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Der Holocaust und europäische Werte


14.12.2007
Eine Welle der Selbstbesinnung hat Europa erfasst und ist Teil dessen, was Historiker "Erinnerungspolitik" nennen. Die Erinnerung an den Holocaust wird zur Grundlage einer gesamteuropäischen Verantwortung.

Einleitung



In den vergangenen 15 bis 20 Jahren haben sich nahezu alle Länder der Europäischen Union (EU) dafür eingesetzt, die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren.[1] Selbst die kleinen und vermeintlich schuldlosen nordischen Staaten schlossen sich dem allgemeinen Bestreben an, der von den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg betriebenen systematischen Ermordung der Juden angemessen zu gedenken.






Norwegen etwa hat Entschädigungen für die Enteignung jener Juden gezahlt, die im November 1942 in Norwegen verhaftet und deportiert wurden. Konnten deren Nachfahren nicht ermittelt werden, flossen die Zahlungen zum Teil in die Gründung eines Zentrums zur "Erforschung des Holocaust und Religiöser Minderheiten", das im August 2006 eröffnet wurde. Eine fast schon poetisch anmutende Rache der Geschichte ist es, dass dieses Zentrum ausgerechnet in der auf der Museumshalbinsel in Oslo gelegenen, aufwändig renovierten, luxuriösen Villa Vidkun Quislings residiert, des Kollaborateurs und norwegischen Ministerpräsidenten der Jahre 1942 bis 1945.

Selbst Dänemark, das den Ruf genießt, die Mehrheit der dänischen Juden im Oktober 1943 vor der Ermordung bewahrt zu haben, gab im Jahr 2000 eine offizielle Untersuchung zur dänischen Flüchtlingspolitik in den Jahren vor und während der deutschen Besatzung (1940 bis 1945) in Auftrag. Die Ergebnisse belegen in vier voluminösen Bänden die restriktive Haltung gegenüber Flüchtlingen sowie die Deportation zahlreicher nichtdänischer Juden unter der deutschen Besatzung.[2] Zudem steht eine Untersuchung der Copenhagen Business School zur ökonomischen Kollaboration der dänischen Industrie und der Landwirtschaft kurz vor der Veröffentlichung. Auch das neutrale Schweden hat sich zu seiner Mitschuld bekannt, umfassende Informationskampagnen zum Holocaust und anderen Formen des Völkermords gestartet sowie als ständige Einrichtung die Institution "Lebendige Geschichte" (Levande Historia) geschaffen.[3]


Fußnoten

1.
Einige Gedanken dieses Beitrags finden sich in früheren Abhandlungen des Verfassers, etwa in: Uffe Østergård, Holocaust, Genocide and European Values, in: Steven Jensen (Hrsg.), Genocide: Cases, Comparisons and Contemporary Debates, The Danish Center for Holocaust and Genocide Studies, Kopenhagen 2003, S. 175 - 192; ders., Denmark and the New International Politics of Morality and Remembrance, Danish Foreign Policy Yearbook 2005, Kopenhagen 2005, S. 65 - 101.
2.
Vgl. Hans Kirchhoff, Et menneske uden pas er ikke noget menneske. Danmark i den internationale flygtningepolitik 1933 - 1939, Odense 2005; Lone Rünitz, Af hensyn til konsekvenserne. Danmark og flygtningespørgsmålet 1933 - 1940, Odense 2005; Cecilie Felicia Stokholm Banke, Demokratiets skyggeside. Flygtninge og menneskerettigheder i Danmark før Holocaust, Odense 2005; Hans Kirchhoff/Lone Rünitz, Udsendt til Tyskland. Dansk flygtningepolitik under besættelsen, Odense 2007.
3.
www.levandehistoria.org.