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14.2.2008 | Von:
Belwe, Katharina

Editorial

Mit dem Begriff des Bürgerlichen scheint sich mehr als nur die schmale Schicht eines Bürgertums zu verbinden, das ohnehin nicht mehr sicher identifizierbar ist.

Bürger, Bürgertum und Bürgerlichkeit sind in der Vergangenheit ausgesprochen konträr bewertet worden: hochgeschätzt und abgelehnt, respektiert und verachtet, gelobt und gehasst. Heute dominiert eine eher positive Sichtweise. Mit dem Begriff des Bürgerlichen scheint sich zudem mehr als nur die schmale Schicht eines Bürgertums zu verbinden. Eine wiederaufkommende "Bürgerliche Kultur" gilt manchen als das letzte noch mögliche Identifikationsmerkmal dieser sozialstrukturellen Gruppierung. Andere sehen darin die Fortsetzung einer längeren Geschichte von Bürgertum und Bürgerlichkeit, wobei es in beiden deutschen Teilstaaten nach 1945 unterschiedliche Startbedingungen und eine konträre Entwicklung gegeben habe.

Soziologen schlagen zur Beschreibung und Aufklärung der gegenwärtigen Gesellschaft den Terminus "Bürgerliche Gesellschaft" vor, unter dessen Dach sich die in den Sozialwissenschaften heute nebeneinander existierenden Gesellschaftskonzepte versammeln könnten. Diese reichen von "Risiko-" über "Erlebnisgesellschaft", "Postmoderne", "Informations- und Wissensgesellschaft", "Medien-",
"Massen-", "Konsum-", "Beschleunigungs-", "Ironie-" sowie "Verantwortungsgesellschaft" bis zur "Zweiten bzw. Reflexiven Moderne". Verschiedene Ebenen könnten auf diese Weise miteinander verklammert werden: die "bürgerliche Gesellschaft" als Systembegriff, das "Bürgertum" im Sinne der Akteure oder Akteursgruppen und "Bürgerlichkeit" als eine Haltung.

Wenn etwa Bürger zu Stiftern werden, drückt sich darin soziales oder politisches Handeln, eine Haltung aus. Sie sind damit zugleich Akteure in der bürgerlichen Gesellschaft oder der Bürgergesellschaft, die ohne Gemeinsinn und bürgerliche Tugenden nicht funktionieren würde.