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14.2.2008 | Von:
Manuel Frey

Stiftungen in der Bürgergesellschaft

Viele Stiftungen haben Ihre Wurzeln in der Bürgergesellschaft des 19. Jahrhunderts. Angesichts neuer Herausforderungen in Politik und Gesellschaft könnte es ein entscheidender Vorteil sein, diese historischen Grundlagen des eigenen Handels zu reflektieren.

Einleitung

Stiftungen sind Ausdruck der jeweiligen sozialen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen einer Epoche. Für das bürgerliche 19. und 20. Jahrhundert und - mit Einschränkungen auch heute - heißt das: Stifter sind exemplarische Bürger, Stiftungen sind Institutionen der Bürgergesellschaft. Das Stiften als Form des sozialen Handels verweist darüber hinaus auf eine Grundform des menschlichen Zusammenlebens. Unter dem Stichwort "Erlebte Fabel" beschäftigt sich Hans Blumenberg in seinen 1998 erschienenen Glossen zu Theodor Fontane mit einer Episode aus einem Brief des Dichters an seine Tochter Martha vom 9. August 1891:






"Ein großer Nachtfalter hatte gestern Abend Schutz in meiner Stube gesucht und ich hielt es für meine Pflicht, ihm diesen Schutz zu gewähren. Heute früh saß er noch an derselben Teppichstelle, zwei Schritte von der geöffneten Balkontür. Ich nahm mein Frühstück und beschloss dem etwas unheimlichen Tier auch Tagesquartier zu bewilligen; ich erschien mir wie ausersehen, ihn zu retten. Mit einem Male kam auch ein Sperling ins Zimmer, frech wie immer und ich machte schon Miene ihn durch ein Stückchen Semmel abzulohnen, als er, seine Marschlinie rasch ändernd, auf meinen Schützling zuhüpfte, ihn aufpiekte und davon flog." Dem Abgang des Sperlings folgt die ebenso lakonische wie ironische Feststellung Fontanes: "Es ist mit den Rettungsversuchen oft so."[1]

Der Fontane-Interpret Blumenberg schließt daraus, dass es durchaus gefährlich sein könne, Gunst und Schutz zu gewähren, und das gerade für den, der beides genießen soll. Der 1996 gestorbene Philosoph, zu dessen Methode es gehörte, in Geschichten zu denken, bezieht die Moral aus der Geschichte ausdrücklich auf das Bürgertum als soziale Gruppe: "Übertölpelt und ausgetrickst sieht der frühstückende Bürgersmann zu, wie das Leben ihm unter der hilfsbereiten Hand seinen Streich spielt."[2]

Fußnoten

1.
Theodor Fontane, Gesammelte Werke, Zweite Serie, Bd. VII, Briefe an seine Familie, Berlin 1905, S. 261.
2.
Hans Blumenberg, Vor allem Fontane. Glossen zu einem Klassiker, Frankfurt/M. 2002(2), S. 169.