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14.12.2007 | Von:
Stefan Berger

Narrating the Nation: Die Macht der Vergangenheit

Gibt es Wege, eine nationalgeschichtliche Geschichtsschreibung zu überwinden? Nationalgeschichte als Infragestellung nationaler Identitätskonstruktionen könnte ein lohnendes Betätigungsfeld sein.

Einleitung

Die Bildung von Nationalstaaten war und ist auf das Engste verbunden mit der Konstruktion einer möglichst homogenen und stolzen Vergangenheit, die sich in den Tiefen der Urzeit verliert. Dieser Zusammenhang ist durchaus kein Phänomen der Moderne.[1] Mittelalterliche englische Chronisten wie etwa William of Malmesbury formulierten bereits deutliche Ideen einer politisch und kulturell einheitlichen Nation, die ein bestimmtes Territorium umfasste und spezifische Institutionen, Interessen und Werte vertrat.[2] Parallelen finden sich in Frankreich, Norwegen, Schweden, Katalonien und in vielen anderen Gebieten Europas, die im Mittelalter eine ausgeprägte Schriftkultur aufwiesen und Formen von Staatlichkeit kannten. Die europäischen Humanisten formulierten im 15. und 16. Jahrhundert bereits einen umfassenden Katalog von nationalen Erinnerungen, Symbolen und Mythen.[3] Während der Reformation wurde die Nationalgeschichte zur wichtigen intellektuellen Waffe im Kampf gegen den Universalismus Roms.






Und doch bestreiten die meisten Nationalismusforscher heute nicht, dass der Nationsdiskurs mit der amerikanischen und französischen Doppelrevolution Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Qualität gewann. In der europäischen "Sattelzeit" (Reinhart Koselleck) am Ausgang des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts gaben eine Reihe von Faktoren der Nation neues Gewicht: Bessere und schnellere Kommunikationsstrukturen und Transportverbindungen ermöglichten eine Massenmobilisierung in ganz neuem Umfang. Die Industrialisierung, Säkularisierung und der Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft boten dem Nationsdiskurs einen neuen Referenzrahmen. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und der Schulpflicht, der Buchdruck und die Ideen des Liberalismus ließen den Nationsbegriff in neuem Licht erscheinen. Die Nation wurde zunehmend sakralisiert, und der Nationsbegriff verband sich mit politischen Partizipationsforderungen des Bürgertums und unterer sozialer Schichten.[4]

Der Übergang zur Moderne sieht nicht nur die Revolutionierung des Nationsdiskurses, sondern auch die Etablierung der Geschichtswissenschaft als eigenständige Disziplin mit Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, die den Historikern wiederum einen privilegierten Zugang zur Interpretation der Vergangenheit erlaubte. Dieser Anspruch erlaubte es professionellen Historikern, sich als Gralshüter der Nation zu stilisieren. Natürlich waren ihre umfänglichen wissenschaftlichen Werke nicht unbedingt massenwirksam. Bis heute schreiben Historikerinnen und Historiker weitgehend für Kollegen und Studierende, und nur wenige erreichen ein historisch aufgeschlossenes Laienpublikum. Aber Historiker waren eben immer auch als Redenschreiber, Redner und Journalisten tätig und erlangten so eine Scharnierfunktion zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik.

Insgesamt war eine national orientierte Geschichtswissenschaft immer dort besonders wichtig, wo es eine starke Korrelation zur Instabilität bzw. Unsicherheit nationaler Diskurse gab. Je ungewisser die nationale Identität, desto notwendiger schien die Vergewisserung der nationalen Vergangenheit und desto bedeutsamer war die Geschichtswissenschaft. Im Großbritannien des 19. und frühen 20.Jahrhunderts bildeten Protestantismus, Imperialismus, das Meer und die splendid isolation sowie die Abgrenzung von mächtigen Kontinentalstaaten (Frankreich, Deutschland) die Folie für einen extrem stabilen und kaum hinterfragten Nationsdiskurs. Die Geschichtswissenschaft entwickelte sich spät und wurde nie zur Leitwissenschaft. Debatten um die nationale Vergangenheit blieben peripher. Eine kaum hinterfragte Whig historiography bestimmte die meisten nationalen Narrative.[5] Ein Gegenbeispiel zu Großbritannien ist Deutschland. Mit der späten Nationalstaatsbildung im 19. Jahrhundert ging die Rivalität verschiedener Nationalstaatskonzepte mit unterschiedlicher historischer Unterfütterung einher: Klein- und großdeutsche Ideen vermischten sich mit politischen Konzeptionen (liberal, konservativ, sozialistisch) und sich zum Teil ausschließenden konfessionellen Nationsdiskursen.

War also die Geschichtsschreibung als Gralshüterin der Nation nicht überall in gleichem Maße gefragt, so fand man doch im Verlauf des 19. Jahrhunderts in nahezu jedem Winkel Europas Bemühungen um eine Funktionalisierung der Nationalgeschichte im Sinne bestehender oder noch zu schaffender Nationalstaaten. Von staatlicher Seite propagierte Nationalgeschichten waren in noch jungen Nationalstaaten, etwa in Deutschland, Italien oder auch Norwegen, besonders beliebt. Als im Jahre 1811 die neue Universität von Oslo gegründet wurde, gab es dort nur 18 Professoren, von denen allerdings gleich zwei Geschichtsprofessoren (mit dem Schwerpunkt norwegische Geschichte) waren.[6] Doch war der Staat nie der einzige und manchmal nicht einmal der dominante Motor der Nationalgeschichten in Europa. Zivilgesellschaftlichen Aktivitäten bürgerlicher und aristokratischer Kreise, später auch der Arbeiterbewegung, verdanken wir eine Reihe von bedeutenden europäischen Nationalgeschichten. Sie waren besonders wichtig an Orten, an denen die Institutionalisierung und Professionalisierung der Geschichtswissenschaft erst spät einsetzte, etwa in Großbritannien, und dort, wo sich die Nationalgeschichten gegen bestehende Imperien durchzusetzen hatten, also besonders in Ostmittel- und Osteuropa. Zivilgesellschaftliches Engagement konnte dabei oftmals Vorläufer nationaler Institutionen sein. So gehen z.B. die Ursprünge der Ungarischen Akademie der Wissenschaften auf die 1826 gegründete Ungarische Wissenschaftliche Gesellschaft zurück.[7]

Die unterschiedlichen Professionalisierungsgrade der Geschichtswissenschaft in Europa hatten wichtige Auswirkungen auf das spezifische Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Propagierung der Nationsidee. Die frühe Professionalisierung in Deutschland bedeutete gleichzeitig Politikferne und Staatsnähe, während die relativ späte Professionalisierung auf dem Balkan umgekehrt Politiknähe und Staatsferne (gegenüber dem imperialen Staat) produzierte. Politiker waren hier oft die ersten Historiker, da sie in der Funktionalisierung der Historie eine wichtige Waffe für ihre politischen Forderungen nach Errichtung einer eigenen Nation fanden. Eine Überlappung von Historiker- und Politikerkarrieren findet sich im 19. Jahrhundert auch in den westlichen Nationen, besonders in Frankreich. Doch mit zunehmender Professionalisierung wurden diese Karrieresprünge seltener.

Deutlichstes Zeichen der Verwissenschaftlichung der Nationalgeschichte waren die Regale füllenden Sammlungen von Quellen und Dokumenten, die in vielen europäischen Ländern des 19. Jahrhunderts erschienen, oftmals nach dem Modell der deutschen "Monumenta Germaniae Historica". Institutionenbildung führte zur Errichtung von historischen Seminaren an Universitäten sowie von nationalen Archiven und Akademien. Die wissenschaftliche Konferenz mauserte sich zum Forum für den wissenschaftlichen Austausch. Die Fußnote wurde zum Ausweis, das historische Seminar zum Labor wissenschaftlichen Arbeitens. Je wissenschaftlicher sich Klio präsentierte, um so größer wurde die Spannung zwischen Historikern als Propheten der Nation und Historikern als transnationale Gemeinschaft von Fachleuten, die um Objektivität bemüht waren in ihren Versuchen, die Vergangenheit so erzählen, "wie es eigentlich gewesen" (Leopold von Ranke).

Fußnoten

1.
Zur Tiefenwirkung des Nationalismus vgl. Aviel Roshwald, The Endurance of Nationalism. Ancient Roots and Modern Dilemmas, Cambridge 2006.
2.
Vgl. John Gillingham, Civilising the English? TheEnglish Histories of William of Malmesbury and David Hume, in: Historical Research, 124 (2001), S. 17 - 43.
3.
Vgl. Johannes Helmrath/Ulrich Muhlack/Gerrit Walther (Hrsg.), Diffusion des Humanismus. Studien zur nationalen Geschichtsschreibung europäischer Humanisten, Göttingen 2002.
4.
Eine herausragende Einführung zu modernen Nationsbildungsprozessen bietet Miroslav Hroch, Das Europa der Nationen. Die moderne Nationsbildung im europäischen Vergleich, Göttingen 2005; siehe auch Joep Leersen, National Thought in Europe. A Cultural History, Amsterdam 2006.
5.
Vgl. Jürgen Osterhammel, Epochen der britischen Geschichtsschreibung, in: Wolfgang Küttler/Jörn Rüsen/Ernst Schulin (Hrsg.), Geschichtsdiskurs, Bd. 1: Grundlagen und Methoden der Historiographiegeschichte, Frankfurt/M. 1993, S. 157 - 188.
6.
Vgl. William H. Hubbard/Jan Eivind Myhre/Trond Nordby/S?lvi Sogner (Hrsg.), Making a Historical Culture. Historiography in Norway, Oslo 1995.
7.
Zur Institutionalisierung und Professionalisierung der Nationalgeschichte in Europa vgl. Ilaria Porciani/Lutz Raphael (Hrsg.), Atlas of the Institutions of European Historiographies from 1800 to the Present, Houndmills 2009 (in Vorbereitung); Ilaria Porciani/Jo Tollebeek (Hrsg.), Institutions, Networks and Communities of National Historiography: Comparative Approaches, Houndmills 2009 (in Vorbereitung).