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18.1.2008 | Von:
Gerd Göckenjan

Sterben in unserer Gesellschaft - Ideale und Wirklichkeiten

Gutes Sterben ist Thema im öffentlichen Raum. Im Sinne der Verbreitung der Palliativversorgung ist gutes Streben inzwischen auch Gegenstand von Gesetzgebung. Im Beitrag wird hierzu u.a. Material zum Sterben in Normal- und Palliativstationen vorgestellt.

Einleitung

Sterben ist heute ein allgegenwärtiges Geschehen, das sich in Institutionen und in kleinen Kreisen unmittelbar Betroffener leise und weitgehend unbemerkt für andere ereignet. Obgleich jedes Jahr viele Menschen sterben, etwa ein Prozent der Bevölkerung, ist dies kein Thema, mit dem sich die Bürgerinnen und Bürger unbedingt beschäftigen müssen.[1] Sterben und Tod erfahren jenseits der medial stark positionierten "öffentlichen" Sterbefälle wenig Aufmerksamkeit. Die Zeichen und Symbole, die diese Lebensphasen ehemals umgaben, sind rar und unaufdringlich geworden oder fehlen ganz. Wenn jemand im Sterben liegt, dringt das selten nach außen, ein eingetretener Todesfall ist kaum eine Information wert: keine Trauerbekleidung, keine Beerdigungsumzüge, kein Glockenläuten, keine Kondolenzpflichten. Abschiedsrituale sind auf das Nötigste und den kleinsten Kreis von Angehörigen beschränkt.






Sterben und Tod werde - so eine ältere, noch weit verbreitete Sichtweise - in der modernen Gesellschaft verdrängt und tabuisiert:[2] eine zweifelhafte Diagnose. Richtiger ist, dass Sterben und Tod heute stärker als in der Vergangenheit private Ereignisse sind, die nach den Anstandsregeln der Privatheit kommuniziert werden und keinen öffentlichen Pflichten unterliegen. Dieses Verständnis wird durch weitere soziale Umstände gestützt. Vor allem ist Sterben eine Angelegenheit der Alten und damit ein lange vorbereitetes und erwartetes Ereignis. Im hohen Alter sind die Beziehungsnetze ausgedünnt, auch das Verhältnis zu direkten Angehörigen ist gelockert, Verpflichtungen und Verantwortung gehen zurück oder werden nur noch eingeschränkt wahrgenommen. Und - die üblichen Sterbeorte sind Institutionen, Krankenhäuser und Heime. Aber auch jüngere Menschen sterben - natürlich. Dann tritt für die Betroffenen all das ein, was die älteren Sterbeszenarien ausmachte: der oftmals plötzliche, unbegreifliche Verlust, der Lebens- und Abhängigkeitsbeziehungen zerreißt und eine Kaskade von sozialen Problemen der Überlebenssicherung und der Nachfolgeregelungen nach sich ziehen kann.

Der Tod ist notwendig und unverständlich, sagt der Philosoph, und das ist unabhängig von den jeweils Betroffenen. Der Tod ist die "metaempirische Tragödie", eine Leere, die plötzlich "aufbricht" und "das Seiende, das wie durch eine wundersame Verfinsterung plötzlich unsichtbar wird, stürzt auf einmal durch die Falltüre des Nicht-Seins".[3] DiesesNichtverstehbare eines Zustandswechsels zwingt zum Missverstehen, zum Nichternstnehmen, zum Aufsichberuhenlassen. Der Tod kann nicht gedacht werden ohne die persönliche Distanzierung in den verfügbaren Formen der Objektivierungen, in der Rede der Sterbetafeln, der Todesursachenstatistiken, der Memento-Mori-Breviere, aber dies alles sind für den Philosophen Banalisierungen der Tragödie des Verschwindens.

Es bleibt immer eine Frage der Perspektive, des Getroffenseins oder Nichtgetroffenseins. "Mein Tod ist für mich das Ende aller Dinge... das Ende des ganzen Universums... für das Universum (aber) keine allzugroße Katastrophe, er bleibt ein unbemerkter Vorfall und ein bedeutungsloses Verlöschen, das die Ordnung der Dinge nicht stört."[4]

Dieses nicht behebbare Dilemma der Perspektiven findet sich in den öffentlichen Thematisierungen wieder. Es ist falsch zu sagen, über Sterben und Tod werde nicht gesprochen. Wir sehen vielmehr eine Teilung des Themas: Zum Tod gibt es in unserer Gesellschaft tatsächlich wenig zu sagen: Er ist das unverständliche Nicht-Sein, bleibt wesentlich auf sich beruhen. Dafür wird zum Sterben sehr viel gesagt, es ist ein weithin besprochenes: ein öffentliches Thema. Mit Sterben sind Verläufe und Verfahren angesprochen, Sterben wird als eine Phase des Lebens verstanden und gefürchtet. Der Tod wird heute - seit den 1970er Jahren - vor allem als dieses Verlaufsphänomen diskutiert. Seine Thematisierung ist eng mit den Ideen der Hospizbewegung verknüpft.

An das Sterben können Forderungen gestellt werden: Sterben soll human, würdig und gut sein. Das ist Konsens im öffentlichen Diskurs. Sterbeprozesse können analysiert und in Sinn- und Handlungsoptionen gebende Phasen eingeteilt werden, wie es etwa Elisabeth Kübler-Ross getan hat.[5] Sie ist damit zur Mitbegründerin des guten, begleiteten Sterbens geworden. In dieser Perspektive scheinen die optimistischsten Gestaltungschancen möglich. Sie werden heute unter dem allfälligen Stichwort "Sterbebegleitung" und der neueren Organisationsidee "Netzwerk Abschiedskultur" diskutiert. Solche Netzwerke sollen, so die Vorstellungen, über das gesamte Sterbegeschehen geworfen werden, aber insbesondere über das institutionelle Sterben und hier über das Sterben in Heimen, das als schlechtestes Sterben gilt.[6]

Sterben ist das, vor dem die Menschen heute Angst haben; Interviews und Umfragen bestätigen das.[7] Mit dem Tod, dem Nicht-Sein, wird dagegen wenig Beunruhigendes verknüpft. Geäußerte Sterbensängste beziehen sich vor allem auf die körperlichen Dimensionen und das medikalisierte Sterben: Befürchtungen, Schmerzen und sonstige Qualen erleiden zu müssen, bzw. unnötiger Lebensverlängerung und einer Apparatemedizin ausgesetzt zu sein. Entsprechend wird auf die Frage nach dem Sterbeideal - "Wie möchten Sie sterben?" - ein schnelles und schmerzloses Sterben vorgezogen. In einer schon erwähnten Umfrage wünschen 80 Prozent der Befragten plötzlich und unerwartet zu sterben, während 20 Prozent lieber bewusst und vorbereitet sterben wollen.[8]

Die Widersprüche sind hier deutlich genug. Im öffentlichen Diskurs wird fast ausschließlich das Sterbeideal eines begleiteten Sterbens im Sinne der Hospizbewegung vertreten. Demgegenüber sind bei der Mehrzahl der deutschen Bevölkerung keineswegs Vorstellungen eines bewussten Erlebens der letzten Lebensphase, des Sterbens als Lebenserfahrung vorherrschend, sondern der Wunsch, dass der Tod schnell und komplikationslos eintreten möge.

In dieser Hinsicht sind die sehr einmütigen Willensäußerungen, zu Hause sterben zu wollen, weniger zu verstehen als Wunsch nach einer gut funktionierenden ambulanten Pflegeversorgung, ggf. einer Palliativpflege, sondern als Hoffnung, wenn denn schon gestorben werden muss, möglichst direkt aus dem Alltag gerissen zu werden. Die Wendung: "Ich habe nichts gegen das Sterben, ich will nur nicht dabeisein, wenn es soweit ist." (Woody Allen)[9] ist weniger Kalauer als präzise Formulierung dieses dominierenden Sterbeideals.

Fußnoten

1.
Vgl. Clive Seale, The Transformation of Dying in Old Societies, in: The Cambridge Handbook of Age and Aging, Cambridge et al. 2005, S. 378 - 386. In einer Umfrage erklärten beinahe die Hälfte der Befragten im Alter von 18 bis 50 Jahren, dass sie noch nie das Sterben eines ihnen nahestehenden Menschen miterlebt haben, ein weiteres Viertel hatte erst einen Todesfall erlebt. Alois Hahn/Matthias Hoffmann, Einstellungen zu Krankheit und Tod, Universität Trier, Vortrag auf der Jahrestagung der Görresgesellschaft, Fulda 2007.
2.
Vgl. Hubert Knoblauch/Arnold Zingerle, Thanatosoziologie. Tod, Hospiz und die Institutionalisierung des Sterbens., in: dies. (Hrsg.), Thanatosoziologie, Berlin 2005, S. 12ff.
3.
Vladimir Jankélévitch, Der Tod (zuerst franz. 1966), Frankfurt/M. 2005, S. 13.
4.
Ebd., S. 33.
5.
Vgl. Elisabeth Kübler-Ross, Interviews mit Sterbenden, Stuttgart 1982.
6.
Vgl. Jutta Dreizler/Hermann Brandenburg, Sterben im Heim, in: Altenheim, 45 (2006) 9, S. 55.
7.
Vgl. A. Hahn/M. Hoffmann (Anm. 1): 60 % der Befragten haben Angst vor dem Sterben, 7 % Angst vor dem Tod.
8.
Vgl. ebd. Eine Emnid Umfrage von 2001, die eine dritte Antwort - bisher keine Gedanken gemacht - zulässt, kommt zu folgendem Ergebnis: 60 % wünschen ein schnelles und plötzliches Sterben, 12 % ein bewusst und begleitetes, 25 % haben sich noch keine Gedanken gemacht. Deutsche Hospiz Stiftung, Meinungen zum Sterben, in: www.hospize.de/docs/stel lungnahmen/08.pdf (15.11. 2007).
9.
Zit. nach: Ulrich Greiner, Länger nicht leichter, in: Die Zeit, Nr. 39 vom 20.9. 2007, S. 5.