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11.12.2009 | Von:
Max Otte

Die Finanzkrise und das Versagen der modernen Ökonomie

Eine neue Ökonomie?

Seit der Tulpenmanie der Jahre 1635 bis 1637 sind größere Finanzkrisen ein regelmäßiges Phänomen des modernen Kapitalismus. Dennoch werden sie von der modernen Ökonomie weitgehend ignoriert. Im wohl bekanntesten Ökonomielehrbuch der Volkswirtschaftslehre, "Economics" von Paul A. Samuelson und William D. Nordhaus, das in fünfzig Jahren millionenfach verkauft wurde, kommt der Begriff "Krise" nicht vor.[31]

Dabei ist Ökonomie immer auch politisch. Es geht nicht darum, ob "der Markt" oder "der Staat" dominieren, sondern um Interessenkonflikte zwischen Staaten, sozialen Schichten, Gruppen und Branchen, also um die Frage, wer wie viel vom Kuchen bekommt. Es ist sträflich, dass die moderne mathematische Ökonomie dies vernachlässigt. Prinzipiell wird die politische Ökonomie durch drei Perspektiven informiert: die der Nation (oder Region), die der sozialen Klasse oder die von Individuen und Gruppen.[32] Friedrich List begründete 1846 die nationale Perspektive.[33] "Das Kapital" von Karl Marx enthält eine der ersten Krisentheorien und behandelt das Problem aus Klassenperspektive.[34] In den 1980er Jahren schrieb Mancur Olson "Die Logik des kollektiven Handelns" und zeigte, wie sich in einem liberalen, schwachen Staat starke Interessengruppen die größten Stücke vom Kuchen abschneiden, bis eine Gesellschaft immobil ist - das Thema seines anderen großen Werks "Aufstieg und Niedergang von Nationen".[35]

1947 wurde in der Schweiz die Mont Pelerin Society gegründet, um dem Grundgedanken einer freien und liberalen Gesellschaft wieder zu Ansehen und Wirkung zu verhelfen. Schon damals zeichneten sich zwei Lager ab: diejenigen, die unbedingt an die Marktrationalität "glaubten", und diejenigen, die einen starken Staat befürworteten, damit Märkte überhaupt funktionieren können. Bezüglich der ersten Gruppe sprach Alexander Rüstow auch von der "Religion der Marktwirtschaft".[36] Für die Vertreter der dogmatischen und wirklichkeitsfernen ("quasi-religiösen") Richtung gab es mehrere Nobelpreise (Friedrich August von Hayek, Milton Friedman), für die des Ordoliberalismus (Alexander Rüstow, Wilhelm Röpke) bisher keinen einzigen.[37]

Immer ist die Ausgestaltung von Marktformen und Haftungsregelungen wichtig, wenn wir eine funktionierende und gerechte Marktwirtschaft wollen. Wenn wir die Regeln so gestalten, dass schnelle Investmentbankinggeschäfte oder "Private Equity" buchhalterisch und rechtlich gegenüber dem klassischen Bankgeschäft bevorzugt werden, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir eine Ökonomie bekommen, in der die Spekulation blüht. Wenn wir die Regeln so gestalten, dass die Kreditaufnahme gegenüber der Ersparnisbildung bevorzugt wird, Manager den Lohn ihrer Spekulation einfahren, wenn es gut geht, und die Allgemeinheit die Kosten zahlt, wenn die Spekulation misslingt, begünstigen wir diejenigen, die sich auf Kosten von soliden Banken, mittelständischen Unternehmen und Bürgerinnen und Bürgern bereichern. Wenn wir die Regeln so gestalten, dass Unternehmen, die vom Staat gerettet werden müssen, NICHT verstaatlicht werden, vergreifen wir uns am Grundgedanken einer liberalen Marktwirtschaft. Wenn ein neuer Gesellschafter in ein insolventes Unternehmen eintritt, ist das Eigenkapital ausradiert, und diesem neuen Gesellschafter gehört das Unternehmen - und sei es der Staat. Man kann das Unternehmen später ja wieder privatisieren.

Im Jahr 2009 wandten sich in Deutschland 83 bekannte Ökonomen - unter anderem Herbert Giersch, Rudolf Hickel, Olaf Sievert, Christian Watrin und Arthur Woll - mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit, die Lehre der Wirtschaftspolitik an den Universitäten zu retten. Zu sehr werde auf mathematische Modelle gesetzt, so dass das Denken über wirtschafts- und ordnungspolitische Fragestellungen mehr und mehr in den Hintergrund gerate.[38] Ihr Aufruf droht ohne große Konsequenzen zu bleiben. Die Gefahr ist groß, dass die Priesterkaste der mathematischen Ökonomen auch in Zukunft grundlegende ordnungspolitische Zusammenhänge ignoriert und sich in esoterischen Modellen ergeht, während draußen in der Welt bereits die nächste Blase entsteht.

Fußnoten

31.
Paul A. Samuelson/William D. Nordhaus, Volkswirtschaftslehre. Das internationale Standardwerk der Makro- und Mikroökonomie, München 2007.
32.
Vgl. Robert Gilpin, The Political Economy of International Relations, Princeton 1987; ders., The Challenge of Global Capitalism: The World Economy in the 21st Century, Princeton 2002.
33.
Vgl. Friedrich List, Das Nationale System der Politischen Ökonomie, Baden Baden 2008.
34.
Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bde. I - III, Berlin 200839.
35.
Vgl. Mancur Olson, Die Logik des kollektiven Handelns: Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen; ders., Aufstieg und Niedergang von Nationen, beide Tübingen 2004.
36.
Alexander Rüstow, Die Religion der Marktwirtschaft, Münster 2004; vgl. auch Wilhelm Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, Bern 19795 und ders., Civitas Humana, Bern 19794.
37.
Vgl. M. Otte (Anm. 13), S. 68f.
38.
Vgl. Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten!, online: www.faz.net/s/RubB8DFB31915A44
3D98590B0D538FC0BEC/Doc~EA1E
6687105BC44 399168BC77ADE64F8A~ ATpl ~Ecommon~Scontent. html (23.11. 2009).

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