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6.2.2008 | Von:
Heribert Dieter

Der IWF auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?

Der IWF befindet sich in der schwersten Krise seit seiner Gründung. Die Finanzkrise schwächt den Fonds weiter. Ein weiteres Problem betrifft den großen Einfluss der alten Industrieländer.

Einleitung

Um den Internationalen Währungsfonds (IWF) ist es in den letzten Jahren ruhig geworden. Anders als zu Zeiten der Asienkrise in den Jahren 1997 und 1998 oder des Zusammenbruchs der argentinischen Wirtschaft im Jahr 2002 muss der Fonds gegenwärtig keine schweren Turbulenzen bewältigen. Die letzte größere Krise eines Entwicklungs- oder Schwellenlandes liegt bereits sechs Jahre zurück. Die Debatte über die künftige Arbeit des Fonds beschäftigte sich seitdem mit wenig kontroversen Themen wie etwa der Verbesserung der Finanzmarktaufsicht. Problematische Fragen wurden vernachlässigt: Weder bei der Krisenvorsorge noch beim wesentlich bedeutenderen Krisenmanagement hat der IWF bislang überzeugende neue Konzepte vorgestellt. Die aktuelle Finanzkrise in den USA verschärft nun den Druck auf den Fonds. Zwar ist der IWF nicht unmittelbar in die Bewältigung der Krise eingebunden. Aber in den USA steht das Modell der Organisation nationaler Finanzmärkte, das der IWF über Jahrzehnte hinweg als modellhaft gepriesen hat, auf dem Prüfstand.






Der IWF und sein seit dem 1. November 2007 amtierender neuer geschäftsführender Direktor Dominique Strauss-Kahn stehen also unter Druck. Im Jahr 2007 wurde indes vor allem über die Frage diskutiert, wer der Nachfolger des bisherigen geschäftsführenden Direktors, Rodrigo Rato, werden sollte. Eine nennenswerte Debatte über die Politik des IWF war hingegen nicht zu verzeichnen. Dabei gibt es viele Gründe, die Zukunft des Internationalen Währungsfonds zu diskutieren. Der wichtigste ist: Dem Fonds laufen die Kunden weg. Zwei wichtige, in den 1990er Jahren noch stark vom IWF beeinflusste Regionen, Ostasien und Lateinamerika, haben sich inzwischen von ihm abgewendet. Da eine tief greifende Reform des Fonds, zum Beispiel eine deutliche Stärkung der Stimmrechte der Entwicklungs- und Schwellenländer oder eine grundsätzliche Änderung der Kreditvergabe, nicht erfolgt, entwickeln beide Regionen - auf sehr unterschiedliche Art und Weise - Methoden, um sich vom IWF zu emanzipieren.

Die Abwendung vieler Länder vom IWF hat sich bereits in dessen Bilanzen niedergeschlagen. Die Summe ausstehender Kredite ist von rund 98 Mrd. US-Dollar im Jahr 2003 auf nur noch etwa 18 Mrd. US-Dollar im März 2007 drastisch gefallen.[1] Diese Entwicklung führt nicht nur zu einem Bedeutungsverlust des IWF, sondern bereitet ihm handfeste Finanzierungsprobleme. Der Fonds bestreitet die Kosten für seinen Geschäftsbetrieb nicht etwa aus Beiträgen der Anteilseigner, sondern vorwiegend aus dem Zinsüberschuss, den er erwirtschaftet. Die Kreditnehmer des IWF finanzieren also den Apparat, und die dafür erforderlichen Mittel sind mit rund einer Mrd. US-Dollar pro Jahr nicht unerheblich. Falls es keine Veränderung bei den Neukrediten geben sollte, wird sich der IWF entweder verschulden, die Ausgaben senken oder von den Anteilseignern Zuschüsse zu den Verwaltungskosten verlangen müssen.

Betrachtet man die Zukunft des Fonds, fallen vor allem zwei ungelöste Probleme ins Auge: Erstens ist eine Reform der Stimmrechtsverteilung überfällig. Bislang ist der Fonds durch eine Asymmetrie gekennzeichnet: Die OECD-Länder, vor allem die USA, prägen die Politik des IWF, während die Auswirkungen dieser Politik vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer treffen. Zweitens war der IWF bislang nicht in der Lage, ein Konzept zur Bewältigung möglicher künftiger Finanzkrisen zu entwickeln, das die Regierungen in Entwicklungs- und Schwellenländern überzeugt. Der IWF muss daher, wenn er zentrale Bedeutung für die internationale Finanzarchitektur behalten will, seine Kreditvergabepolitik ändern. Versäumen der Fonds und die seine Politik prägenden Regierungen die Einleitung umfassender Reformen, wird sich der Trend zur Herausbildung alternativer Regulierungs- und Sicherungssysteme fortsetzen. Ohne eine globale Institution, die glaubwürdig respektiert und demokratisch angemessen legitimiert ist, werden Entwicklungs- und Schwellenländer den bereits begonnen Prozess der Emanzipation vom IWF fortsetzen.

Fußnoten

1.
Vgl. Barry Eichengreen, A Blueprint for IMF Reform: More than just a lender, in: International Finance, 10 (2007) 2, S. 155.