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14.12.2007 | Von:
Attila Pók

Der Kommunismus in ostmitteleuropäischen Nationalgeschichten

Der Platz des Kommunismus in der Geschichte

In vielen seriösen Diskussionen haben sich die Intellektuellen der ostmitteleuropäischen postkommunistischen Länder mit dem Platz der kommunistischen Regime in der Kontinuität der Nationalgeschichten beschäftigt. Trifft es wirklich zu, dass der Kommunismus allen Ländern der Region von außen aufgezwungen wurde, oder hatte er auch innere, soziale und politische Wurzeln in den Ländern selbst? Kann das kommunistische Zeitalter überhaupt als Teil der Nationalgeschichten angesehen werden? War es nicht doch nur - trotz seiner vielen Opfer - eine zwar lang andauernde, historisch gesehen aber unbedeutende, vorläufige Episode? Ist es möglich, über "organische" Nationalgeschichten zu sprechen, welche die Zeit des Kommunismus ausblenden? Eine mit diesen Problemen eng verbundene, häufig gestellte Frage lautet: War der Kommunismus ein Versuch, die (ökonomische und geistige) Zurückgebliebenheit der jeweiligen Region zu überwinden, oder hat er gerade im Gegenteil zur Verbreiterung und Vertiefung der Kluft (gap) zwischen Ost- und Westeuropa bedeutend beigetragen?

Ein weiterer Teil dieses Problemkomplexes ist die Verantwortlichkeit (anders gesagt: das Verdienst) für das Ende des Kommunismus. War es das starke und unzerbrechliche Rückgrat der Nationen, das allen Bosheiten und Zumutungen der Sowjets widerstanden hatte? Gab es treue Patrioten, deren beharrlicher, konsequenter Antikommunismus schließlich zum Erfolg führte, oder waren es vielmehr nicht eher die pragmatischen und patriotischen Kommunisten, welche die Perspektivlosigkeit des kommunistischen Modells erkannt hatten und, als der Untergang der Sowjetunion und die internationale politische Situation das ermöglichten, mit dem Abbau des Systems begonnen haben?

Nirgendwo in den ehemaligen Sowjetblockländern ist es gelungen, einen geeigneten rechtlichen Rahmen für die Ahndung der Verbrechen des kommunistischen Systems zu finden. Kein System funktioniert ohne Unterstützer, aber das Ausmaß der Verantwortlichkeit der Funktionäre auf unterschiedlichen Ebenen der Hierarchie ist schwer zu formalisieren. Das ist, wie sozialpsychologische Untersuchungen zeigen, kaum vermeidbar. Wenn wir das Trauma des Systemwechsels als massenpsychologische Erscheinung betrachten, ist die Regeneration der Leistungsfähigkeit der Gesellschaften nach diesem Trauma ohne soziale Kohäsion kaum möglich.[4] Die sozialpsychologische Erfahrung lehrt, dass diese Kohäsion am besten mithilfe von Sündenbocken erreicht werden kann.[5] Die Sündenbockfunktion kann auf Individuen, kleinere und größere Gruppen, aber auch auf ganze Länder oder auf Ideologien übertragen werden. Ein bestimmendes Element der postkommunistischen Geschichtsdiskurse war es daher, dem Kommunismus im Allgemeinen eine solche Funktion zu verleihen. Kommunismus als Ideologie und die ihn vertretenden Persönlichkeiten, Gruppen, Parteien wurden nicht nur für den wirtschaftlichen und sozialen Untergang der von ihnen beherrschten Länder, sondern auch für die nationalen Tragödien verantwortlich gemacht.

Außerhalb der individuellen und Gruppenverantwortlichkeiten der Kommunisten in allen Ländern des ehemaligen sowjetischen Lagers war die Bewertung der Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg ein weiteres zentrales Thema der öffentlichen Diskussionen. In welchem Maße trat die Sowjetunion als Befreier auf? War sie nicht nur ein neuer Eroberer? Ist die sowjetische Schuld vergleichbar mit der Schuld der Nationalsozialisten? Wie kann man den Gulag mit den deutschen Konzentrationslagern vergleichen? Die Themen des deutschen Historikerstreites der 1980er Jahre tauchten auf, aber nirgendwo in den ehemaligen sowjetischen Satellitenländern führten sie zu einer die postkommunistische Kohäsion dieser Gesellschaften erleichternden, bereinigenden Diskussion. Stattdessen führten sie zu neuen Spaltungen.

Laut soziologischer Bestandsaufnahmen und politikwissenschaftlicher Analysen spielen bei postkommunistischen Wahlen historische Themen eine bedeutende Rolle. Die Auffassungen über historische Themen sind zu wichtigen strukturformierenden Elementen postkommunistischer Gesellschaften geworden. Unter diesen Themen nimmt die Geschichte von Flucht, Vertreibungen und Zwangsemigrationen eine prominente Rolle ein. Es geht um mehr als dreißig Millionen Menschen,[6] deren Schicksal zu kommunistischen Zeiten kaum erwähnt wurde; gesellschaftliche Turbulenzen sind daher nur allzu verständlich. Das Hasspotential von Nachbarschaften war lange Jahre bewusst verdrängt worden. Traditionelle Konflikte über die staatlichen Zugehörigkeiten von ethnisch gemischt besiedelten Gebieten sind neu an die Oberfläche gelangt. Dieselben Themen wurden zu Hauptpfeilern von mehreren unterschiedlichen nationalen Meisternarrativen. Meine allgemeinen Überlegungen möchte ich abschließend mit zwei Fallstudien illustrieren.

Fußnoten

4.
Vgl. Jon Mills/Janusz A. Polanowski, Ontology of Prejudice, Amsterdam 1997; Zsolt Enyedi/Ferenc Er?s (eds.), Authoritarianism and Prejudice. Central European Perspectives, Budapest 1999.
5.
Vgl. Rene Girard, The Scapegoat, Washington, D.C. 1989; Tom Douglas, Scapegoats. Transferring Blame, London-New York 1995. Ein äußerst reicher Überblick der diesbezüglichen klassischen Literatur in Frederic Cople Jaher, A Scapegoat in the New Wilderness, Cambridge, MA 1994, S. 251 - 255.
6.
Vgl. Paul Magocsy, Historical Atlas of Central Europe. Revised and expanded edition, Toronto 2002, S. 193; Zoltán Szász, Nationen und Emanzipationen im Kontext der ost- und mitteleuropäischen Wende, in: Von Lehrte zum Lehrter Bahnhof. West-Östliche Exkursionen zu Helmut Lippelts 70. Geburtstag. Red.: Ursula G. Jaerisch, Bonn 2002, S.61-69.