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14.12.2007 | Von:
Attila Pók

Der Kommunismus in ostmitteleuropäischen Nationalgeschichten

Ungarn: Die gekrönte Republik

In den offiziellen und halboffiziellen kommunistischen Darstellungen der ungarischen Geschichte des 20. Jahrhunderts spielte die Periode der "Räterepublik" zwischen dem 21. März und dem 1. August 1919 eine Schlüsselrolle. Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie - der kurzen Episode einer demokratischen Republik folgend - übernahm in Ungarn eine von den Kommunisten dominierte kommunistisch-sozialdemokratische Koalition die Macht. Laut kommunistischer Auffassung belegte das die tiefe Verwurzelung des Kommunismus in Ungarn. Im kollektiven ungarischen Gedächtnis war und ist dieses Ereignis vielmehr mit den tragischen territorialen Verlusten des Landes nach dem Ersten Weltkrieg (etwa zwei Drittel des vorherigen Staatsgebietes) verbunden.

Es wird angenommen, dass die Siegermächte allein aus Angst vor der Ausbreitung des Kommunismus Ungarns Zerstückelung sanktioniert haben. Ohne die Kommunisten an der Macht wären sie viel toleranter und großzügiger gewesen. Keine historische Quelle bestätigt das, aber der Mythos der das Land verspielenden Kommunisten überlebte und erwachte mit besonderer Kraft in den Jahren 1989/91. Viele kommunistische Funktionäre des Jahres 1919 waren jüdischer Abstammung. Daher erhielt die antikommunistische Rhetorik antisemitische Untertöne. In den politischen Kämpfen der frühen postkommunistischen Zeit wurden die Liberalen, häufig Kinder ehemaliger kommunistischer Funktionäre, als Erben der früheren kommunistischen "Landverspieler" dargestellt. Anfang 1990 schrieb beispielsweise eine rechtsradikale Zeitschrift, dass die Antisemiten des alten Ungarn nicht den kapitalistischen Geschäftsmann, sondern den marxistischen Freimaurer-Intellektuellen gehasst hätten, der Siebenbürgen verkauft und die Kommunisten erst eingeladen habe.[7]

Laut einer repräsentativen Umfrage 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges[8] war die ungarische Gesellschaft über die Bewertung der damaligen Ereignisse in drei große Lager gespalten. Etwa ein Drittel der Bevölkerung meinte, dass die Sowjets Ungarn tatsächlich befreit hätten, ein anderes Drittel sprach von Besatzung, für den dritten Teil war weder Befreiung noch Besatzung der richtige Terminus. Die Resultate dieser Umfrage bestätigen die anhand von nur 30 Fallstudien aufgestellte Hypothese eines jungen ungarischen Politikwissenschaftlers: In der Strukturierung der postkommunistischen Gesellschaften sind wirtschaftlich definierbare Unterschiede von der gemeinsamen Abstammung und von vererbten Mentalitäten in den Hintergrund gedrängt worden.[9] Das bedeutet keinesfalls, dass materielle Faktoren etwa keine Rolle bei der Strukturierung der postkommunistischen Gesellschaften spielen. Es geht darum, dass die Mechanismen des kollektiven Gedächtnisses die Strukturierung der postkommunistischen Gesellschaften in größerem Maße beeinflussen als in den westeuropäischen Gesellschaften. Im ungarischen Wahlverhalten spielt die Geschichte eine wichtige Rolle: In der erwähnten Umfrage bekannten sich 43 Prozent der größeren Partei der Regierungskoalition, der Sozialisten, und sogar 51 Prozent des kleineren Koalitionspartners, der Liberalen, zur These von der "Befreiung" durch die Rote Armee; dagegen unterstützten 41 Prozent der oppositionellen konservativen Jungen Demokraten (FIDESZ) die These von der Besatzung.

Die Komplexität des Umgangs mit der kommunistischen Vergangenheit zeigt die Diskussion um das Schicksal der Heiligen Krone Ungarns. Die Krone, seit dem 11. Jahrhundert ein Symbol ungarischer Souveränität, landete gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in Fort Knox in den USA. Anfang 1978, trotz des Protestes der Mehrheit der ungarischen politischen Emigranten, gab die amerikanische Seite dieses äußerst wertvolle Symbol der ungarischen nationalen Identität als ein Zeichen der Detente dem ungarischen Staat zurück. Im Gebäude des an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert gebauten ungarischen Parlaments wurde die Krone von der durch US-Außenminister Cyrus Vance geleiteten Delegation den Vertretern des von Kommunisten geleiteten ungarischen Staates übergeben. Obwohl als Teil der Vereinbarung der Erste Sekretär der ungarischen kommunistischen Partei, János Kádár, den Feierlichkeiten fernblieb, bedeutete diese Geste eine amerikanische Anerkennung der Legitimität kommunistischer Macht in Ungarn.

Mit anderen königlichen Insignien wurde die Krone bis Ende 1999 im Ungarischen Nationalmuseum aufbewahrt. Das Jahr 2000 war für die Politisierung dieser Tradition von großer Bedeutung. In jenem Jahr kam es zur Tausendjahrfeier der Annahme des Christentums und der Staatsgründung in Ungarn, und so konnte die nationale Feier mit dem allgemeinen christlichen Jubiläum verknüpft werden. Die konservative Regierungskoalition hatte für die Feierlichkeiten vom 1. Januar 2000 bis zum 20. August 2001 sehr bedeutende finanzielle und organisatorische Ressourcen mobilisiert, wobei der Heiligen Krone eine Hauptrolle zukam. Als Auftakt zu den Feierlichkeiten zum tausendjährigen Bestehen des Staates ließ die christlich-nationale Regierung die Krone unter feierlichem Gepränge in das Parlamentsgebäude bringen. Diese Geste wurde von der sozialistisch-liberalen Opposition stark kritisiert, mit dem Argument, dass die Legitimität des heutigen ungarischen Staates nicht in der vom Papst verliehenen Krone, sondern in der durch die Verfassung symbolisierte Volkssouveränität wurzele.

Fußnoten

7.
Vgl. Szent Korona vom 21.2. 1990, S. 6f., zit. nach: László Karsai, Kirekeszt?k, Budapest 1992, S. 150f.
8.
Vgl. Népszabadság vom 2.4. 2005, S. 5.
9.
Vgl. Richárd László, Posztkommunista társadalom és kollektív emlékezet (Postkommunistische Gesellschaft und kollektives Gedächtnis), in: Valóság, 42 (1999) 2, S. 1 - 18.