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14.12.2007 | Von:
Attila Pók

Der Kommunismus in ostmitteleuropäischen Nationalgeschichten

Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917Teilnehmer einer Kundgebung zum 99. Jahrestag der Oktoberrevolution 2016 in Sevastopol. (© picture-alliance/dpa)

Geschichtskämpfe seit 1988/91

Der unablässige Hinweis auf die historische Notwendigkeit des weltweiten Sieges des Kommunismus unter der Leitung der Sowjetunion war ein wesentlicher Bestandteil der kommunistischen Propagandaarbeit. Nach vielen Jahrzehnten unter dem Einfluss dieser Propaganda stellte die Interpretation des Zusammenbruches des sowjetischen Imperiums eine immense Herausforderung für die Intellektuellen der ostmitteleuropäischen Völker dar. Konflikte über die Bewertung historischer Ereignisse spielten eine Schlüsselrolle beim Übergang zur Demokratie. Auf der Alltagsebene führte das häufig dazu, dass die Behandlung der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg vorläufig vom Geschichtsunterricht in den Schulen ausgenommen wurde. In der Sowjetunion wurden bereits im Mai 1988 die Prüfungen in Geschichte vorübergehend ausgesetzt.[2]

In allen Ländern des ehemaligen sowjetischen Blocks haben Fragen der Nationalgeschichte, die historische Positionierung der völlig unerwarteten Ereignisse einen prominenten Platz in den tagespolitischen Auseinandersetzungen eingenommen. Überall wurde beklagt, dass die von der Sowjetunion unterstützten Kommunisten und ihre Ideologie die schönsten und heldenhaftesten nationalen Traditionen verdrängt hätten. Parallel dazu kam es zur Aufklärung sowjetischer Gewalttaten gegenüber den ostmitteleuropäischen Nationen, etwa die Ermordung polnischer Offiziere in Katyn im April/Mai 1940 oder der Terror (massenhafte Vergewaltigungen und Deportationen von Zivilisten) in den von der Sowjetarmee besetzten Gebieten während der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Auch in diesem Sinne erschien der Kommunismus als Zerstörer der wertvollsten nationalen Traditionen. Viele Politiker forderten die Wiederentdeckung und den Wiederaufbau der so lange verleugneten Nationalgeschichten.

Im Zuge dieser Entwicklung kam es zu spektakulären Ereignissen, welche die postkommunistischen Auffassungen von nationalen Geschichten betonen sollten, etwa symbolische (Neu-)Bestattungen, die Entfernung alter, die Errichtung neuer historischer Denkmäler und die Wahl neuer Nationalfeiertage. In Jugoslawien bedeuteten die Erinnerungen an den 600. Todestag von Prinz Lazar im Jahr 1989 eine Rückkehr zu den serbischen Reichgründungsmythen, die an die Stelle des Kultes um die "jugoslawischen" Partisanen des Zweiten Weltkriegs traten. Die Rückkehr des Herzes des 1941 unter bis heute nicht geklärten Umständen gestorbenen bulgarischen Zaren Boris in sein Heimatland war ein symbolischer Bruch mit dem kommunistischen Erbe in Bulgarien. Die erneute Bestattung des ungarischen Admirals Miklós Horthy, "Reichsverweser" des Landes zwischen 1920 und 1944, verwies auf die Kontinuität zwischen den prä- und den postkommunistischen Zeiten. Die feierliche Beerdigung der polnischen Generäle der "Heimatarmee", Tadeusz Bór-Komorowski und W?adis?aw Sikorski, symbolisierte die Infragestellung der Legitimität des kommunistischen Regimes in Polen. Es verschwanden viele den sowjetischen "Befreiern" gewidmete Denkmäler; neue erinnerten an antikommunistische Nationalhelden wie Józef Pi?sudski in Polen, Jozef Tiso in der Slowakei, Ion Antonescu in Rumänien, Pál Teleki in Ungarn oder an außenpolitische Gewaltakte der Sowjetunion (1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei).

Alle diese Maßnahmen waren heftige Reaktionen auf den kommunistischen Versuch eines vollständigen Bruches mit den Traditionen der so genannten reaktionären Vergangenheit der von der Sowjetunion beherrschten Völker, auf den Versuch, die neue "brüderliche Gemeinschaft" der sozialistischen Länder auf ihre gemeinsamen "progressiven", klassenkämpferischen Traditionen aufzubauen. In den offiziellen kommunistischen, nationalgeschichtlichen Meisternarrativen der politischen Rede und der einheitlichen Schulbücher stand immer der Kampf gegen die ethnisch-nationalen, fremden Ausbeuter im Mittelpunkt. Nach dieser Rhetorik waren die besten Patrioten diejenigen Persönlichkeiten, die nationale und klassenkämpferische Ziele parallel und miteinander verknüpft verfolgt haben.

Schon vor dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, als Folge der Milderung des sowjetischen ideologischen Drucks erschienen - weniger in der Wissenschaft, umso mehr in der Publizistik und in der Alltagssprache - lange verdrängte Visionen von den heroischen Leistungen und tragischen Opfern der ostmitteleuropäischen Eliten der Zwischenkriegszeit. Nach der Zeitenwende von 1989/90 beschleunigte sich dieser Prozess. Zugespitzt könnte man sagen, dass die Chancen einer Persönlichkeit, Bewegung, Institution oder Partei, einen prominenten Platz im neu zu errichtenden nationalen Pantheon zu erhalten, umso größer waren, je antikommunistischer sie eingeschätzt wurde. Das war auch eine Reaktion auf die kommunistische ideologische Praxis, alle Antikommunisten ohne Unterschied als "Faschisten" zu brandmarken.[3] Die große Gefahr bestand nun darin, dass wegen ihrer antikommunistischen Haltung gelegentlich auch Vertreter der extremen Rechten ebenfalls sehr positive Bewertungen erhielten.

Fußnoten

2.
Vgl. H. Altrichter (ebd.), S. IX.
3.
Vgl. Tony Judt, Postwar. A History of Europe since 1945, New York 2005, S. 215.