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6.2.2008 | Von:
Heribert Dieter

Der IWF auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?

Lateinamerika und der IWF

Auf ganz andere Weise hat Lateinamerika das Gewicht des IWF reduziert. Dort hatte der Fonds seit den 1980er Jahren ein ungewöhnlich hohes Maß an Einfluss auf die Wirtschaftspolitiken jener Länder ausgeübt, die im Zuge der Schuldenkrise auf den IWF und dessen Politikempfehlungen angewiesen waren. Ihnen gegenüber hatte der Fonds eine wirtschaftpolitische Linie durchgesetzt, die makroökonomische Stabilität in erster Linie mit Preisstabilität gleichsetzte, die Privatisierung von Staatsunternehmen förderte und die Liberalisierung des Kapitalverkehrs erzwang.

In Lateinamerika waren einige der Musterschüler des IWF zu finden, und diese wurden besonders enttäuscht. Argentinien etwa setzte nach 1991 sämtliche Empfehlungen des Fonds um - vom Wechselkursregime über die umfassende Privatisierung von Staatsunternehmen bis zur unilateralen Senkung der Außenzölle. Noch 1999 lobte der IWF die Wirtschaftspolitik des Landes in den höchsten Tönen. Zwei Jahre später brach das Kartenhaus zusammen, und Argentinien erlebte eine sehr schwere Wirtschaftskrise. Viele Lateinamerikaner haben daraus den Schluss gezogen, dass sie Risiken ausgesetzt waren, ohne dass entsprechende Erfolgschancen bestanden hätten.

Auf eindrückliche Weise wurde der anhaltende Groll über den IWF im argentinischen Wahlkampf des Jahres 2007 deutlich. In einem Wahlwerbespot von Christina Fernandez, der heutigen Präsidentin des Landes, werden spielende Kinder gefragt, was der IWF sei. Die Kinder geben unterschiedliche Antworten, die freilich alle falsch sind. Die Botschaft von Frau Fernandez: Sie werde dafür sorgen, dass diese Kinder nie lernen, was der Internationale Währungsfonds ist.[4] Selbst Dominique Strauss-Kahn räumte bei einer Argentinienreise im September 2007 die Fehler des IWF ein. Er stellte fest, dass viele Menschen in Argentinien glaubten, der IWF sei der Teufel, und diese Menschen hätten dafür gute Gründe.[5]

In welcher Weise distanzieren sich die Länder Lateinamerikas nun vom Fonds? Der IWF ist für sie in mehrfacher Hinsicht unbedeutender geworden. Erstens haben die wichtigen Schuldner des Fonds, Argentinien und Brasilien, ihre Verbindlichkeiten vorzeitig getilgt. Am 13. Dezember 2005 kündigte Brasiliens Finanzminister an, die Restschulden von 15,5 Mrd. US-Dollar vorzeitig zurückzuzahlen, zwei Tage später erklärte Argentiniens damaliger Präsident Kirchner, auch sein Land werde die Forderungen des IWF in Höhe von 9,8 Mrd. US-Dollar noch im Jahr 2005 tilgen. Damit haben sich beide Staaten relativ unabhängig von den Auflagen des IWF gemacht.

Zweitens haben lateinamerikanische Länder ebenfalls damit begonnen, einen regionalen Gläubiger der letzten Instanz zu entwickeln. Der Fondo Latinamericano de Reservas (FLAR) wird wesentlich von der venezolanischen Regierung gefördert. Wie in Ostasien sind die Bedingungen der Kreditvergabe im Krisenfall vergleichsweise unklar, aber hier wie dort sind die Anstrengungen, sich vom IWF zu emanzipieren, deutlich erkennbar.

Noch bedeutender ist indes, dass das Beispiel Argentinien zeigt, wie viel vorteilhafter sich eine nationale Ökonomie ohne den Einfluss des IWF zu entwickeln vermag. Seit dem Crash des Jahres 2002 ist die Wirtschaft des Landes spektakulär gewachsen, mit Wachstumsraten von ca. neun Prozent pro Jahr. Selbst im Jahr 2007 werden noch immer beachtliche 8,3 Prozent Wachstum des Bruttoinlandsproduktes erreicht werden. Die Exporte stiegen seit der Krise drastisch an, und Argentiniens Währungsreserven beliefen sich im Oktober 2007 auf immerhin 43 Mrd. US-Dollar. Überraschend ist, dass die Integration der argentinischen Wirtschaft in den Weltmarkt nach der Beendigung der Zusammenarbeit mit dem IWF stark zunahm. Während der Warenhandel im Jahr 2000 nur 18,1 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachte, hatte sich dieser Wert im Jahr 2006 mit 37,7 Prozent mehr als verdoppelt.[6] Im Jahr 2007 wird Argentinien sowohl in der Leistungsbilanz, in der Transaktionen mit dem Ausland erfasst werden, als auch im Staatshaushalt Überschüsse erwirtschaften.

Damit hat das zweitgrößte Land Lateinamerikas die Krise zwar noch nicht vollständig überwunden, aber die in Argentinien herrschende Einschätzung ist eindeutig: Die Empfehlungen des IWF führten das Land in eine schwere Krise. Ohne den Fonds können sich Wachstumskräfte besser entfalten. Die positiven Erfahrungen Argentiniens werden auch in anderen Entwicklungs- und Schwellenländern zur Kenntnis genommen.

Fußnoten

4.
Vgl. Richard Lapper/Jude Webber, No tears for the IMF as a feisty Argentina awaits its next Evita, in: Financial Times vom 26. 10. 2007, S. 9.
5.
Vgl. ebd., S. 9.
6.
Daten der Weltbank, http://devdata.worldbank.org/external/
CPProfile.asp?PTYPE=CP&CCODE=ARG (31. 12. 2007).