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18.1.2008 | Von:
Jessica Gienow-Hecht

Europäischer Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert

West- und Osteuropa

Es lässt sich nicht übersehen, dass die antiamerikanische Haltung der Deutschen selbst in ihren turbulentesten Zeiten - nämlich während der 1970er und Anfang der 1980er Jahre - einherging mit philoamerikanischen Bekundungen. Diese Tendenz ist für US-Beobachter schwer nachvollziehbar: Wie können Menschen amerikanische Konsumprodukte zur Schau tragen - Jeans, Coca-Cola, Hamburger, Popmusik -, während sie gleichzeitig gegen die Kultur und Außenpolitik der USA protestieren? Selbst Anhänger der Frankfurter Schule, die den USA äußerst kritisch gegenüber standen - etwa Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno - betonten in persönlichen Erinnerungen ihre positive Erfahrungen in den Vereinigten Staaten. Meinungsumfragen in Westdeutschland zwischen den 1960er und den 1980er Jahren zeigten, dass die Hälfte der Bundesbürger die USA als die besten Freunde Westdeutschlands empfanden, noch vor Frankreich; dass 80 Prozent aller Befragten Deutschlands Mitgliedschaft in der NATO für wichtig hielten; und dass nur 20 Prozent einen Abzug des US-Militärs aus Westeuropa unterstützten.[10]

Westeuropäische Meinungsumfragen zwischen 1975 und 1983 unterstrichen dieses Bild. "In jedem Anti-Amerikaner lauert ein Philo-Amerikaner," schreibt der niederländische Historiker Rob Kroes. "Und obwohl seine Toleranz gegenüber der Mehrdeutigkeit jüngst abgenommen hat, so ist er noch nicht ganz bereit zu jenem endgültigen Autodafé, dieser endgültigen Glaubenstat: Der Verbrennung seiner Blue Jeans."[11]

Regionale Unterschiede und Konservativismus bleiben die häufigsten Nennwerte des europäischen Antiamerikanismus. US-außenpolitische Entwicklungen und Entscheidungen mögen häufig als Auslöser für antiamerikanische Tendenzen dienen. Nie sind sie jedoch Ursache für die andauernde Existenz des Phänomens an sich. Das verdeutlicht der Blick in die Länder des einstigen Warschauer Paktes nach dem Fall der Berliner Mauer. Selbst als Regierungen zusammenbrachen, sich politische Richtungen grundsätzlich veränderten und staatliche Strukturen auflösten, blieben antiamerikanische Tendenzen in diesen Ländern und Regionen intakt und orientierten sich weiterhin an zwei grundsätzlichen Voraussetzungen: kulturellem Konservativismus und regionalen Befindlichkeiten. Die kommunistische Propaganda hatte sich oft um genau dieses Phänomen gedreht: Risiken der Moderne, das Vordringen des Kapitalismus, das Übel des demokratischen Nationalismus, der Verlust von Dingen, die man einst geliebt hatte. Selbst nach dem Ende der Blockkonfrontation prägen viele dieser populistischen Anklagen weiterhin das öffentliche Image der USA in Osteuropa.

In der Sowjetunion zum Beispiel war es das erklärte Ziel des Kreml, die USA und den "American Way of Life" durch Propaganda zu denunzieren. Doch trotz aller Kritik hatte sich bereits unter Stalin ein ansteigendes Interesse an Konsumprodukten, Komfort und Prestige anhand von Waren wie modischer Kleidung, Autos und Elektronikprodukten entwickelt. Einige sowjetische Künstler imitierten sogar amerikanische Popkünstler, indem sie Videorekorder und Fernseher in ihre Kunst integrierten - und zwar zu genau dem Zeitpunkt, als die sowjetische Regierung derlei Trends in den USA auf das Schärfste denunzierte. Die USA waren nach Maßgabe der Russophilen ein materialistisches Land ohne Kultur und Geschichte, während Russland eine alte spirituelle Nation mit einer langen Tradition darstellte. Gleichzeitig galt unter den gebildeten Schichten häufig die Ansicht, dass die USA ein interessantes Land mit dynamischer Kultur, "progressiven" Autoren und talentierten Musikern seien. Diese Perspektiven finden sich auch heute in der russischen Politik und Gesellschaft wieder.

Fußnoten

10.
Vgl. Harald Mueller/Thomas Risse-Kappen, Origins of Estrangement: The Peace Movement and the Changed Image of America in West Germany, in: International Security, 12 (Summer 1987), S. 52 - 88.
11.
Rob Kroes, The Great Satan Versus the Evil Empire: Anti-Americanism in the Netherlands, in: ders./M. van Rossem (Anm. 9), S. 48f.