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18.1.2008 | Von:
Jessica Gienow-Hecht

Europäischer Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert

Europäische Antiamerikanismus ist eine Geisteshaltung, deren Profil vom lokalen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Kontext abhängt. Er ist ein kulturelles Phänomen und ist untrennbar mit dem Philoamerikanismus verbunden.

Einleitung

Antiamerikanismus ist seit langem in Europa ein Thema, welches sowohl die Wissenschaft als auch die breite Öffentlichkeit beschäftigt. Gerade nach dem 11. September 2001 sind die Sympathien für die USA in Europa gesunken: in Frankreich von 62 (1999/2000) auf 43 (Juni 2003), in Deutschland von 78 auf 45, in Spanien von 50 auf 38 Prozent.[1] Im Internet findet sich eine Flut von Essays zum Thema, während Bücher mit Titeln wie Why Do People Hate America die Regale der großen Buchketten in europäischen Städten füllen.[2]




Der Tenor ist einheitlich: Im 20. Jahrhundert habe sich eine bewunderte Nation zur verhassten Supermacht erhoben. Autoren zeichnen das Bild einer "Tragödie der amerikanischen Demokratie" oder des "Schicksals einer provinziellen Großmacht". Auch die Schlussfolgerungen ähneln sich: Eine Fraktion kritisiert die Europäer für ihre mangelnde Kenntnis der Zustände in den Vereinigten Staaten; sie empfiehlt den Menschen außerhalb der USA, dass sie ihren Hass und ihre Blindheit erkennen sollen. Die andere Fraktion moniert, wie wenig die Einwohner der USA vom Rest der Welt wissen. Diese antiamerikanischen Kritiker prophezeien oft eine Apokalypse oder einen graduellen Niedergang der USA.[3]

Wie bringt man diese beiden Diskurse zusammen? Europäischer Antiamerikanismus hat wenig mit den USA selbst zu tun, wenig mit US-Politik und noch weniger mit der Realität transatlantischer Beziehungen. Antiamerikanismus nicht einmal ein hilfreicher Begriff, denn anders als bei anderen "Ismen" steht dahinter weder eine organisierte Bewegung noch eine alternative Vision. Antiamerikanismus definiert sich allein durch Opposition sowie vier Attribute.
  1. Antiamerikanismus in Europa ist ein ideologisches Versatzstück, dessen Profil vom lokalen politischen und kulturellen Kontext ebenso wie von regionalen wirtschaftlichen Interessen abhängt. Natürlich gibt es einen kulturellen, einen politischen und einen wirtschaftlichen Antiamerikanismus, doch diese Akzente vermischen sich oft in der gleichen Bezugsgruppe oder sogar in ein und derselben Person.
  2. Antiamerikanismus umfasst die jahrhundertlange Frustration über den Verlust einer Vision, die einst sehr einflussreich war, um im Verlauf des 20. Jahrhunderts einen erheblichen Teil ihrer Kraft einzubüßen. Diese Frustration findet sich sowohl auf Seiten der Konservativen als auch der Linken. Während Marx und Engels die kapitalistische Kultur der USA verdammten, dämonisierten die Konservativen die amerikanische Kultur dafür, den Massenmensch und die Massenkultur hervorzubringen und zu exportieren.
  3. Antiamerikanismus in Europa ist ein kulturelles Phänomen, welches sich oft hinter einer politischen Maske verbirgt, so zum Beispiel auf der Höhe des Kalten Krieges oder seit "9/11". Seit den 1950er Jahren ist das Verhältnis zwischen kulturellen Impressionen und außenpolitischer Kritik deutlich komplizierter geworden, die Struktur jedoch blieb die gleiche: Politik dient häufig als Auslöser neuer Wellen von Antiamerikanismus, nie jedoch als Ursache des Phänomens.
  4. Antiamerikanismus kann nur Hand in Hand mit seinem Gegenpart - Philoamerikanismus, der Faszination von Amerika - bestehen. Die Spannung zwischen beiden bildet die fundamentale Bedingung für die Existenz beider Pole: Große Erwartungen und bitterer Illusionsverlust sind untrennbar miteinander verbunden. Anti- und Philoamerikanismus orientieren sich strukturell aneinander, indem sich antiamerikanische Perspektiven oft direkt gegen philoamerikanische Positionen wenden.
Philoamerikanismus blickt auf eine mindestens ebenso lange Geschichte zurück wie Antiamerikanismus. Ursprünglich ging er aus einer liberalen Vision der USA als einer Art Labor der Welt noch vor dem Aufstieg des industriellen Kapitalismus und der Moderne hervor. Doch schon bald befürchteten europäische Beobachter, dass sie die Vision der USA betrogen habe. Dies war die Geburtsstunde eines antiamerikanischen Diskurses im Rahmen philoamerikanischer Tendenzen.

Fußnoten

1.
Vgl. Russell Berman, Anti-Americanism in Europe: A Cultural Problem, Stanford 2004.
2.
Vgl. Mark Hertsgaard, The Eagle's Shadow: Why America Fascinates and Infuriates the World, New York 2002; Ziauddin Sardar/Merryl Wyn Davies, Why Do People Hate America?, Cambridge 2004; Richard Herzinger/Hannes Stein, Endzeit-Propheten oder Die Offensiver der Antiwestler, Hamburg 1995.
3.
Für eine ausführliche Darstellung des europäischen Anti-Amerikanismus und alle Belege vgl. Jessica Gienow-Hecht, "Always Blame the Americans." Anti-Americanism in Europe in the Twentieth Century, in: American Historical Review, 111 (October 2006), S. 1067 - 1091.