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14.12.2007 | Von:
Imre Kertész

Europas bedrückende Erbschaft

Eine Zivilisation, die ihre Werte nicht deutlich erklärt oder ihre erklärten Werte im Stich lässt, geht den Weg des Verfalls.

Einleitung

Nach den schrecklichen Prüfungen des hinter uns liegenden Jahrhunderts durften wir schließlich auch Zeuge einer unerwarteten und freudigen Wendung sein: Ich meine den unblutigen Zusammenbruch des Sowjetreiches, dieses erschütternde, schwer zu fassende Ereignis, das mit einer ähnlichen Eigengesetzlichkeit ablief wie gewaltige Naturereignisse, die wir entsetzt oder entzückt bestaunen, aber nicht beeinflussen können. Als dann die große tönerne Feste zusammengestürzt war, leuchteten Freudenfeuer auf, und überall in Europa setzte unbekümmertes Feiern ein. Erst nach dem Abklingen der ersten Euphorie dachte man auch an die Erbschaft, die entsetzliche Hinterlassenschaft des dahingeschiedenen Giganten, und in der Atmosphäre der Beklommenheit trat plötzlich die europäische Idee hervor.[1]




Richtiger gesagt, der Plan einer europäischen Währungs- und Zollunion. Von einer Idee war nicht die Rede. Eigentlich freuten wir uns eher darüber, dass das unheilvolle Zeitalter der Ideen zu Ende gegangen war. Es schien, dass mit dem Verschwinden des letzten totalitären Reiches auch die letzte totalitäre Ideologie ausgelöscht war und der als Irrglauben überführte Staatssozialismus in Europa keinen Boden mehr hatte. Dafür umso mehr die Währungs- und Zollunion, dieser vorsichtige, aber weitsichtige und sinnvolle Gedanke. Europa hat sich seit Menschengedenken der rationalistischen Tradition verschrieben, und obzwar es auch irrationale Staatsformen hervorgebracht und absurden Mächten gedient hat, wurde das später stets inständig verurteilt. Warum sollte man also gerade jetzt ein - im Übrigen vollkommen notwendiges - Institutionensystem wie die Europäische Union mit einer Idee ausstatten, es idealisieren, etwa gar ideologisieren?

Dieser Pragmatismus jedoch, der die Verhandlungssäle beherrschte, aus denen nur Wortfetzen von Finanzdebatten und das Auf-den-Tisch-Hauen der ihre Eigeninteressen verfechtenden Seiten zu vernehmen waren, erwies sich als eine Sprache, die viele nicht verstanden, in den osteuropäischen Ländern, die gerade ihre Unabhängigkeit wiedergewonnen hatten, vielleicht sogar niemand. Diese Länder blieben sich selbst überlassen, und so seltsam es klingt, nach der kümmerlichen Sicherheit unter der fremden Besatzung gewannen Angst und Ratlosigkeit die Oberhand. Vergebens das hohle Schulterklopfen, vergebens ertönten vollmundige Phrasen wie "Es wächst zusammen, was zusammen gehört" - die Wunden sind bis heute nicht verheilt, und statt einer Dynamik der Erneuerung ist eher ein ideologisches Vakuum entstanden.

Es war ein wichtiger Augenblick, denn damals hat sich das Schicksal Europas entschieden, unser aller Schicksal, das wir heute unter dem Eindruck tiefgreifender Veränderungen, des unerwarteten Zerfalls alter Übereinkünfte, der Radikalisierung, der Angst vor Terror und von Ohnmacht durchstehen. Der jugoslawische Völkermord hat deutlich gemacht, dass Europa zögert, die bedrückende Erbschaft anzunehmen, die der sowjetische Koloss ihm hinterlassen hat. Einige Jahre lang wagte man einfach nicht wahrzunehmen, dass sich an den südosteuropäischen Grenzen bereits die Schlünde der Apokalypse auftaten, die heute die ganze Welt zu verschlingen drohen.

Vielleicht sind das starke Worte, doch ich bin davon überzeugt, dass die Stunde der Wahrheit gekommen ist, wo statt populistischer Phrasen, juristischen Hochmuts und politischer Gesinnungsmanipulation eine Analyse der Tatsachen erforderlich wäre. Heutzutage ist viel vom "alten Europa" die Rede, von seinen Traditionen, der europäischen Kultur, und es kann kein Zweifel bestehen, dass die Krise, ja Spaltung, deren Zeugen wir heute überall in Europa werden können, größtenteils kultureller Natur ist. Wenn wir bedenken, dass Europa im 20. Jahrhundert doch noch den Sieg davongetragen hat über die totalitären Mächte, die beiden totalitären Ideologien Nazismus und Kommunismus, die seine existentiellen Grundprinzipien bedrohten, ja, dass das neue Jahrtausend gerade im Zeichen dieses Sieges eröffnet worden ist, könnten wir eigentlich zufrieden sein. Andererseits sind diese totalitären Mächte auf dem Boden Europas entstanden, ihre Wurzeln haben sich aus der vergifteten Erde der europäischen Kultur genährt, und es ist die große Frage, ob die europäische Vitalität ohne die Hilfe der Vereinigten Staaten von Amerika zu ihrer Bewältigung ausgereicht hätte.

Man könnte sagen, dass dies eine politische und keine kulturelle Frage ist. Vielleicht wäre sie das, sähen wir nicht, dass Europa heute in ganz ähnlicher Weise prinzipiellen Fragen gegenüber steht wie 1919 oder 1938 und ebenso unentschlossen mit ihnen ringt wie damals. Wie ist das möglich, nachdem wir in dem halben Jahrhundert seit dem Zweiten Weltkrieg von nichts anderem gehört haben als von der Wichtigkeit des Gedenkens, den Schrecken des Krieges, den aus dem Holocaust und dem Gulag-System zu ziehenden, uns ständig vor Augen stehenden Lehren, damit sich all die Gräuel, wie es heißt, nicht wiederholen könnten?

Zweifellos ist es nicht leicht zu gedenken. Vor einiger Zeit war ich Besucher einer Ausstellung, in der Dokumente über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht gezeigt wurden, und überraschte mich dabei, wie ich mich, als Fremder dort höflich, mit starrer Miene bemühte, eine distanzierte Haltung zu wahren, damit mich der Schrecken des ausgestellten Materials nicht niederwarf. Sollte ich vergessen haben, dass ich selbst Betroffener und Überlebender dieses Grauens bin? Sollte ich den Geruch der taufrischen Morgendämmerung vergessen haben, wenn die Gewehrsalven erdröhnten? Den Sonntagabend im Lager, wenn die Krematoriumsanwärter noch vom Festtagskuchen träumten? Nicht vergessen, nein, doch nachdem ich es mit Worten gestaltet hatte, war all das ausgebrannt und ruhte irgendwie in mir.

Diese Ruhe gebe ich ungern auf, obwohl eben das erforderlich ist: Denn die Schande, von der diese Bilder, diese Dokumente sprachen, geht uns ja alle an, egal, ob wir dort waren, wo Menschen ihr eigenes Massengrab schaufeln mussten, um anschließend von ihren Mitmenschen dort hinein geschossen zu werden, oder ob wir nur durch Erbschaft in den Besitz dieser ungeheuerlichen Tatsachen gekommen sind, von denen wir uns nie mehr freimachen können. Ecce homo - das also ist der Mensch? Eines Tages wird er von seiner Frau, seinen Kinder, seinen alten Eltern weggerufen, und am nächsten Tag schießt er schon Frauen, Kinder, alte Menschen in Gruben hinein, auch noch mit offensichtlicher Lust im Gesicht? Wie ist das möglich? Offenbar mit Hilfe eines Hasses, der - zusammen mit der Lüge - zum unentbehrlichen Bedürfnis, zur wichtigsten Seelennahrung des Menschen in unserem Zeitalter geworden war.

Nie war so offensichtlich wie jetzt, dass mindestens zwei Europa existieren, in denen sich die gemeinsame europäische Erfahrung auf zweierlei Art spiegelt. Nach allgemeinem Verständnis ist Demokratie eine politische Ordnung, überdenkt man es jedoch genauer, ist Demokratie mehr Kultur als bloßes System - und das Wort Kultur verwende ich hier gewissermaßen im gärtnerischen Sinn. In Westeuropa sind die Demokratien organisch gewachsen, die Demokratie hat sich als politische Ordnung auf dem Boden gesellschaftlicher Kultur entwickelt, aus wirtschaftlichen, politischen und mentalitätsbedingten Notwendigkeiten, mit Hilfe erfolgreicher Revolutionen oder großer gesellschaftlicher Kompromisse. In Mittel- und Osteuropa dagegen wurde zuerst die politische Ordnung ins Leben gerufen - soweit sie überhaupt ins Leben gerufen wurde -, und die Gesellschaft hat sich in mühevoller, mitunter schmerzvoller Arbeit anzupassen. Aber ist das nicht auch beim so genannten Sozialismus so gewesen? Der wurde in vielen Gebieten direkt auf dem Feudalsystem aufgebaut, und das besonders Groteske dabei ist, dass die zum Staatsglauben erhobene Ideologie völlig im Widerspruch zur Praxis stand. Dieser brutale Widerspruch ließ sich allein mit den Mitteln des Terrors überbrücken, und die Folgen davon sind bis heute zu spüren.

Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass das wirkliche Novum des 20. Jahrhunderts der totalitäre Staat und Auschwitz waren. Der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts hätte sich die Endlösung noch kaum vorstellen können oder wollen. So lässt sich Auschwitz nicht mit den herkömmlichen, archaischen, um nicht zu sagen: klassischen Begriffen des Antisemitismus erklären. Wir müssen einsehen, dass es keinen organischen Zusammenhang gibt. Unser Zeitalter ist nicht das Zeitalter des Antisemitismus, sondern das Zeitalter von Auschwitz. Der Antisemit unserer Zeit sträubt sich nicht mehr gegen den Juden, sondern er will Auschwitz, den Holocaust. Eichmann hat im Prozess von Jerusalem ausgesagt, dass er nie Antisemit gewesen sei, und wiewohl die Anwesenden an dieser Stelle in Gelächter ausbrachen, halte ich es überhaupt nicht für ausgeschlossen, dass er die Wahrheit gesagt hat. Um Millionen Juden zu ermorden, brauchte der totalitäre Staat nicht so sehr Antisemiten als vielmehr gute Organisatoren. Machen wir uns deutlich: Kein Partei- und Staatstotalitarismus ist ohne Diskriminierung möglich, die totalitäre Form der Diskriminierung ist notwendigerweise der Massenmord.

Es ist nicht leicht, mit der Bürde unserer geschichtlichen Erfahrungen zu leben. Nicht leicht, sich mit der brutalen Tatsache zu konfrontieren, dass jener Tiefpunkt der Existenz, auf den der Mensch zurückfiel, nicht nur die eigenartige und befremdliche Geschichte von ein oder zwei Generationen, sondern zugleich eine generelle Möglichkeit des Menschen darstellt. Uns entsetzt die Leichtigkeit, mit der totalitäre Diktatursysteme die autonome Persönlichkeit liquidieren und der Mensch sich in ein genau passendes, gefügiges Teil einer dynamischen Staatsmaschinerie verwandelt. Es erfüllt uns mit Angst und Unsicherheit, dass so viele Menschen, gar wir selbst, in einer bestimmten Lebensperiode zu Wesen geworden sind, die wir später als vernünftige, mit Sensorium und bürgerlicher Moral ausgestattete Wesen nicht wiedererkennen, mit denen wir uns nicht mehr identifizieren können und wollen.

Einst war der Mensch das Geschöpf Gottes, eine tragische, erlösungsbedürftige Kreatur. Dieses einsame Wesen hat der ideologische Totalitarismus zuerst zur Masse aufgehen lassen, es dann in den Mauern einer geschlossenen Staatsordnung eingesperrt und schließlich zum leblosen Bestandteil einer Maschinerie degradiert. Es bedurfte keiner Erlösung mehr, weil es keine Verantwortung mehr für sich selbst trug. Die Ideologie beraubte es seines Kosmos, seiner Einsamkeit und der tragischen Dimension des menschlichen Schicksals. Zwängte es in ein determiniertes Dasein, in dem die Herkunft, die Zuordnung zu einer Rasse oder Klasse sein Schicksal bestimmte. Und mit dem menschlichen Schicksal wurde es auch der menschlichen Realität, des Lebens reiner Empfindung beraubt. Verständnislos stehen wir vor den in einem totalitären Staat möglichen Verbrechen, obwohl wir uns nur zu vergegenwärtigen brauchen, in welchem Ausmaß der neue kategorische Imperativ: die totalitäre Ideologie, an die Stelle sittlichen Lebens und menschlicher Vorstellungskraft gerückt war.

Diese problematische Lage ist durch die -notwendige und seit langem erwartete - Osterweiterung der Europäischen Union nicht leichter worden. Die osteuropäischen Völker haben ihre Freiheit erlangt, ohne selbst viel dafür getan zu haben. Gewiss, es gab den Berliner Arbeiteraufstand von 1953, die ungarische Revolution von 1956, den Prager Frühling von 1968, die polnische Solidarność-Bewegung von 1980: allesamt Schulen der Bitterkeit. Ein wichtiges historisches Ereignis ist daran zu erkennen, dass es eine Fortsetzung hat, wie wir von dem französischen Historiker Fernand Braudel wissen. Keines dieser Ereignisse hatte eine organische Fortsetzung. Sie hatten lediglich Folgen: Repression, Ernüchterung, das immer bedrückendere Erleben des Sich-Selbst-Überlassen-Seins, das Sich-Abfinden. Am Schluss glaubten die Völker schon lange nicht mehr, ihr Schicksal ändern zu können. Alle wünschten den Zusammenbruch, aber niemand glaubte daran, niemand tat etwas dafür. Und nachdem er erfolgt war, ohne von ihnen herbeigeführt worden zu sein, sahen sie sich mit flimmernden Augen und ziemlich verständnislos, wenn nicht sogar befremdet in der neuen Situation um.

Gerade weil sie sich ihre Freiheit nicht selbst erkämpft hatten und ihre Werte, die vor allem als nationale und individuelle Überlebensstrategien gedient hatten, auf einmal unbrauchbar, wenn nicht gar als beschämende Kollaboration erschienen, erlebte ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser Gesellschaft die Freiheit, die ihr in den Schoß gefallen war, eher als Zusammenbruch. Und als sie nach Stütze suchend den westeuropäischen Demokratien die Arme entgegenstreckten, reichte es dort nur für einen kurzen Handschlag, ein ermutigendes Schulterklopfen. Westeuropa konnte sich nicht entscheiden, was es mit seinen osteuropäischen Nachbarn anfangen sollte, und das wirkte von diesen aus gesehen als Arroganz, die mit der Gekränktheit des armen Verwandten hingenommen wurde. Mit dem Erhalt der Freiheit wurde daher nicht so sehr der Geist der Erneuerung freigesetzt als vielmehr jener der schlechten Vergangenheit, des Ressentiments, des Wiederaufreißens uralter nationaler Wunden, manchenorts in Form von in Mord und Genozid ausartender nationalistischer Raserei, andernorts als verhaltener, hinter der Maske der Demokratie verborgener Nationalismus.

Selbst Skeptiker, die schlimmsten Schwarzseher waren verblüfft über die Vitalität längst begraben geglaubter Ideen, längst überwunden gewähnter Verhaltens- und Denkweisen. Es war, als hätte man bei der mit Mühe und Disziplin vollbrachten lautlosen Weltexplosion ein wichtiges Element des Fusionsprozesses vergessen, das nun, aus der Kette gelöst, zischend um sich selber kreist wie eine aus einem früheren Krieg zurückgebliebene und plötzlich wieder aufglimmende Granate. Wer hätte geglaubt, dass sich die "samtene Revolution" für die osteuropäischen Völker als Zeitmaschine erweisen würde, die mit ihnen nicht vorwärts, sondern rückwärts in die Zeit abhebt, und dass sie ihre Kinderspiele nun dort fortsetzen würden, wo sie sie etwa 1919, am Ende des Ersten Weltkriegs, abgebrochen hatten? So als wäre inzwischen nichts geschehen, als hätte sich in der Zwischenzeit nicht die blutigste und traumatischste Geschichte Europas abgespielt, an der auch sie, und gerade sie, höchst aktiv und überaus leidtragend teilgehabt, über die sie sich jedoch niemals Rechenschaft gegeben, die sie lieber schnell vergessen hatten.

Kein Zweifel, am Anbruch des 21. Jahrhunderts sind wir uns in ethischer Hinsicht selbst überlassen. Das in einem höheren Sinn verstandene Heil des Menschen liegt außerhalb seiner geschichtlichen Existenz - nicht jedoch in der Vermeidung geschichtlicher Erfahrungen, im Gegenteil, in ihrem Erleben, ihrer Aneignung und der tragischen Identifizierung mit ihnen. Allein das Wissen kann den Menschen über die Geschichte erheben, in Zeiten entmutigender, uns jede Hoffnung nehmender Allgegenwart totalitärer Geschichte ist das Wissen die einzig würdige Rettung, das einzige Gut. Nur im Lichte dieses erlebten Wissens sind wir in der Lage uns zu fragen, ob wir aus alledem, was wir begangen und erlitten haben, Werte schöpfen können - zugespitzt formuliert: ob wir unserem eigenen Leben einen Wert beimessen oder es vergessen wie an Amnesie Leidende, vielleicht sogar wegwerfen wie Selbstmörder? Denn der radikale Geist, der den Skandal, die Schmach und die Schande zur Erbmasse des menschlichen Wissens macht, ist zugleich auch ein befreiender Geist, und er betreibt die restlose Aufdeckung der Nihilismusseuche nicht, um diesen Kräften das Feld zu überlassen, sondern im Gegenteil, weil er dadurch seine vitalen Kräfte reicher werden sieht.

Nun kann man mir vorwerfen, dass ich hier keinen einzigen konkreten, mit Händen greifbaren Vorschlag äußere. Tatsächlich verstehe ich weder etwas von Politik noch von Ökonomie noch von Administration. Ich weiß nicht, wie die Flüchtlingsfragen, die sozialen Probleme, die Einbeziehung der ärmeren Länder und ihrer wertvollen Menschen zu lösen sind, ich weiß nicht, wie der Terrorismus beseitigt und ein neues System der Sicherheit geschaffen werden kann. Eines aber weiß ich bestimmt: Eine Zivilisation, die ihre Werte nicht deutlich erklärt oder ihre erklärten Werte im Stich lässt, geht den Weg des Verfalls, der Altersschwäche. Dann werden bald andere diese Werte verkünden, und in den Mündern dieser anderen werden sie nicht mehr Werte sein, sondern Vorwände zu uneingeschränkter Macht und Zerstörung. Wir sind uns selbst überlassen, und weder himmlische und noch irdische Wegweiser leiten uns; wir müssen uns unsere Werte selbst schaffen, Tag für Tag, durch jenes ausdauernde, obzwar unsichtbare Wirken, das solche Werte schließlich ans Tageslicht bringt und zu einer neuen europäischen Kultur zu weihen vermag. Denke ich an das künftige Europa, stelle ich mir ein starkes, selbstsicheres Europa vor, eines, das immer zu verhandeln bereit, doch nie opportunistisch ist. Vergessen wir nicht, dass Europa aus einem heroischen Entschluss heraus geboren ist: als Athen sich entschloss, sich den Persern entgegenzustellen.

Fußnoten

1.
Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm. Leicht gekürzte Fassung eines Vortrags zum Auftakt des Kongresses "Perspektive Europa" in der Akademie der Künste (in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt), im Juni 2007.