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14.2.2008 | Von:
Jürgen Kocka

Bürger und Bürgerlichkeit im Wandel

Die Begriffe "Bürger" und "bürgerlich" oszillieren im Deutschen zwischen bourgeois und citizen. Der Beitrag zeichnet den Zusammenhang zwischen beiden Begriffen nach, arbeitet deutsche Besonderheiten heraus und erörtert die Gegenwart in historischer Perspektive.

Einleitung

Christian Garve, der Breslauer Philosoph und Übersetzer, schrieb 1792: Das Wort "Bürger" "hat im Deutschen mehr Würde als das französische bourgeois ..., und zwar deswegen hat es mehr, weil es bei uns zwei Sachen zugleich bezeichnet, die im Französischen zwei verschiedene Benennungen (haben). Es heißt einmal ein jedes Mitglied einer bürgerlichen Gesellschaft - das ist das französische citoyen -, es bedeutet zum anderen den unadligen Stadteinwohner, der von einem gewissen Gewerbe lebt - und das ist bourgeois"[1]. Im Grunde gilt dies bis heute: Mit "Bürger" und "bürgerlich" bezeichnet man im Deutschen einerseits die Angehörigen einer schmalen Schicht oder Klasse und ihre Eigenschaften (bourgeoisie, middle class), andererseits die Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, das heißt alle Personen, insofern und insoweit sie mit Rechten und Pflichten einem Gemeinwesen angehören (citoyens/citoyennes, citizens).






Damit hängt zusammen, dass Bürger und Bürgertum sehr unterschiedlich bewertet worden sind - zwischen Ablehnung und Hochschätzung, Verachtung und Respekt, Hass und Lob. Die aristokratische Kritik des frühen 19. Jahrhunderts hielt die Bürger für borniert und mittelmäßig. Die sozialistische Arbeiterbewegung polemisierte gegen bürgerlichen Klassenegoismus, bürgerliche Ausbeutung und bürgerlichen Standesdünkel. Die Jugendbewegung zu Anfang des 20. Jahrhunderts wandte sich gegen bürgerliche Konventionen und bürgerliche Heuchelei. Die Faschisten verachteten den bürgerlichen Individualismus und den bürgerlichen Rechtsstaat. Auch die kommunistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts haben das Bürgertum und seine Kultur bekämpft. Die marxistischen Studenten und Intellektuellen, die 1968 in Berkeley, Paris und Berlin protestierten, gaben ihrer Verachtung für alles Bürgerliche unmissverständlich Ausdruck - bis hin zum Spott über "bürgerliche Liebe", "bürgerliche Wissenschaft" und "bürgerliche Kunst".

Umgekehrt schrieb der liberale Historiker Theodor Mommsen 1899 im Rückblick auf sein Leben: "(...) mit dem Besten, was in mir ist, bin ich stets ein animal politicum gewesen und wünschte, ein Bürger zu sein. Das ist nicht möglich in unserer Nation (...)."[2] Auch heute sind die Begriffe "bürgerlich" und "Bürger" oft positiv besetzt, so in "Bürgerrecht" und "Bürgergesellschaft". Die Idee der Bürgerlichkeit, schrieb der Philosoph Stephan Strasser, orientiert sich an dem Ziel der rationalen Gestaltung der menschlichen Geschichte durch mündige, diskutierende, friedlich konkurrierende Individuen und Gruppen, im Glauben an die Möglichkeit des Fortschritts.[3]


Ähnlich wie die Begriffe Bürger und Bürgertum schwankt der Begriff Bürgerlichkeit in der Geschichte. Er ist ein Sammelbegriff für die verschiedenen bürgerlichen Eigenschaften. Man assoziiert damit bürgerliche Kultur, und diese oszilliert, je nach dem Blickwinkel des Betrachters, zwischen partikularistischer Exklusivität einerseits und ausstrahlendem Universalismus andererseits. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ist in Deutschland und vielen anderen Ländern die Kritik an Bürgertum und Bürgerlichkeit zugunsten positiver Bewertungen von Bürgertum und Bürgerlichkeit weit zurückgetreten. Manche sprechen von einer Renaissance der Bürgerlichkeit.

Fußnoten

1.
Christian Garve, Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral, der Literatur und dem gesellschaftlichen Leben, Bd. 1, Breslau 1792, S. 302f.
2.
Theodor Mommsen, Testament vom 2. September 1899, zit. nach Alfred Heuss, Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert, Stuttgart 1956, S. 282; auch in Dolf Sternberger, "Ich wünschte ein Bürger zu sein", Frankfurt/M. 1970(2), S. 11.
3.
Vgl. Stephan Strasser, Jenseits des Bürgerlichen. Ethisch-politische Meditationen für diese Zeit, Freiburg-München 1982.