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18.1.2008 | Von:
Jessica Gienow-Hecht

Europäischer Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert

Europäische Antiamerikanismus ist eine Geisteshaltung, deren Profil vom lokalen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Kontext abhängt. Er ist ein kulturelles Phänomen und ist untrennbar mit dem Philoamerikanismus verbunden.

Einleitung

Antiamerikanismus ist seit langem in Europa ein Thema, welches sowohl die Wissenschaft als auch die breite Öffentlichkeit beschäftigt. Gerade nach dem 11. September 2001 sind die Sympathien für die USA in Europa gesunken: in Frankreich von 62 (1999/2000) auf 43 (Juni 2003), in Deutschland von 78 auf 45, in Spanien von 50 auf 38 Prozent.[1] Im Internet findet sich eine Flut von Essays zum Thema, während Bücher mit Titeln wie Why Do People Hate America die Regale der großen Buchketten in europäischen Städten füllen.[2]




Der Tenor ist einheitlich: Im 20. Jahrhundert habe sich eine bewunderte Nation zur verhassten Supermacht erhoben. Autoren zeichnen das Bild einer "Tragödie der amerikanischen Demokratie" oder des "Schicksals einer provinziellen Großmacht". Auch die Schlussfolgerungen ähneln sich: Eine Fraktion kritisiert die Europäer für ihre mangelnde Kenntnis der Zustände in den Vereinigten Staaten; sie empfiehlt den Menschen außerhalb der USA, dass sie ihren Hass und ihre Blindheit erkennen sollen. Die andere Fraktion moniert, wie wenig die Einwohner der USA vom Rest der Welt wissen. Diese antiamerikanischen Kritiker prophezeien oft eine Apokalypse oder einen graduellen Niedergang der USA.[3]

Wie bringt man diese beiden Diskurse zusammen? Europäischer Antiamerikanismus hat wenig mit den USA selbst zu tun, wenig mit US-Politik und noch weniger mit der Realität transatlantischer Beziehungen. Antiamerikanismus nicht einmal ein hilfreicher Begriff, denn anders als bei anderen "Ismen" steht dahinter weder eine organisierte Bewegung noch eine alternative Vision. Antiamerikanismus definiert sich allein durch Opposition sowie vier Attribute.
  1. Antiamerikanismus in Europa ist ein ideologisches Versatzstück, dessen Profil vom lokalen politischen und kulturellen Kontext ebenso wie von regionalen wirtschaftlichen Interessen abhängt. Natürlich gibt es einen kulturellen, einen politischen und einen wirtschaftlichen Antiamerikanismus, doch diese Akzente vermischen sich oft in der gleichen Bezugsgruppe oder sogar in ein und derselben Person.
  2. Antiamerikanismus umfasst die jahrhundertlange Frustration über den Verlust einer Vision, die einst sehr einflussreich war, um im Verlauf des 20. Jahrhunderts einen erheblichen Teil ihrer Kraft einzubüßen. Diese Frustration findet sich sowohl auf Seiten der Konservativen als auch der Linken. Während Marx und Engels die kapitalistische Kultur der USA verdammten, dämonisierten die Konservativen die amerikanische Kultur dafür, den Massenmensch und die Massenkultur hervorzubringen und zu exportieren.
  3. Antiamerikanismus in Europa ist ein kulturelles Phänomen, welches sich oft hinter einer politischen Maske verbirgt, so zum Beispiel auf der Höhe des Kalten Krieges oder seit "9/11". Seit den 1950er Jahren ist das Verhältnis zwischen kulturellen Impressionen und außenpolitischer Kritik deutlich komplizierter geworden, die Struktur jedoch blieb die gleiche: Politik dient häufig als Auslöser neuer Wellen von Antiamerikanismus, nie jedoch als Ursache des Phänomens.
  4. Antiamerikanismus kann nur Hand in Hand mit seinem Gegenpart - Philoamerikanismus, der Faszination von Amerika - bestehen. Die Spannung zwischen beiden bildet die fundamentale Bedingung für die Existenz beider Pole: Große Erwartungen und bitterer Illusionsverlust sind untrennbar miteinander verbunden. Anti- und Philoamerikanismus orientieren sich strukturell aneinander, indem sich antiamerikanische Perspektiven oft direkt gegen philoamerikanische Positionen wenden.
Philoamerikanismus blickt auf eine mindestens ebenso lange Geschichte zurück wie Antiamerikanismus. Ursprünglich ging er aus einer liberalen Vision der USA als einer Art Labor der Welt noch vor dem Aufstieg des industriellen Kapitalismus und der Moderne hervor. Doch schon bald befürchteten europäische Beobachter, dass sie die Vision der USA betrogen habe. Dies war die Geburtsstunde eines antiamerikanischen Diskurses im Rahmen philoamerikanischer Tendenzen.

Krieg und Zwischenkrieg

In den Jahrzehnten nach der amerikanischen Revolution von 1776 zeigten viele Europäer große Sympathien für das neue Land und dessen politische Form. Gerade weil die Französische Revolution von 1789 keine langfristige Systemveränderung gebracht hatte, blieben die USA zu Beginn des 19. Jahrhunderts der einzige Staat, der sich an den Prinzipien der Aufklärung orientierte. Dementsprechend wurde er schnell zum Zielobjekt all jener, die sich von den Idealen einer modernen demokratischen Gesellschaft entweder angezogen oder abgestoßen fühlten.

Positive Beschreibungen der amerikanischen Gesellschaft blieben ein Thema bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges. Karl May, Friedrich Gerstäcker und andere entwickelten das Bild eines romantischen Westens, wo menschliche Werte hoch gehalten, jedoch ständig von europäischer Korruption gefährdet wurden. Gerade die scheinbare Geschichtslosigkeit des Landes faszinierte viele Beobachter. Johann Wolfgang von Goethe rief 1827 aus: "Amerika, du hast es besser / Als unser Kontinent, der alte, / Hast keine verfallenen Schlösser / Und keine Basalte. / Dich stört nicht im Innern / Zu lebendiger Zeit / Unnützes Erinnern / Und vergeblicher Streit."

Ebenso jedoch entwickelten sich in den europäischen Gesellschaften nach 1776 latent antiamerikanische Züge, die sich im 19. Jahrhundert zu einer Kritik an amerikanischer Kultur und Moderne verfestigten und bis 1914 intakt blieben. Holländische Händler beobachteten das Ende der Unabhängigkeitsrevolution mit großem Argwohn: Sie befürchteten, dass der Kurs der neuen Nation ihren Geschäftsinteressen schaden könnte. Dies ist einer der Gründe, warum eines der ältesten Stereotype darin besteht, dass die USA ein materialistisches Land sind, in welchem Geld alles beherrscht. In der Romantik kam die Kritik an der "abstrakten Freiheit" und den "abstrakten Prinzipien" hinzu.

Dieser Kontrast zwischen europäischer Weisheit und amerikanischer Geschichtslosigkeit, zwischen europäischem Niedergang und amerikanischer Kraft wird bis heute immer wieder im öffentlichen Diskurs betont. Der Mythos des Tellerwäschers, der in den USA zum Millionär wurde, die zwanghafte Ausklammerung alles "Amerikanischen" von Werten und Worten und die Unfähigkeit, Amerika als eigenes Land statt als schrille Abweichung von der europäischen Norm zu sehen, wurzeln im 19. Jahrhundert, als Europa sich von einer feudalen zu einer bürgerlichen Gesellschaft veränderte.

1901 veröffentlichte der britische Autor W. T. Stead The Americanization of the World or The Trend of the Twentieth Century. Nach Stead war am wachsenden Einfluss Amerikas auf die Kultur, Politik, Finanzen und industrielle Produktion anderer Länder nichts mehr zu ändern; doch wie sollte man damit umgehen? Die meisten Menschen verabscheuten die USA, obwohl sie sich individuell längst mit amerikanischen Dingen in ihrer individuellen Umgebung umgeben hatten.[4] Stead hatte kein antiamerikanisches Traktat schreiben wollen; dennoch wurde das Werk zum Sprachrohr all jener Ängste, die wir heute noch kennen: die Angst, dass US-amerikanische Kultur den Rest der Welt erobern, die Wirtschaft anderer Länder ersticken und europäische Identität(en) abtöten würde.

Bis zum Ersten Weltkrieg wurden diese Ängste von konservativen Eliten formuliert, die sich gegen die Moderne und deren Versinnbildlichung in amerikanischen Publikationen, Ideen und Kulturprodukten äußerten. Im 20. Jahrhundert begannen Generationen von Intellektuellen und Beobachtern, darunter Kritiker wie Ernst Jünger, Martin Heidegger, Herbert Marcuse und Emmanuel Todd, die USA als Ort einer gigantischen menschlichen Katastrophe darzustellen. Was war passiert? Nach dem Ersten Weltkrieg verbreitete sich die Debatte - und damit philo- und antiamerikanische Perspektiven - mit Hilfe von Büchern, Pamphleten, Comics, Musik, Werbung, Film und Mode über die USA. Die Fließbandfabrik des Automobilhersteller Henry Ford in Detroit und die Vision einer Transformation von einer landwirtschaftlich orientierten zu einer industriellen Massengesellschaft hatten profunden Einfluss auf die europäischen Gesellschaften nach 1918. Diese Vision inspirierte Aldous Huxleys satirischen Roman "Schöne Neue Welt," José Ortega y Gassets einflussreiches Werk über Sozialtheorie, "Rebellion der Massen", ebenso wie Robert Arnauds und André Dandieus "Der amerikanische Krebs".

Unter allen europäischen Ländern stand das Deutsche Reich amerikanischen Einflüssen wohl am offensten gegenüber. Während der Weimarer Republik kam es zu philoamerikanischen Wellen, als sich diese sowohl kulturell als auch industriell an die USA annäherte. Viele Beobachter und Intellektuelle unterstützten eine Affinität mit den USA. Und wie viele Europäer bewunderten auch viele Deutsche amerikanische Athleten, so zum Beispiel bei den Olympischen Spielen von 1936, als der African-American Jesse Owens zum Lieblingsathleten der Zuschauer avancierte.

Gleichzeitig jedoch zeigte die Gesellschaft der Weimarer Jahre einen ausgeprägten Antiamerikanismus, ausgelöst durch den Versailler Friedensvertrag, Wilsons 14 Punkte und die Tatsache, dass die Passivität der USA den Friedensvertrag und die alliierten Reparationsforderungen möglich gemacht hatte. Intellektuelle und Schriftsteller wie Erwin Kisch und Bertolt Brecht benutzten das Beispiel der USA, um entweder das Übel des Kapitalismus oder das Gespenst einer seelenlosen, kindischen und oberflächlichen Gesellschaft zu porträtieren.[5] Einer der berühmtesten antiamerikanischen Autoren dieser Zeit war Adolf Halfeld, der die "geplante Kultur" und die "sterbende Landschaft" unter dem Joch der US-Industrie beschrieb.[6]

Widersprüchliche Tendenzen zwischen Bewunderung und Zurückweisung finden sich auch in der Unterhaltungskultur dieser Jahre wieder, insbesondere in der Filmindustrie, deren Mitglieder oft Hollywood und die USA ablehnten. Filme mit regionalem Hintergrund, etwa "Der verlorene Sohn" (1934) mit Luis Trenker, zeigten die USA als Land der Depression und der Verführung, ein Land in den Klauen wirtschaftlicher Zyklen. Der Film handelt von einem verarmten Deutschen in New York und kontrastiert die amerikanische Moderne mit alpinem Heimatglück in den Dolomiten. Doch für jeden Trenker-Film entstand ein anderer Streifen, der ein weitaus positiveres Bild der amerikanischen Freiheit und Gesellschaft malte. Fritz Langs Klassiker "Metropolis" (1927) verwies auf philoamerikanische Tendenzen in Deutschland: Lang demonstrierte die Sehnsucht nach einer Synthese zwischen Moderne und Tradition, Arbeitskraft und Kapital, Mann und Frau in der Umgebung der Neuen Welt.

Im "Dritten Reich" setzten sich die Paradoxe fort. Adolf Hitler betrachtete die USA als schwaches und militärisch inkompetentes Land, das von minderwertigen "Rassen" und dem allmächtigen Dollar dominiert werde. Gleichzeitig interessierten sich die Nationalsozialisten für die technologische Entwicklungen in den USA ebenso wie für Massenproduktion, Konsumgüter sowie Modernisierungs- und Rationalisierungsmassnahmen in der amerikanischen Wirtschaft. Und obwohl die Reichsleitung amerikanische Filme, Jazz und Swingmusik verbot, standen diese bis Kriegsende bei deutschen Konsumenten und Soldaten hoch im Kurs.

Auch die europäischen Demokraten hegten ein ambivalentes Bild der USA. Trotz aller Antipathien auf Seiten der französischen Eliten und Intellektuellen unternahm die Regierung zwischen 1900 und 1940 große Anstrengungen, um die Gunst der Amerikaner zu gewinnen. Privat mochte man sich an den Behauptungen nationaler Größe in den USA stören, doch es war französischen Entscheidungsträgern klar, dass Frankreich mehr Kontrolle über seine Identität als über seine Produktionsressourcen hatte, Ressourcen, die das Land brauchte, wenn es eine moderne Großmacht sein wollte. In vielen Kreisen galt es daher als chic, eine antiamerikanische Haltung mit einem tiefen Gefühl für die US-französische Freundschaft zu verbinden. Trotz aller politischen Frustration blieb der französische Antiamerikanismus der Zwischenkriegszeit ein kulturelles Phänomen, das aus jener Gruppe französischer Intellektueller hervorging, die die USA am besten kannten, darunter André Tardieu und Georges Duhamel. Manche kritisierten die Massengesellschaft, während andere sich über die internationale Macht der USA erregten. Ihnen gemeinsam blieb eine retrospektive Haltung, mittels derer sie den Niedergang Frankreichs und die Modernisierung der Gesellschaft beklagten.[7]

Weder die Katholiken der Vorkriegszeit noch die jungen Führer des Vichy-Regimes während der Zeit der deutschen Besatzung kamen an diesem Widerspruch vorbei: Sie waren davon überzeugt, dass man, wenn man der Amerikanisierung des Landes aus dem Wege gehen und Frankreich seine kulturelle Essenz wiedergeben wollte, mit Kollaborateuren zusammenarbeiten müsse, selbst wenn dies die Diskriminierung der Juden und die Unterminierung der französischen Widerstandsbewegung bedeutete. Daher wünschten sich die französischen Entscheidungsträger im Zweiten Weltkrieg ein großzügiges, aber weit entferntes Amerika, und statt eines bewaffneten Widerstandes gegen die Deutschen hofften sie auf eine Art Wiederbelebung des französischen Geistes von innen.

Die Zwischenkriegszeit zeigt insgesamt ein heterogenes Bild der europäischen USA-Perzeption. Über die allgemeine Bewunderung für die amerikanische Industrie und Roosevelts Wirtschaftsprogramm hinaus herrschte große Faszination für das "amerikanische System" sozialer Organisation. Gleichzeitig jedoch blieb kultureller Antiamerikanismus ein Merkmal faschistischer und konservativer Kreise, die in den USA eine Bedrohung europäischer Traditionen, nationaler und regionaler Identitäten sowie Europas innerer Erneuerung in den 1930er Jahren sahen.

Kalter Krieg

Die Debatte über Amerika veränderte sich im Kalten Krieg drastisch, als sie sich politisierte. Schon immer hatte es politische Kritik an den USA gegeben, vor allem nach Ratifizierung des Versailler Friedensvertrages. Doch erst in den 1950er Jahren, als sich in den USA eine breite antikommunistische Bewegung erhob, begannen europäische Beobachter mit der Formulierung einer Kritik, die politische Ideologie akzentuierte. Philo- und Antiamerikanismus wurden alltäglich.

Trotz aller politischen Kooperation im westlichen Bündnis verbreitete sich Antiamerikanismus in Europa während des Kalten Krieges; überall verbanden sich kulturelle und politische Anliegen mit regionalen Befindlichkeiten. In Frankreich beispielsweise wurde Antiamerikanismus zur entscheidenden Haltung beim Bruch zwischen den Kommunisten und Sozialisten nach 1947. Amerikanischer Expansionismus, die NATO und der Einfluss amerikanischer Künstler erschienen den französischen Eliten als bedrohlich - nicht aber dem breiten Publikum. Junge Franzosen zeigten Begeisterung für den "American Way of Life", mit Konsumkultur, höherem Lebensstandard und wirtschaftlichem Aufschwung. Für viele Franzosen wurden die USA zu einer Art "Gegenmythos", ein Werkzeug im Kampf gegen die kulturlose Masse; ihre Haltung hatte wenig mit der Realität internationaler Beziehungen zu tun.

Während Sprache, Kunst und Konsum die französischen Kritiker amerikanischer Kultur beschäftigte, sorgten sich britische Antiamerikanisten um andere Dinge. Viele Briten fühlten nach dem Zweiten Weltkrieg, dass ihr Land seinen Status als Empire an die USA verloren habe. 1957 gab der amerikanische Humorist Art Buchwald in der Londoner "Times" eine Anzeige auf, in der er "Menschen, die Amerikaner nicht mögen" aufforderte, ihm die Gründe für ihre Antipathie zu schreiben. Buchwald erhielt mehr als hundert Antworten, die er wie folgt zusammenfasste: "Wenn die Amerikaner aufhören würden, ihr Geld auszugeben, laut an öffentlichen Orten zu reden, den Briten zu sagen, wer den Krieg gewonnen hat, (...) aufhören würden, Öl aus dem Mittleren Osten zu importieren, aufhören würden Kaugummi zu kauen, (...) ihre Luftwaffenstützpunkte aus England abziehen würden, das Desegregationsproblem im Süden lösen würden, (...) die amerikanische Frau da hin setzten, wo sie hingehört und keinen Rock'n'roll exportierten und korrektes Englisch sprächen, dann würden sich die Spannungen zwischen den beiden Ländern lösen und die Briten und die Amerikaner würden sich wieder leiden mögen."[8]

In den 1960er Jahren intensivierte sich die ideologische Kritik an den USA, angefacht durch die Frustration und Desillusionierung mit den USA in vielen Ländern. Die Behauptung, die USA seien der Leuchtturm einer demokratischen Gesellschaft, erschien vielen Menschen in Übersee als zunehmend unglaubwürdig angesichts der Rassentrennung in den USA und des Krieges in Vietnam. "Meine ganze liberale Bildung nahm im Amerika Haus ihren Anfang, wo ich die amerikanische Unabhängigkeitserklärung studierte," erinnerte sich ein junger Liberaler in Westdeutschland, "was nun geschieht, ist eine offene Vergewaltigung solcher Ideale."[9]

Der westdeutsche Antiamerikanismus der 1960er und 1970er Jahre konzentrierte sich auf eine Interpretation westlicher Werte und Institutionen. Er hatte seinen Ursprung in der Stationierung amerikanischer Truppen in Westdeutschland und verbreitete sich vor allen Dingen unter Intellektuellen, Studenten, Linken, Friedensgruppen und Umweltschützern. Die Aversion gegen das amerikanische Militär ging Hand in Hand mit einer Ablehnung des Konsumdenkens und eines Angriffs auf die "McDonaldisierung" Deutschlands, eine Haltung, die sich bereits im antimodernistischen Denken deutscher Konservativer im 19. Jahrhundert finden lässt.

Obwohl sich Antiamerikanismus breiten Zulaufes unter Anhängern der Neuen Linken erfreute, blieb dieser auch nach 1945 in seiner Essenz wertkonservativ und politisch konservativ. Sowohl linke als auch rechte Kritik kamen aus dem gleichen Milieu: Sie ergaben sich aus einer elitären und kritischen Haltung gegenüber der modernen Massengesellschaft, der Moderne, der neuen Weltmacht, einer Befürwortung abendländischer Ideologie und der Idee einer eurozentristischen kulturellen und politischen Überlegenheit.

West- und Osteuropa

Es lässt sich nicht übersehen, dass die antiamerikanische Haltung der Deutschen selbst in ihren turbulentesten Zeiten - nämlich während der 1970er und Anfang der 1980er Jahre - einherging mit philoamerikanischen Bekundungen. Diese Tendenz ist für US-Beobachter schwer nachvollziehbar: Wie können Menschen amerikanische Konsumprodukte zur Schau tragen - Jeans, Coca-Cola, Hamburger, Popmusik -, während sie gleichzeitig gegen die Kultur und Außenpolitik der USA protestieren? Selbst Anhänger der Frankfurter Schule, die den USA äußerst kritisch gegenüber standen - etwa Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno - betonten in persönlichen Erinnerungen ihre positive Erfahrungen in den Vereinigten Staaten. Meinungsumfragen in Westdeutschland zwischen den 1960er und den 1980er Jahren zeigten, dass die Hälfte der Bundesbürger die USA als die besten Freunde Westdeutschlands empfanden, noch vor Frankreich; dass 80 Prozent aller Befragten Deutschlands Mitgliedschaft in der NATO für wichtig hielten; und dass nur 20 Prozent einen Abzug des US-Militärs aus Westeuropa unterstützten.[10]

Westeuropäische Meinungsumfragen zwischen 1975 und 1983 unterstrichen dieses Bild. "In jedem Anti-Amerikaner lauert ein Philo-Amerikaner," schreibt der niederländische Historiker Rob Kroes. "Und obwohl seine Toleranz gegenüber der Mehrdeutigkeit jüngst abgenommen hat, so ist er noch nicht ganz bereit zu jenem endgültigen Autodafé, dieser endgültigen Glaubenstat: Der Verbrennung seiner Blue Jeans."[11]

Regionale Unterschiede und Konservativismus bleiben die häufigsten Nennwerte des europäischen Antiamerikanismus. US-außenpolitische Entwicklungen und Entscheidungen mögen häufig als Auslöser für antiamerikanische Tendenzen dienen. Nie sind sie jedoch Ursache für die andauernde Existenz des Phänomens an sich. Das verdeutlicht der Blick in die Länder des einstigen Warschauer Paktes nach dem Fall der Berliner Mauer. Selbst als Regierungen zusammenbrachen, sich politische Richtungen grundsätzlich veränderten und staatliche Strukturen auflösten, blieben antiamerikanische Tendenzen in diesen Ländern und Regionen intakt und orientierten sich weiterhin an zwei grundsätzlichen Voraussetzungen: kulturellem Konservativismus und regionalen Befindlichkeiten. Die kommunistische Propaganda hatte sich oft um genau dieses Phänomen gedreht: Risiken der Moderne, das Vordringen des Kapitalismus, das Übel des demokratischen Nationalismus, der Verlust von Dingen, die man einst geliebt hatte. Selbst nach dem Ende der Blockkonfrontation prägen viele dieser populistischen Anklagen weiterhin das öffentliche Image der USA in Osteuropa.

In der Sowjetunion zum Beispiel war es das erklärte Ziel des Kreml, die USA und den "American Way of Life" durch Propaganda zu denunzieren. Doch trotz aller Kritik hatte sich bereits unter Stalin ein ansteigendes Interesse an Konsumprodukten, Komfort und Prestige anhand von Waren wie modischer Kleidung, Autos und Elektronikprodukten entwickelt. Einige sowjetische Künstler imitierten sogar amerikanische Popkünstler, indem sie Videorekorder und Fernseher in ihre Kunst integrierten - und zwar zu genau dem Zeitpunkt, als die sowjetische Regierung derlei Trends in den USA auf das Schärfste denunzierte. Die USA waren nach Maßgabe der Russophilen ein materialistisches Land ohne Kultur und Geschichte, während Russland eine alte spirituelle Nation mit einer langen Tradition darstellte. Gleichzeitig galt unter den gebildeten Schichten häufig die Ansicht, dass die USA ein interessantes Land mit dynamischer Kultur, "progressiven" Autoren und talentierten Musikern seien. Diese Perspektiven finden sich auch heute in der russischen Politik und Gesellschaft wieder.

Kulturkritik und Moderne

Die 1990er Jahre mögen die politische Komponente des Antiamerikanismus kurzfristig entfernt haben; damit bestätigt sich das Argument, dass das Herzstück dieses Phänomens vor allen Dingen von Kulturkritik gebildet wird. Dies änderte sich nach dem 11. September 2001, den von den USA geleiteten Militäraktionen in Afghanistan und im Irak und einer Lawine von kontroversen politischen Entscheidungen, etwa die Nichtunterzeichnung des Kyoto-Protokolls, der Beibehaltung der Todesstrafe und der Nichtachtung des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag. Nun trat die politische Anklage wieder an die Seite des kulturellen Antiamerikanismus; manche Beobachter behaupten gar, die politische habe die kulturelle Kritik überlagert.

Doch diese Interpretation übersieht Ursprünge und Kontinuität der europäischen Kritik an Amerika, die Wechselbeziehung zwischen Philo- und Antiamerikanismus und die fundamentale historische Dimension dieses Phänomens. Seit dem 19. Jahrhundert wird die Debatte über Amerika in Europa dadurch überschattet, dass sich beide Kontinente de facto wirtschaftlich und gesellschaftlich immer ähnlicher werden. Mit dem Beginn der Moderne mutierte "Amerikanisierung" für die meisten Europäer von einer utopischen Vision zu einer sehr wahrscheinlichen Zukunftsperspektive. Gerade die kulturelle Annäherung hatte zur Folge, dass Europa die USA zunehmend als unmittelbare Vorstellung des Kommenden verstand. Allein diese Entwicklung führte dazu, dass sich in Europa nach dem amerikanischen Bürgerkrieg eine passionierte Debatte über Amerika entwickelte, deren Grundtenor zwar vorher schon existiert hatte, aber nicht mit so viel Leidenschaft geführt worden war. Nach dem Ersten Weltkrieg und noch mehr nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die kulturelle, wirtschaftliche und politische Vormachtstellung der USA zu einem wichtigen Bestandteil dessen, was Kritiker als "amerikanische Bedrohung" interpretierten.

Enttäuschte Illusionen - die die Europäer selbst auf die "Neue Welt" projiziert hatten und die die USA wohl nie hätte erfüllen können - ebenso wie das unausweichliche Herannahen der Amerikanisierung Europas vermischten sich mit einer zunehmend polarisierten Debatte, die vor allem die lokalen Konflikte um Wertesysteme, Ideale und Erwartungen freilegte. Letztlich spielte die historische Realität eine weniger wichtige Rolle als amerikanische Ideale, welche die Amerikaner jedoch ganz anders realisierten, als viele Europäer dies erwarteten oder wünschten.

In seiner Essenz ist der europäische Antiamerikanismus ein kulturelles Phänomen geblieben, welches oft vom politischen Klima profitiert und ebenso oft von linken und rechten Parteien für die Mobilisierung von Wählern manipuliert worden ist. Über diese Manipulation hinaus hat die tatsächliche Regierungspolitik wenig zum Ursprung und Diskurs des europäischen Antiamerikanismus beigetragen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Russell Berman, Anti-Americanism in Europe: A Cultural Problem, Stanford 2004.
2.
Vgl. Mark Hertsgaard, The Eagle's Shadow: Why America Fascinates and Infuriates the World, New York 2002; Ziauddin Sardar/Merryl Wyn Davies, Why Do People Hate America?, Cambridge 2004; Richard Herzinger/Hannes Stein, Endzeit-Propheten oder Die Offensiver der Antiwestler, Hamburg 1995.
3.
Für eine ausführliche Darstellung des europäischen Anti-Amerikanismus und alle Belege vgl. Jessica Gienow-Hecht, "Always Blame the Americans." Anti-Americanism in Europe in the Twentieth Century, in: American Historical Review, 111 (October 2006), S. 1067 - 1091.
4.
Vgl. W. T. Stead, The Americanization of the World of the Trend of the Twentieth Century, New York-London 1901/1902.
5.
Vgl. Alfred Kerr, Yankeeland. Eine Reise von Alfred Kerr, Berlin 1925.
6.
Vgl. Adolf Halfeld, Amerika und der Amerikanismus. Kritische Betrachtungen eines Deutschen und Europäers, Jena 1927, S. 191.
7.
Vgl. David Strauss, Menace in the West. The Rise of French Anti-Americanism in Modern Times, Westport, Conn. 1978, S. 65 - 77.
8.
Marcus Cunliffe, The Anatomy of Anti-Americanism, in: Rob Kroes/Maarten van Rossem (eds.), Anti-Americanism in Europe, Amsterdam 1986, S. 23f.
9.
Zit. nach: William J. Weissmann, Kultur- und Informationsaktivitäten der USA in der Bundesrepublik während der Amtszeiten Carter und Reagan, Pfaffenweiler 1990, S. 66.
10.
Vgl. Harald Mueller/Thomas Risse-Kappen, Origins of Estrangement: The Peace Movement and the Changed Image of America in West Germany, in: International Security, 12 (Summer 1987), S. 52 - 88.
11.
Rob Kroes, The Great Satan Versus the Evil Empire: Anti-Americanism in the Netherlands, in: ders./M. van Rossem (Anm. 9), S. 48f.