arabischen und globalen Medienlandschaft im Bereich des Satellitenrundfunks zu verzeichnen. Ist das Öffentlichkeitskonzept von Habermas transkulturell anwendbar?

Einleitung

Seit den Selbstmordanschlägen vom 11.September 2001 und den nachfolgenden Kriegen gegen Afghanistan und den Irak unter Führung der USA ist ein Strukturwandel in der Krisenkommunikation der global vernetzten Medien erkennbar. Vor allem imSatellitenrundfunk treten in den arabischen Märkten neben westlichen Marktführern wie die BBC und CNN lokale Wettbewerber, insbesondere Al-Jazeera, Al-Arabiya und Abu Dhabi TV auf. Seit der Irak-Invasion 2003 gelten die drei arabischen Satellitensender bei vielen westlichen Nachrichtenmedien als glaubwürdige externe Quellen. Dies zeigt sich am Umfang, in dem sie zitiert und ihr Bildmaterial verwendet werden, sowie anhand bestehender Kooperationsvereinbarungen mit westlichen Sendern. Diese Entwicklungen lassen darauf schließen, dass das globale Monopol der US- und europäischen Sender in der Berichterstattung über Konflikte im Nahen und Mittleren Osten aufgebrochen wird. Ein solcher Wandel kann erhebliche Auswirkungen auf die Öffentlichkeit in Fragen der internationalen Beziehungen haben.






Viele Beobachter haben versucht, Veränderungen in der globalen Nachrichtenfernsehlandschaft im Hinblick auf die Entstehung einer transnationalen bzw. transkulturellen Öffentlichkeit zu konzeptionalisieren.[1] Neue Medien in der muslimischen Welt, allen voran das Internet, werden als Motoren einer Öffentlichkeit dargestellt.[2] Eine zunehmende Zahl wissenschaftlicher Arbeiten zu Al-Jazeera beschäftigt sich ebenfalls mit Öffentlichkeitstheorien.[3] Konzeptionalisierungen dieser Art gehen davon aus, dass neben aktuellen strukturellen Veränderungen im weltweiten Medienmarkt die Kulturen des arabischen Nachrichtenjournalismus im Satellitenfernsehen ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung von Öffentlichkeit(en) in der arabischen Welt spielen. Dies setzt gleichzeitig voraus, dass Habermas' Öffentlichkeitsbegriff auf die in der arabischen Welt vorherrschende autoritäre Politik anwendbar bzw. direkt übertragbar ist.[4]

"Medienglokalisierung" und Öffentlichkeitskonzept

Nachrichtenfernsehsender, die weltweit sowohl in der westlichen als auch in der arabischen Welt agieren, versuchen jenseits der Grenzen ihrer eigenen Kultur- und Sprachgebiete neue Märkte und Zielgruppen zu erschließen. Dazu benutzen sie eine Strategie der "Glokalisierung": Um ihre dominante Marktstellung zu wahren, verbreiten sie Inhalte in anderen Sprachen als der ihres Heimatstandorts. Die BBC, CNN und Al-Jazeera verfolgen diese Strategie. So unterhält die BBC seit 1999 eine arabischsprachige Website, die 2003 neu gestaltet wurde. CNN folgte diesem Beispiel 2002. Al-Jazeera stellte zusätzlich zur bestehenden arabischen Website des Senders 2003 englische Seiten ins Netz. Der Sender machte allen voran seine Absicht deutlich, CNN und anderen Anstalten unmittelbar Konkurrenz zu machen, indem er 2006 einen englischsprachigen Satelliten-Nachrichtenfernsehsender - Al Jazeera English - startete. Im Jahr 2005 beschloss die BBC, einen arabischsprachigen Satelliten-Nachrichtenfernsehkanal ins Leben zu rufen. Dabei handelte es sich nicht um den ersten Vorstoß der BBC in den arabischsprachigen Nachrichtenfernsehmarkt. Bereits von 1994 bis 1996 hatte die britische Rundfunkanstalt einen arabischsprachigen Nachrichtenfernsehkanal produziert, der von der saudi-arabischen Mawarid Group finanziert wurde. Nach Unstimmigkeiten zwischen dem britischen Sender und dem arabischen Geldgeber hinsichtlich der redaktionellen Freiheit wurde der alte Sender BBC Arabic TV eingestellt. Verschiedenen Medienkritikern zufolge besteht die Gefahr, dass der neue arabischsprachige Fernsehsender der BBC als Kopie von Al-Hurra, dem vom US-Außenministerium finanzierten arabischsprachigen Satelliten-Nachrichtenfernsehkanal betrachtet wird.[5]

Daneben begann die Deutsche Welle (DW) 2002 ihre Fernsehprogramme mit arabischen Untertiteln zu versehen. Seit 2005 wird auf Arabisch gesendet. Gleichzeitig war Arabisch eine von sechs Pilotsprachen, in denen die Webseiten der DW ab Beginn 2005 gestaltet wurden. Zu erwähnen ist weiterhin, dass der französische Satelliten-Nachrichtenfernsehsender France24 seit 2007 auch auf Arabisch sendet. Russia Today (RTTV) lancierte ebenfalls 2007 einen arabischsprachigen Satelliten-Nachrichtenfernsehsender, Rusiya al-Yaum. Die Zuschauerperzeption und Bekanntheit der meisten dieser arabischsprachigen TV-Programme, vor allem europäischer Auslandsfernsehsender, ist unter jungen arabischen Akademikern und Multiplikatoren jedoch (noch) als äußerst gering einzustufen.[6]

Medienprojekte wie die obigen gehen davon aus, dass ein bestimmtes Maß an transnationaler bzw. transkultureller Öffentlichkeit möglich ist. Allerdings werfen Versuche, den Begriff der Öffentlichkeit kulturübergreifend anzuwenden, Fragen auf.[7] Wie Jürgen Habermas in seiner normativen, metatheoretischen Studie zum Strukturwandel der bürgerlichen Öffentlichkeit (eher westlich-demokratischer Ausprägung) darstellt, entsteht Öffentlichkeit durch dialogischen, kritisch-rationalen Diskurs.[8] Obgleich der mit Habermas' Ansatz assoziierte, häufig strapazierte Begriff eher charakteristisch für dieGeschichte und politische Entwicklung dreier europäischer Staaten - Großbritannien, Frankreich und Deutschland - ist, wird er heute in zunehmendem Maße abgewandelt in Diskussionen über den transnationalen Raum verwendet. Hans J. Kleinsteuber thematisiert anhand der Rezeptionsgeschichte von Habermas' Schrift die transkulturelle Wissenschaftskommunikation.[9] Habermas' Studie erschien 1962 erstmals auf Deutsch und wurde 1989 ins Englische übersetzt. Dennoch steht die vermeintlich transkulturelle Kommunikation vor einem zentralen Hindernis, denn es gibt in anderen europäischen Sprachen, deren Wortschatz sich auf Ableitungen vom lateinischen publicus beschränkt, übersetzungstechnisch kein Äquivalent für den deutschen Terminus "Öffentlichkeit", abgeleitet aus dem germanischen Wort offen. So wird "Öffentlichkeit" im Englischen als public sphere (bzw. im Französischen als sphère/espace public) übersetzt. Nach Peter U. Hohendahl ist dies ein "ausgesprochener Kunstbegriff".[10] Die Übersetzung public sphere führt dazu, dass dem Öffentlichkeitsbegriff eine räumliche Dimension zugefügt wird, die das Original nicht kennt.[11] Kleinsteuber schlägt daher vor, den Neologismus openicity als treffenderes Übersetzungsäquivalent für "Öffentlichkeit" zu prägen.[12]

Eine weitere Schwierigkeit, die der kulturübergreifenden Verwendung des Terminus innewohnt, ergibt sich aus der Rezeptionsgeschichte von Habermas' Werk im deutschen und außerdeutschen Kontext. In den ersten Jahren nach ihrer Veröffentlichung wurde die Originalschrift nur unter deutschsprachigen Philosophie- sowie Geistes- und Sozialwissenschaftlern ausführlich diskutiert - jedoch ohne nennenswertes internationales Feedback. In jüngster Zeit sind derartige Diskussionen in diesen Disziplinen fast gänzlich abgeebbt. Nach der Übersetzung ins Englische erlebte der so genannte Habermasian Approach (Habermas'sche Ansatz) allerdings in internationalen Wissenschaftskreisen eine Renaissance, die bis heute fortdauert. Im Ergebnis "hat die Rezeption längst ein Eigenleben begonnen".[13] So verknüpfen britische Kommunikationswissenschaftler Diskussionen über eine florierende Öffentlichkeit mit Argumenten für eine (finanzielle) Stärkung des öffentlichen Rundfunks.[14] Gleichzeitig diskutieren anglophone Wissenschaftler die Fähigkeit der Medien, Öffentlichkeit zu vermitteln.[15] Jenseits der Grenzen Deutschlands werden die Möglichkeiten der Entstehung einer bzw. mehrerer europäischer Öffentlichkeiten intensiv debattiert.[16] In ähnlicher Weise gilt dies, wie dargestellt, auch für neue Medien in der arabischen Welt.[17]

Krisenkommunikation und interkulturelle Störfälle

Die bereits skizzierten, zum Teil direkten kreuzkontextuellen Transfers, Anwendungen und Adaptionen des (eher westlich-demokratischen) Öffentlichkeitskonzepts stellen eine theoretische Matrix dar, die an den sozialen Realitäten westlichen und arabischen Satellitenrundfunks überprüft werden muss. Trotz aller Tendenzen in Richtung "Glokalisierung" oder/und Globalisierung bleibt die Nachrichtengeographie des Satellitenrundfunks entscheidend in der Krisenkommunikation. Daher ist es aufschlussreich, die politisch-kulturellen Fundamente unterschiedlicher Konfliktperspektiven und ihres Einflusses auf die Nachrichtenselektion und -präsentation zu untersuchen.

In diesem Zusammenhang stellt der damalige Chefredakteur der libanesischen Tageszeitung "The Daily Star", Rami Khoury, die Hypothese auf: "Die elektronischen Massenmedien sind der einzige Sektor, in dem ein Kräftegleichgewicht zwischen USA und arabischer Welt besteht."[18] Diese Kräftebalance resultiere aus einer Art Wettrüsten zwischen den modernen, global vernetzten arabischen und westlichen Medienwelten, die beide ihre Satelliten-Nachrichtenfernsehsender gleichsam als Massenkommunikationswaffen regelmäßig mobilisieren. Jede Seite stellt ihre jeweils eigene Perspektive der Konflikte im Nahen und Mittleren Osten vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen politisch-kulturellen Prägung dar. Statt mit ihren deutlich voneinander abweichenden Standpunkten hinter dem Berg zu halten, nutzen beide Seiten diese zur Selbstdarstellung. So umwarb Al-Jazeera beispielsweise seine Zuschauer während des Irakkriegs 2003 mit Versprechen, über die von US-Bomben getroffenen Ziele zu berichten, und warf CNN vor, lediglich das Flugzeug zu zeigen, von dem aus die amerikanischen Streitkräfte Bomben abwarfen. "Der Konkurrenzkampf um Einschaltquoten kommerzialisiert die Opferperspektive und dämonisiert Täter-Televisionen."[19] Im Ergebnis liefern sich arabische und westliche Satelliten-Nachrichtenfernsehsender einen "kalten Medienkrieg".[20] Einerseits sind beide Seiten in ihren eigenen (politischen) Kulturen, gesellschaftlichen Werten und Kommunikationssystemen verhaftet, die sie mit ihrer jeweiligen Zielgruppe teilen. Andererseits prägen beide diese Kulturen, Werte und Kommunikationssysteme.

Um eine von Medien aus fremdkulturellen und -sprachlichen Systemen und Kontexten verbreitete Information zu senden und zu empfangen, zu erklären und zu verstehen, bedarf es der genauen Kenntnis dieser Systeme und Kontexte. Nach frühen anthropologischen Erkenntnissen über interkulturelle Kommunikation unterscheiden sich Kulturen weltweit in der Regel durch ihre Kommunikationssysteme.[21] Daher ist jede Information im Rahmen der interpersonellen als auch der Massenkommunikation kulturell geprägt und kodiert. Keine Information ist per se eindeutig. Sie erhält erst in ihrem kulturellen Kontext Bedeutung. Folglich kann ein und dieselbe Information in unterschiedlichen kulturellen Kontexten unterschiedliche Bedeutung haben. Heutige arabische und westliche Satelliten-Nachrichtenfernsehsender operieren nicht in hermetisch abgeriegelten Räumen, sondern in den jeweiligen politisch-kulturellen Kontexten und Kommunikationssystemen ihrer Publika. Aus diesem Grund können die Perspektiven der Konfliktberichterstattung extrem voneinander abweichen. Die von beiden Seiten geforderte journalistische Objektivität kann nur vor dem Hintergrund der jeweiligen politisch-kulturellen Kontexte bewertet werden.

Mohammed el-Nawawy und Adel Iskandar haben darauf hingewiesen, dass Nachrichtenwerte und Selektionskriterien von "Kontextobjektivität" geprägt sind.[22] Sie illustrieren ihre kontroverse Theorie anhand des Minotaurus, der griechischen Sagengestalt mit menschlichem Körper und dem Kopf eines Stiers: "Kontextobjektivität reflektiert das Instinktive und das Rationale, das Relativistische und das Positivistische."[23] Sie stelle einen Versuch dar, die eklektisch diskursiven und epistemologischen Spannungen zwischen dem Relativismus des Nachrichtenempfängers und dem empirischen Positivismus des Nachrichtensenders zu artikulieren und zu erfassen.[24]

Das Aufeinandertreffen verschiedener Standpunkte oder Kontextobjektivitäten von Vertretern verschiedener Medien- oder Journalismuskulturen kann interkulturelle Störfälle verursachen. Ein Beispiel dafür war Anfang 2006 der Streit um die Entscheidung einiger europäischer Medien, trotz der in den Medien arabischer Länder artikulierten heftigen Empörung die z. T. beleidigenden Mohammed-Karikaturen abzudrucken, die zunächst von der dänischen Tageszeitung "Jyllands-Posten" veröffentlicht worden waren. Während viele europäische Medien sich der Verurteilung vermeintlicher theokratischer Zensur anschlossen, benutzten die meisten arabischen Nachrichtensprecher in Bezug auf die Kontroverse Formulierungen wie al-nabi al-karim ("der verehrte Prophet").[25]

Verständnisschwierigkeiten ergeben sich auch aus der Verwendung nicht exakter Übersetzungsäquivalente. So haben zahlreiche arabische Medien in der Vergangenheit für palästinensische Selbstmordattentäter in Israel dasselbe Wort wie für die Opfer gewaltsamer Konflikte benutzt, das vom Verb "bezeugen" abgeleitet ist, aber auch "hingeschieden" bedeutet. Allerdings wird es oft auch mit "Märtyrer" übersetzt - ein Terminus, der im Westen häufig als Parteinahme für die Sache der Palästinenser verstanden wird. Ebenso übernehmen westliche Nachrichtensender vom Militär geprägte Euphemismen, wenn es um den arabisch-israelischen Konflikt geht. So sprechen sie von den Einsätzen der israelischen Armee gegen vermeintliche palästinensische Attentäter als "gezielte Tötungen", statt diese korrekter als "Morde" zu bezeichnen. Diese Beispiele verdeutlichen, dass interkulturelle Störfälle aus internationalen kulturellen und politischen Machtverhältnissen und ihren Folgen für die Kommunikation resultieren.[26]

Öffentliche Diplomatie und Mediendiplomatie

Arabische und westliche Satelliten-Nachrichtenfernsehsender halten sich oft gegenseitig vor, sich von ihren jeweiligen Regierungen bei der Programmgestaltung instrumentalisieren und manipulieren zu lassen. Sowohl demokratische als auch nichtdemokratische Systeme sind weltweit in der Lage, Desinformation zu produzieren und zu verbreiten. Politisch motivierte Kommunikation zielt auf die Steuerung von Informationen, Nachrichten oder Sichtweisen. Strategien politisch motivierter Kommunikation werden durch das Konzept der politischen Diplomatie beschrieben, die seit ihrer Einführung in den USA Mitte der 1960er Jahre mehrere Washingtoner Regierungen eingesetzt haben, um zu unterstreichen, was nach ihrem Dafürhalten die vermeintliche Überlegenheit des westlichen Kapitalismus über den östlichen Kommunismus ausmachte.

Nach den Anschlägen vom 11. September wurde das Konzept der öffentlichen Diplomatie reformiert. Verfügbare Mittel wurden aufgestockt, neue Institutionen gegründet und besser ausgebildetes Fachpersonal eingestellt. Der 2002 von der US-Regierung vorgelegten nationalen Sicherheitsstrategie zufolge galt öffentliche Diplomatie als Massenkommunikationswaffe gegen den internationalen Terrorismus, die auf einen Antiamerikanismus abzielte, der in der arabischen Welt weit verbreitet sei. Auf der Grundlage ihrer Annahmen, es herrsche ein Mangel an präzisen und ausgewogenen Informationen über die USA und ihre Werte der Freiheit und Demokratie, haben politische Institutionen in Washington ungeheure Summen in die in ihren Augen nötige "Eroberung der Herzen und Köpfe der Menschen in der arabischen und muslimischen Welt" investiert. Ein entscheidendes Medium war dabei der internationale Satellitenrundfunk.[27]

Zwischen 2002 und 2004 gründete das Broadcasting Board of Governors (BBG) der USA drei auf arabische und muslimische Zielgruppen ausgerichtete spezielle Medien. So wurde 2002 eine vormalige Abteilung von Voice of America (VOA) ausgegliedert, um Radio Sawa aufzubauen, das auf Arabischsprechende unter 30 Jahren zielt und eine Mischung aus englischsprachiger und arabischer Popmusik sowie Nachrichten im westlichen Format sendet. Das BBG verwendete die Formel der Pop-Propaganda im selben Jahr erneut und rief Radio Farda ins Leben, um junge Hörer in der persischsprachigen Welt zu erreichen. Im Jahr 2004 hob das BBG mit vom Kongress genehmigten Mitteln einen Satelliten-Fernsehsender namens Al-Hurra aus der Taufe, der hauptsächlich Nachrichten, jedoch auch Diskussionssendungen und Unterhaltung bietet. Präsident George W. Bush forderte, Al-Hurra solle als Gegengewicht zu Al-Jazeera dienen.[28] Allerdings betrachten nur wenige arabische Zuschauer und Journalisten Al-Hurra als zuverlässige Informationsquelle.

Insbesondere in Zeiten akuter Krisen sind arabische und westliche Satelliten-Nachrichtenfernsehsender bereit, ihre Programme für staatliche PR zu öffnen, die sie offenbar als valide journalistische Quelle betrachten. Mohammed el-Nawawy und Leo A. Gher empfehlen hochrangigen Politikern, solche Möglichkeiten der öffentlichen Diplomatie zu nutzen, um in Fernsehprogrammen der anderen Konfliktpartei aufzutreten, und bezeichnen diese Kommunikationsstrategie als "Mediendiplomatie".[29] Dabei handelt es sich um eine Paraphrasierung von Eytan Gilboas Begriff der "Telediplomatie", die die Nutzung von "Massenmedien als Mittel zur Kommunikation mit staatlichen und nicht staatlichen Akteuren (vorsieht), um Vertrauen zu bilden und Verhandlungen voranzutreiben sowie um öffentliche Unterstützung für Vereinbarungen zu mobilisieren".[30] Eine solche Strategie kann allerdings auch kontraproduktiv wirken, denn vor allem in akuten Krisen sind arabische und westliche Satelliten-Nachrichtenfernsehsender eher anfällig für vorauseilenden Gehorsam gegenüber politischen Entscheidungen ihrer Regierungen. In solchem Fall spielen die Medien nach Kai Hafez die Rolle einer "Co-Konfliktpartei" bzw. einer "Dritt-Konfliktpartei", wobei Letzteres lediglich das kommerzielle Interesse an der Konfliktberichterstattung widerspiegelt.[31] In solchen Momenten scheint die Selbstzensur der Medien oft wirksamer als staatliche Zensur.

Dieses Phänomen wird durch beiderseitige Verständnisschwierigkeiten von Begriffen wie "öffentlich" und "öffentliche Meinung" verstärkt. Im Rahmen der Diskussion interkultureller Missverständnisse bei der Übersetzung solcher Wörter oder Wendungen argumentiert Mohamed Zayani, dass selbst das Wort "Zensur" im Arabischen andere Konnotationen hat als in westlichen Sprachen, da in der arabischen Gesellschaft "Zensur aus einem Gefühl entspringt, (...) Informationen seien gefährlich und müssten überwacht und kontrolliert werden".[32] Nach Auffassung von Zayani könne die Rolle der Medien in der arabischen Welt nicht primär als "öffentlich" beschrieben werden, weil selbst existenzfähige Kanäle, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, kein Bottom-up-Phänomen, sondern eine Top-down-Entwicklung seien, die staatlich geschaffen und finanziert werden.[33] Darüber hinaus führt er an, dass "Diskussionen über Politik und Alltagsleben zwar ein wesentlicher Bestandteil des Lebens der Menschen im Mittleren Osten sind, aber man erwartet, dass diese unverfänglich sind, wenn sie in den Massenmedien erscheinen - unter diesen informellen Restriktionen arbeiten die Massenmedien in der arabischen Welt."[34] Zayani geht sogar davon aus, dass "das ganze Konzept der öffentlichen Meinung der Region fremd ist. Sowohl kulturell als auch linguistisch ist das Wort öffentliche Meinung' eine Fehlbezeichnung; gebräuchlicher ist der Begriff arabische Massen' bzw. wortwörtlich übersetzt die arabische Straße'."[35]

Fazit und Ausblick

Anhand der in diesem Beitrag dargelegten redaktionellen und journalistischen Praktiken stellt sich grundsätzlich die Frage, ob Habermas' Öffentlichkeitsbegriff und der damit einhergehende, für alle offene, dialogische, kritisch-rationale Diskurs auf die Krisenkommunikation, einschließlich in die und aus der arabischen Welt, anwendbar ist. El-Nawawy und Gher vertreten die Auffassung, dass eine solche Übertragbarkeit gegeben sei.[36] Dagegen gibt es Belege dafür, dass viele Sendungen für die und aus der arabischen Welt die Entstehung eines kritisch-rationalen Dialogs eher behindern, statt ihn zu fördern.

Abschließend lässt sich feststellen, dass Heterogenität bislang offensichtlich das wichtigste Merkmal der globalen Medienlandschaft und damit auch der pan-arabischen Medien ist. Zayani sieht eine Verbindung zwischen Heterogenität und Transparenz und verweist auf die Notwendigkeit, ein "Transparenzmodell" für die Arbeitsweise arabischer Medien zu finden.[37] Medienstudien müssen allerdings auch erkennen, dass die Medien allein keine Öffentlichkeit(en) schaffen können.
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Fußnoten

1.
Dieser Beitrag basiert auf einer früheren Analyse des Autors: vgl. Cultures of TV News Journalism and Prospects for a Transcultural Public Sphere, in: Naomi Sakr (ed.), Arab Media and Political Renewal. Community, Legitimacy and Public Life, London-New York 2007, S. 13 - 27. Im Folgenden wurden die fremdsprachigen Zitate ins Deutsche übersetzt.

Vgl. Ingrid Volkmer, News in the Global Sphere. A Study of CNN and its Impact on Global Communication, Luton 1999.
2.
Vgl. Jon W. Anderson/Dale F. Eickelman (eds.), New Media in the Muslim World. The Emerging Public Sphere, Bloomington, IN 1999.
3.
Vgl. Mohammed el-Nawawy/Leo A. Gher, Al-Jazeera. Bridging the East-West Gap through Public Discourse and Media Diplomacy, in: Transnational Broadcasting Studies, 10 (2003), in: www.tbsjournal. com/Archives/Spring03/nawawy.html (28.1. 2008); vgl. auch Mohamed Zayani, Arab Satellite Television and Politics in the Middle East, Abu Dhabi 2004.
4.
Vgl. Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied 1962; engl.: The Structural Transformation of the Public Sphere. An inquiry into a Category of Bourgeois Society, Cambridge, MA 1989.
5.
Vgl. Christiane Buck, BBC gegen al-Dschasira. Der britische Sender soll für 50 Millionen Euro jährlich einen arabischsprachigen Fernsehkanal starten, in: Die Welt vom 22.10. 2005.
6.
Vgl. Oliver Hahn/Ibrahim Saleh, Sense-Making between Media Occident and Orient. Audience Perception of Arabic TV Services of International Satellite Broadcasters Deutsche Welle, France24, and Russia Today in Egypt. A Pilot Study by The Arab-European Media Observatory, (i.E.) 2008.
7.
Vgl. Colin Sparks, Is there a global public sphere?, in: Daya K. Thussu (ed.), Electronic Empires. Global Media and Local Resistance, London 1998, S. 108 - 124.
8.
Vgl. J. Habermas (Anm. 4).
9.
Vgl. Hans J. Kleinsteuber, Strukturwandel der europäischen Öffentlichkeit? Der Öffentlichkeitsbegriff von Jürgen Habermas und die European Public Sphere, in: Lutz M. Hagen (Hrsg.), Europäische Union und mediale Öffentlichkeit. Theoretische Perspektiven und empirische Befunde zur Rolle der Medien im europäischen Einigungsprozess, Köln 2004, S. 29 - 46.
10.
Peter U. Hohendahl (Hrsg.), Öffentlichkeit. Geschichte eines kritischen Begriffs, Stuttgart 2000, S. 1.
11.
Vgl. Tatsuro Hanada, Toward a politics of the public sphere, in: ders. (ed.), The public sphere and communication policy in Japan and the UK, in: Review of Media, Information and Society, 4 (1999), S. 115 - 134.
12.
H. Kleinsteuber (Anm. 9), S. 34.
13.
Ebd., S. 33.
14.
Vgl. Nicholas Garnham, The media and the public sphere, in: ders. (ed.), Capitalism and Communication. Global Culture and the Economics of Information, London 1990 (Orig. 1986), S. 104 - 114; ders., The media and the public sphere, in: Craig Calhoun (ed.), Habermas and the Public Sphere, Cambridge, MA 1992, S. 359 - 376.
15.
Vgl. Craig Calhoun, Introduction. Habermas and the public sphere, in: ders. (ebd.), S. 1 - 48; Peter Golding, The mass media and the public sphere. The crisis of information in the "information society", in: Stephen Edgall/Sandra Walklate/Gareth Williams (eds.), Debating the Future of the Public Sphere. Transforming the Public and Private Domains in Free Market Societies, Aldershot 1995, S. 25 - 40.
16.
Vgl. Risto Kunelius/Colin Sparks (eds.), The European Public Sphere. Dreams and Realities, Javnost/The Public, 8 (2001) 1.
17.
Vgl. J. W. Anderson/D. F. Eickelman (Anm. 2).
18.
Zit. nach Andrea Nüsse, Die Massenmedien als Kriegswaffen. Tagung in Beirut zu den Arbeitsbedingungen von Journalisten im arabischen Raum, in: Stuttgarter Zeitung vom 11.5. 2004, S. 27.
19.
Oliver Hahn, Die tiefen Gräben der globalen Medienwelt. Interkulturelle Medienkompetenz, Krisenkommunikation und der Kampf um regionale und lokale Absatzmärkte, in: Frankfurter Rundschau vom 9.12. 2003, S. 9.
20.
Rainer Hermann, Den Amerikanern ebenbürtig. Aber die arabische Kritik an Al Dschazira hat in letzter Zeit zugenommen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 7.5. 2004, S. 10.
21.
Vgl. Edward T. Hall, The Silent Language, New York 1959; ders., The Hidden Dimension, New York 1966; ders., Beyond Culture, New York 1976.
22.
Mohammed el-Nawawy/Adel Iskandar, Al-Jazeera. How the Free Arab News Network Scooped the World and Changed the Middle East, Boulder, CO 2002, S. 27, S. 54, S. 202.
23.
Mohammed el-Nawawy/Adel Iskandar, The Minotaur of "Contextual Objectivity". War coverage and the pursuit of accuracy with appeal, in: Transnational Broadcasting Studies, 9 (2002), in: www.tbsjournal. com/Archives/Fall02/Iskandar.html (28.1. 2008).
24.
Vgl. ebd.
25.
Vgl. Risto Kunelius/Elisabeth Eide/Oliver Hahn/Roland Schroeder (eds.), Reading the Mohammed Cartoons Controversy. An International Analysis of Press Discourses on Free Speech and Political Spin, Bochum-Freiburg 2007.
26.
Vgl. Heike Bartholy, Barrieren in der interkulturellen Kommunikation, in: Horst Reimann (Hrsg.), Transkulturelle Kommunikation and Weltgesellschaft. Zur Theorie and Pragmatik globaler Interaktion, Opladen 1992, S. 174 - 191.
27.
Vgl. Thomas Rid, Die Öffentlichkeitsarbeit der USA im Mittleren Osten. Amerikanische "Public Diplomacy" als Waffe in Kriegszeiten?, in: Stiftung Wissenschaft and Politik-Aktuell, 16 (2003) April, in: www4.swp-berlin.org/common/get_document.php?id =121 (30.1. 2004).
28.
Vgl. R. S. Zaharna, Al Jazeera and American public diplomacy. A dance of intercultural (mis-)communication, in: Mohamed Zayani (ed.), The Al Jazeera Phenomenon. Critical Perspectives on New Arab Media, London 2005, S. 183 - 202.
29.
M. el-Nawawy/L. A. Gher (Anm. 3).
30.
Eytan Gilboa, Mass communication and diplomacy. A theoretical framework, in: Communication Theory, 10 (2000) 3, S. 295.
31.
Kai Hafez, Die politische Dimension der Auslandsberichterstattung. Theoretische Grundlagen (Bd.I), Baden-Baden 2002, S. 157 - 163.
32.
M. Zayani (Anm. 3), S. 24.
33.
Vgl. ebd., S. 24, S. 27.
34.
Ebd., S. 38.
35.
Ebd., S. 25.
36.
Vgl. M. el-Nawawy/L. A. Gher (Anm. 3).
37.
M. Zayani (Anm. 3), S. 38.