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18.1.2008 | Von:
Helke Rausch

Wie europäisch ist die kulturelle Amerikanisierung?

Die Amerikanisierung nach 1945 lässt sich in doppelter Hinsicht als europäisch bezeichnen. Kontext- und zeitbedingt unterschiedlich im Detail prägte sie erstens die unmittelbare Nachkriegskultur in ganz Westeuropa und wies sie zweitens ein beachtliches Maß an kreativer europäischer Beteiligung auf.

Einleitung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat sich Europa im machtpolitischen Koordinatensystem des Kalten Krieges unter historisch singulären Bedingungen entwickelt.[1] Bei dem Versuch, diese Dynamik einzufangen, scheut die historische Forschung mit guten Gründen davor zurück, nachträgliche Teleologien zu erfinden. Stattdessen will sie Perspektiven auf die europäische Geschichte seit 1945 eröffnen, die Ähnlichkeiten zwischen den europäischen Gesellschaften hervorhebt, ohne heterogene Entwicklungsverläufe zu verwischen.[2] Das historiografische Konzept der Amerikanisierung erscheint vor diesem Hintergrund als eine noch nicht systematisch ausgeschöpfte Möglichkeit, zumindest die westeuropäische Nachkriegsentwicklung perspektivisch zu bündeln und vergleichend zu erörtern.[3]




Zu einer solchen europäisch vergleichenden Geschichte der Amerikanisierung sollen die folgenden Überlegungen beitragen. Dazu werden thesenartig Einzelaspekte der kulturellen Amerikanisierung als das wohl symptomatischste Feld der USA-Kontakte mit der Bundesrepublik, Frankreich und Großbritannien besonders in den 1950er Jahren herausgegriffen. Exemplarisch soll gezeigt werden, dass sich die westeuropäischen Nachkriegsgesellschaften aktiv mit strategischen Eigeninteressen und geschickten Aneignungsstrategien an der Amerikanisierung beteiligt haben. Die transatlantischen Kontakte und Transfers auf den benachbarten Feldern von Politik und Wirtschaft, die eigentlich zum Panorama einer europäischen Amerikanisierungsgeschichte gehören, müssen hier ganz ausgeblendet bleiben.

Die rigorose Verpflanzung amerikanischer Wertmaßstäbe und Lebensformen nach Europa ist gemeint, wenn mit "Amerikanisierung" als polemischem Schlagwort hantiert wird.[4] Demgegenüber ist für eine historische Betrachtung erst ein von (un)freiwilligen Untertönen bereinigter, analytisch offener "Amerikanisierungs"-Begriff zu verwenden:[5] Er beschreibt erstens einen historischen Ordnungszusammenhang mit einem einschlägigen Machtübergewicht zugunsten der USA und benennt die manipulative Absicht der Amerikanisierer als eine der zentralen Antriebskräfte für diese Entwicklung. Vor allem aber gibt der Begriff zweitens einer weiterführenden Untersuchungsagenda den Titel: "Amerikanisierung" thematisiert eine Vielzahl politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller (Rück-)Transfers von Ideen, Gütern, Strukturen und Personen, die bislang kaum europäisch vergleichend betrachtet worden sind.

Zur "Amerikanisierungs"-Perspektive gehört im Grunde auch der parallele Austausch zwischen Westdeutschland, Frankreich und Großbritannien. Aus deutscher Sicht lag dabei der besondere Fall einer Verwestlichung vor, in deren Zuge sich große Teile der westdeutschen Eliten auf das Ideologieangebot nicht nur aus den USA, sondern aus ganz Westeuropa mit Verve einließen, um so den demokratischen Neubeginn mit der programmatischen Abkehr vom totalitären Terror zu legitimieren.[6] Verwestlichung bzw. "Westernization" ("Westernisierung") oder "Europäisierung" bleiben daher - abhängig vom gewählten Untersuchungs(zeit)raum - wichtige Parallelbegriffe zum Konzept der "Amerikanisierung".[7] Diese binneneuropäischen Austauschbewegungen müssen aber aus den folgenden Überlegungen ausgeklammert bleiben.

Fußnoten

1.
Vgl. Tony Judt, Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, München 2006.
2.
Vgl. Andreas Wirsching, Für eine pragmatische Zeitgeschichtsforschung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2007) 3, S. 13-18.
3.
Vgl. Chantal Metzger/Hartmut Kaelble (Hrsg.), Deutschland - Frankreich - Nordamerika: Transfers, Imaginationen, Beziehungen, Stuttgart 2006; Alexander Stephan (ed.), The Americanization of Europe. Culture, Diplomacy, and Anti-Americanism after 1945, New York-Oxford 2006.
4.
Vgl. Jan C. Behrends /Arpád v. Klimó/Patrice G. Poutrus (Hrsg.), Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert. Studien zu Ost- und Westeuropa, Bonn 2005; Andrew Ross/Kristin Ross (eds.), Anti-Americanism, New York 2004.
5.
Vgl. Frank Becker, Amerikabild und "Amerikanisierung", in: ders./Elke Reinhard Becker (Hrsg.), Mythos USA. "Amerikanisierung" in Deutschland seit 1900, Frankfurt/M.-New York 2006, S. 19-47; Mel van Elteren, Rethinking Americanization Abroad: Toward a Critical Alternative to Prevailing Paradigms, in: The Journal of American Culture, 29 (2006) 3, S. 345- 367.
6.
Vgl. Anselm Doering-Manteuffel, Westernisierung. Politisch-ideeller und gesellschaftlicher Wandel in der Bundesrepublik bis zum Ende der 60er Jahre, in: Karl Lammers/Axel Schildt/Detlef Siegfried (Hrsg.), Dynamische Zeiten: Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 20032, S. 311-341.
7.
Zur hier ausgeklammerten Begriffsdiskussion vgl. Helke Rausch, Blickwechsel und Wechselbeziehungen. Zum transatlantischen Kulturtransfer im westlichen Nachkriegseuropa, in: dies. (Hrsg.), Transatlantischer Kulturtransfer im "Kalten Krieg". Perspektiven für eine historisch vergleichende Transferforschung, Leipzig 2006 (Comparativ 16), S. 7-33; Reiner Marcowitz, Im Spannungsverhältnis von Amerikanisierung, Europäisierung und Westernisierung. Die Zäsur der 1960er und 1970er Jahre für die transatlantische Europadebatte, in: C. Metzger/ H. Kaelble (Anm. 2 ), S. 98-123.